Als Wandergesellin auf der Walz

Die junge Schreinerin Franziska Doepke reist seit vier Jahren frei und selbstbestimmt als Handwerksgesellin durch Europa. Sie ist auf der Walz, wie die traditionelle Wanderschaft heißt. Ein Porträt über das unkonventionelle Abenteuerleben einer Wandergesellin, die für Fortkommen und Unterkunft kein Geld ausgibt.

„Egal, ob auf Wanderschaft oder nicht: Unterwegssein würde ich jedem Menschen raten. Einfach für einige Zeit weg zu sein vom Gewohnten“, sagt Franziska Doepke, die für ihre 25 Lebensjahre ungewöhnlich selbstbewusst, dabei beherzt und offen wirkt. Franziska hat eine muskulöse Statur, aber ihr weiches Gesicht und ihre sanften rehbraunen Augen strahlen eine Warmherzigkeit aus, die besticht. Ihr glockenhelles Lachen steckt an.

Viele Länder hat die junge Frau bisher schon alleine bereist. Sie ist ohne Handy getrampt, hat oft unter freiem Himmel geschlafen und in vielen Orten Schreinermeister um Arbeit gegen freie Kost und Logie oder lediglich den Gesellenlohn angefragt. „Mir hat die Idee gefallen, durch Arbeit die Welt zu bereisen.“ So war sie bereits in ganz Deutschland und in vielen Ländern Europas unterwegs.

Aufbruch in die Fremde mit Hut und Stock

2015 ist sie von daheim aus einem Dorf in Niederbayern in die Fremde aufgebrochen für drei Jahre und einen Tag, wie es der Brauch verlangt. Ausgestattet in der traditionellen Kluft mit schwarzem Hut, Schlaghose, weißem Hemd und einem aus einer Buche ausgeschlagenen Wanderstock. In der selbstgemachten Holztrage auf dem Rücken nur das Allernotwendigste in zusammengeschnürten Bündeln: Eine Garnitur zum Wechseln, eine Straßenkarte, eine Wasserflasche, das Wanderbuch.

Nach einem Abschiedsfest zu Hause wird sie von einer Altgesellin abgeholt. Ganz nach Handwerkstradition klettert sie auf das Ortsschild und ruft letzte Worte in die Heimat, ins Gewohnte. Dann lässt sie sich rückwärts fallen in die Arme der Gesellen, schaut nicht mehr um und blickt in die Fremde. Und los geht die Wanderschaft zu Fuß, begleitet von ihren Handwerkskolleginnen und -kollegen.

Ganz nah am Leben sein

Sprung über das Ortsschild

„Zu keiner Zeit habe ich es bereut, über das Ortsschild gesprungen zu sein“, sagt Franziska. Ein Handy, das auf der Walz nicht erlaubt ist, hat sie nie vermisst. Und setzt hinzu: „Eigentlich lebe ich einen großen Traum. Was mir am meisten gefällt: So ganz nah am Leben zu sein.“

Das einzig Beständige auf der Wanderschaft: Der Wechsel, immer wieder neue Menschen, Begegnungen, Arbeitsorte. Was sie so zufrieden und entspannt macht? Das ist die Lebenskunst, ganz im Moment zu sein. „Weil gar nichts anderes übrig bleibt, konnte ich nicht auf Gewohntes zurückgreifen.“ Sie musste lernen, mit der Ungewissheit umzugehen, zu improvisieren, zu netzwerken, zu kommunizieren.

Franziska hat sich durch die vielen Erlebnisse auf ihren Reisen ihre eigenen Meinungen gebildet, die in keine Schublade passen. Ihr Credo: „Ich glaube, Komfort und Sicherheit sind eine Anschauungssache.“ Für sie ist es Luxus, so wenig zu haben und frei zu sein. An allen Orten kann sie sich doch die Dinge leihen, sagt sie belustigt. So muss sie keine eigene Kreißsäge mitnehmen, sondern kann in den Betrieben fragen, ob sie sie mitnutzen kann.

Das setzt voraus, dass sie respektvoll und achtsam mit den Werkzeugen und Dingen umgeht. „Vertrauen ist meine Sicherheit auf der Reise.“ Und die innere Gewissheit, alles Lebensnotwendige an den Orten finden zu können. Dadurch, dass sie darauf vertraut, stets auf offene und großzügige Menschen zu treffen. Im Gegenzug revanchiert sie sich, indem sie ihr Handwerk anbietet, dem Ort etwas zurückgibt und sich interessiert zeigt, eine gute Zeit mit den Menschen zu verbringen.

Unterwegs ohne Wecker und Armbanduhr

Nie hat sie eine Armbanduhr besessen oder einen Wecker. Den leiht sie sich meist vom Schreiner vor Ort oder lässt sich von den Kirchenglocken oder dem Geschirrgeklapper in der Küche wecken. Ihr Verhältnis zur Zeit verschiebt sich, ist relativ, nie herrscht Routine. „Oft denke ich am Freitag nach, wo ich am Montag war, da liegen oft so viele Welten dazwischen.“

Manchmal ist dieser Lebensstil auch anstrengend, z. B. wenn sie die vielen Erlebnisse verarbeiten will, Rückzug nicht möglich ist und sie nicht so viel reden möchte. Meist erlebt sie jedoch eine ungezwungene Gastfreundschaft. „Ich kann gut regenerieren, weil ich einfach so bin, wie es mir gerade geht und meine Bedürfnisse offen mitteile.“

Aber es gibt auch Orte und Menschen, die für sie schwierig sind. Wenn das Wetter es zugelassen hat, hat sie manchmal  lieber unter freiem Himmel geschlafen und „einen schönen Platz“ gefunden, versteckt in einer Scheune, einem Gartenhaus, unter einer selbstgebauten Plane im Wald, in Parkhäusern. Dann ging es ihr gut. Schlaflose Nächte hatte sie eher bei Menschen, bei denen sie sich nicht wohl gefühlt hat.

Ob sie keine Angst gehabt hat, im Freien zu schlafen? „Unter der Brücke hatte ich schon Angst. Aber man kann sich reinsteigern, oder versuchen mit der Angst umzugehen.“ Stets vertraut sie auf ihr Bauchgefühl, welcher Platz sicher ist.

Ihre Intuition zeigt ihr auch in Konfliktsituationen den Weg. „Manche sehen mich nur als billige Arbeitskraft und wollen mich schlecht behandeln.“ Einmal hat sie den Bau eines Gartenhäuschens bei jemandem abgebrochen, der im Rechtsstreit mit dem Nachbarn lag, in den sie nicht verwickelt werden wollte. Dann beruft sie sich auf den Regelkodex im Wanderbuch: „Ich reise frei, selbstbestimmt und unabhängig.“ Aus ethischer Sicht wichtig ist ihr im Konfliktfall, mit sich selber und nach außen klar zu sein, einen ehrlichen Umgang zu pflegen und viel zu kommunizieren.

Als Frau allein unterwegs

Unterwegs beim Trampen

Häufig wird sie unterwegs gefragt, ob sie als Frau nicht Angst habe, allein zu reisen und es nicht Übergriffe von Männern gab? Mit Männern habe sie sogar überwiegend positive Erfahrungen gemacht, besonders beim Trampen, sagt sie. Aber sie hat gelernt, Nein zu sagen und Versuche von Grenzüberschreitungen, egal ob von Männern oder Frauen, klar zurückzuweisen. Einmal hat ihr ein Mann in der Werkstatt mit einer Holzlatte auf den Po gehauen. Da hat sie sich sofort sprachlich zur Wehr gesetzt und ihre Meinung gesagt, dass so ein Verhalten nicht geht.

„Mir ist es wichtig, meine eigene Würde zu bewahren und Konflikte aus dem Weg zu räumen, damit sie mich nicht belasten. Auch bin ich es dem Ort schuldig, meine Meinung offen zu äußern, damit ich mit einem guten Gefühl weiterreisen kann.“

Wichtig sei, entsprechend der Situation angemessen zu handeln. „Das kann man lernen beim Unterwegssein, stets aufmerksam zu sein.“

Innerer Halt: der Glaube an das Herz

Was ihr inneren Halt gibt auf der Wanderschaft, das ist ihr Glaube an das gute Herz. Das Wissen um innige Beziehungen zu ihrer Familie und Freunden, die im Notfall immer für sie da wären. Vertrauen gibt ihr auch das Wissen, dass es überall auf der Welt offene und herzliche Menschen gibt.

Die Wanderschaft hat für sie etwas Magisches wie in der Kindheit, wo sie die Dinge oft sehr intensiv erlebt hat. Manchmal erlebt sie die Wanderschaft rauschartig. „Da könnte man schon einen Kontrollverlust haben, wenn du nicht weißt, wo es hingeht. Aber dann gebe mich ohne Erwartung dem Auf und Ab des Lebens einfach hin.“ Dieses Leben ist für sie sinnerfüllt. Handwerk und Reisen sind für sie eine Lebensphilosophie, mit allem, was ist, zu sein. „Da gehören auch die schlimmen Dinge dazu.“

Durch das Reisen ist sie entschiedener geworden und hat sich über viele Dingen ihre Meinung gebildet, wie sie sagt. Jetzt, nach vier Jahren Unterwegssein zieht es sie nach Hause. Im Frühjahr ist es soweit.

Sie will ein Handwerkskollektiv an einem geeigneten Ort gründen, wo man gemeinsam leben und arbeiten kann. „Ich möchte in der Gemeinschaft vieles teilen, mich unabhängig machen und Einfluss nehmen auf die Dinge, die man baut. Ich kenne schon ein paar Leute, die mitmachen wollen, auch ihr Freund, der wie sie Wandergeselle war. Eine Gärtnerei ist geplant, wo man Gemüse und Kräuter anbauen und verkaufen kann, Werkstätten, ein Café oder eine Kneipe mit Musik und vieles mehr. „Ich werde meinen Traum umsetzen“, sagt Franziska entschieden. Und so tatkräftig und entschlossen wie sie wirkt, wird es ihr sicher gelingen.

Michaela Doepke

Zusatzinfo zur Walz: Die traditionelle Wanderschaft

Die traditionelle Wanderschaft von Handwerksgesellen und -gesellinnen bezeichnet man auch als „Walz“ oder „Tippelei“. Erste Aufzeichnungen darüber finden sich bereits im 14. Jahrhundert. Die heute zünftig reisenden Wandergesellen und -gesellinnen geben für Fortkommen und Unterkunft kein Geld aus und reisen für mindestens 3 Jahre und 1 Tag nach Abschluss ihrer Lehre. Sie halten sich an eine „Bannmeile“ von 50 Kilometern um den Ort, den sie Zuhause nennen und besitzen kein Mobiltelefon.

Sie tragen ein Wanderbuch bei sich, das sie als zünftig Reisende ausweist und in dem sie der Bürgermeister ihrer Meldegemeinde „fremdgeschrieben“ hat. Um „loszugehen“ sollte man einen gültigen Gesellenbrief haben, ledig, schuldenfrei, straffrei und unter 30 Jahren sein.

Daneben gibt es auch die zahlreichen geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der Walz. Dazu gehören die Ehrbarkeit, also Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Achtung vor der Ehre der Mitmenschen und Gewaltlosigkeit.

Es reisen die unterschiedlichsten Gewerke in verschiedenfarbigen Klüften: Kirchenmalerinnen, Geigenbauer, Steinmetze, Goldschmiedinnen, Fahrradmechanikerinnen, Buchbinder, Schneider, Korbflechter, Zimmerfrauen, Elektrikerinnen, Gärtner, Schlosser, Konditorinnen… Derzeit reisen ungefähr 700 junge Handwerkerinnen und Handwerker in dieser Tradition. Sie kommen aus Deutschland, Schweiz, Österreich, Luxemburg und einige aus Frankreich.

www.zunft.de