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„Ich wünsche mir ein Denkmal für die Zukunft“

Foto: privat

Mit Theaterkunst gegen die Ohnmacht

Der Wiener Sprachkünstler Muhammet Ali Baş wünscht sich Orte, an denen Menschen sich gemeinsam die Zukunft vorstellen. Dafür hat er eine Performance geschaffen, in denen er sich zusammen mit dem Publikum auf eine Reise in die Zukunft begibt.

 

Der Wiener Sprachkünstler Muhammet Ali Baş verteilt Pfefferminzbonbons an das Publikum. Er nennt die Drops „Mentha Memoralis“ oder Erinnerungsbooster. Helfen sollen sie „gegen das Gefühl politischer Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit“, wie es im Beipackzettel heißt.

Baş hat sich für seine Performance „Situation Room“ drei Erinnernde aus der Region auf die Bühne geholt, die sich mit ihm und den Zuschauenden auf die Reise in eine imaginierte Zukunft begeben, über die als „Erinnerung“ erzählt wird.

Verrückt? Ja, durchaus! Der Abend endet beflügelt – mit einem zärtlichen, zuversichtlichen Blick in die Zukunft und einem Gefühl der Handlungskraft.

Im Interview mit Kirsten Baumbusch erklärt Muhammet Ali Baş mehr über sein Anliegen.

Frage: Sie arbeiten für Ihre Performances mit einer fiktiven Firma namens „Not-Yet Lab“, „Noch-Nicht Labor“. Das müssen Sie mir erklären.

Baş: Im Situation Room will ich gemeinsam mit Gästen und Publikum andere Zukünfte sichtbar und vor allem fühlbar machen, indem wir Geschichten über sie erzählen und uns gemeinsam an diese Ereignisse erinnern, um Hoffnung zu schöpfen.

Das „Not-Yet Lab“ erfindet dafür bestimmte Werkzeuge. Eines davon ist „Mentha Memoralis“, eine Tablette, die mit unserem Zeitgefühl arbeitet. Sie formt dieses zu einem Kreis um, so dass wir uns nicht mehr in der Linearität befinden, die wir von Geburt an gewohnt sind. So können wir dann nicht nur in die Vergangenheit blicken, sondern uns eben auch an die Zukunft „erinnern“.

Was bedeutet „Situation Room“, der Titel Ihrer Performance?

Baş: „Situation Room“ ist ein politischer Begriff: ein Raum, in dem in Notsituationen harte Entscheidungen getroffen werden. Wir kennen dazu Fotos aus den USA, auf denen Barack Obama gemeinsam mit Hillary Clinton und Militärleuten im „Situation Room“ sitzt und die Tötung Osama Bin Ladens mitverfolgt.

Ich wollte einen eigenen „Situation Room“ schaffen, in dem Krisen besprochen und Positionen entwickelt werden, um nicht nur zu reagieren, sondern selbst aktiv die Zukunft zu gestalten und anders auf die bestehende Welt zu blicken.

„Ich möchte, dass die Leute aus ihrer eigenen Realität rausgehen“.

Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie dachten: „Sich in die Zukunft zu erinnern, das wäre es“?

Baş: Diesen Gedanken habe ich schon lange im Kopf. Als wir uns während des Masterstudiums mit Denkmälern – auch mit problematischen, beschäftigten, habe ich mich gefragt: Warum ist unser öffentlicher Raum vor allem mit Dingen besetzt, die uns sagen, wer wir mal gewesen sein sollen?

Schon damals habe ich mir ein Denkmal für die Zukunft gewünscht. Ein Denkmal, das darüber spricht, wer wir in all unserer Pluralität sein möchten. Es ist wohltuend, sich diese Zukunft auszumalen und dann alles zu tun, damit sie Wirklichkeit wird. Das ist mein Antrieb.

Wie geht das konkret auf der Bühne?

Baş: Ich habe immer drei lokale Gäste, die ich gemeinsam mit den Veranstaltenden auswähle, aber nicht unbedingt kenne. Dann bitte ich sie im Vorfeld um eine schriftliche Zukunftserinnerung.

Dabei geht es um eine Zukunft, in der eine oder mehrere gegenwärtige Krisen durch unsere eigene Handlungsmacht überwunden sind. Wichtig ist, dass wir dabei nicht auf Hilfe von Außerirdischen angewiesen sind, sondern eben in der Lage sind, uns selbst zu helfen.

Daraus ergibt sich eine Geschichte, die dann in der Performance erzählt werden kann. Ich selbst kenne bei jedem und jeder nur etwa die Grundidee dieser anderen Zukunft. Alles andere ergibt sich im Gespräch.

Das hat durchaus etwas Geheimnisvolles. Ohne Rituale wie mit „Mentha Memoralis“ würde es nicht gehen, oder?

Baş: Ich möchte, dass die Leute die Dringlichkeit spüren, dass sie aus ihrer eigenen Realität rausgehen und dass sie sich gemeinsam auf dieses Gedankenexperiment einlassen. Das ist entscheidend, damit alle im Raum zu Erinnernden werden.

Wir sprechen oft sehnsüchtig von einer besseren Welt, aber viel zu wenige versuchen, sich diese Welt gemeinsam mit anderen vorzustellen und zu erarbeiten. Das wollte ich ändern. Natürlich wissen wir im Hintergrund, dass es ein Spiel ist, aber es ist etwas sehr Reales und Spürbares, wenn man darüber spricht, wie die Welt anders sein könnte.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Die Performance hilft, Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Erstaunlich fand ich die Freude und die Leichtigkeit, die sich einstellt. Was überrascht Sie?

Baş: Wie sehr die Gäste in der Vorbereitung sagen: „Ich checke das Format nicht“ und am Ende sitzen sie da und es funktioniert wie geschmiert. Und mich überrascht, wie real und spezifisch viele dieser Erinnerungen sind.

In einer Performance ging es um eine Erinnerung, in der der österreichische Staat angeklagt wird, dafür dass er mit Regimen zusammenarbeitet, die Menschenrechte mit Füßen treten.

Ganz konkret ging es um den Anklagepunkt der Beihilfe von Mord, als Österreich in den 1990er Jahren iranische Mörder ins Land gelassen hat, um Oppositionelle in Wien zu töten. Da ist ein Unrecht, das existiert, und das wurde von der Erinnernden in der Zukunft verändert.

Oder auch die Erinnerung an ein „Haus der Verbundenheit“ pluraler Gesellschaften, in das sich eine Erinnernde als Achtzigjährige mit ihrem Enkel imaginierte und so die Erfüllung ihres Lebenswerkes voraussah. So entstehen Narrative der Krisenüberwindung, die Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und Hoffnung für eine gerechte Zukunft spenden.

Wie keimt am Ende diese Zuversicht?

Baş: Das hat viel mit der Gemeinschaft zu tun, in der das stattfindet. Die Atmosphäre während der Performance ist sehr fürsorglich und annehmend, selbst wenn man nicht alles an Ansichten teilt. Subjektive Erzählungen bringen Menschen einander näher und berühren sie – das gilt auch für die Zukunft.

Wie geht es weiter?

Baş: Wir sind 2025 in Wien, Heidelberg, Hamburg und Stuttgart. Für 2026 laufen die Planungen gerade an. Wer Festivals oder Formate kennt oder den „Situation Room“ spannend findet, kann sich gerne melden unter: malibas@live.de

Muhammet Ali Baş ist Sohn türkischer Eltern. Baş studierte Deutsch und Geschichte auf Lehramt und konzentrierte sich dann auf das Sprachkunst-Studium an der Universität für Angewandte Kunst. Er machte auch einen Master in Ausstellungstheorie- und praxis und arbeitet heute als Kurator, Kulturvermittler und Sprachkünstler.

Foto: privat
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Kirsten Baumbusch

ist Journalistin und arbeitet in der Kommunikation einer großen Stiftung in Heidelberg. In ihren Ausbildungen zur Coach und Mediatorin hat sie erkannt, wie viel Freude es machen kann, Menschen bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu fördern. Sie ist stets auf der Suche nach Mutmachergeschichten. Mehr Infos

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