“In Kiew ist es nicht sicher”

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Warum Hanna Budivska trotzdem zurückkehrte

Die Ukrainerin Hanna Budivska flüchtete im März 2022 im Zuge des russischen Krieges aus ihrer Heimat. Nach vier Jahren in Deutschland kehrte sie kürzlich in die Ukraine zurück, auch um im Sanitätsdienst zu helfen. Antje Boijens sprach mit der 63-jährigen über ihre Erlebnisse, ihre Familie und ihren unbändigen Mut.

 

Das Gespräch führte Antje Boijens

Frage: Hanna, wie sind Sie am 2. März 2022 aus Kiew nach Frankfurt geflohen?

Budivska: Wir hatten ein gutes Leben, und dann begann der Krieg mit dem ständigen Beschuss. Meine kleine Enkelin hat die Luftkämpfe miterlebt und war so schockiert, dass sie zu stottern begann.

Ich wollte eigentlich nicht fliehen, aber schließlich wurde ich davon überzeugt, um 16 Menschen zu unterstützen – unter ihnen meine beiden Schwiegertöchter und meine drei Enkelkinder. Die Gruppe passte in zwei Busse, die sonst leer in den Westen gefahren wären. Also entschied ich mich zu gehen.

Was haben Sie in diesem Moment gefühlt?

Budivska: Jeder verstand, dass der Krieg nicht 2022 begann, sondern 2014 mit der Besetzung der Krim. Seitdem sind wir im Krieg. Wir haben die Armee unterstützt, waren Freiwillige und haben gespendet. Wir hatten ja 2014 erlebt, wie schlecht ausgerüstet die Menschen damals waren. Sie hatten nichts, womit sie sich schützen konnten.

Seitdem wollten wir aktiv helfen und das Land verteidigen. So gab es ab 2014 in den Geschäften sofort Körbe für Lebensmittelspenden und dann auch Spenden für Medikamente und für Bedürftige und alte Menschen. Wir hatten dafür schon Apps auf unseren Handys. Alles war per SMS für jeden zugänglich; wer helfen wollte, tat es.

Ich werde die Worte meines Mannes nie vergessen, als ich am 24. Februar 2022 vom Lärm der Raketen geweckt wurde. Wir wohnten im 15. Stockwerk und konnten die Spannung in der Luft spüren. Mein Mann sagte nur: „Unser Leben wird nie mehr dasselbe sein.“

Um 5 Uhr morgens kamen wir zusammen, um zu fliehen. Die dümmste Entscheidung, die wir dann getroffen haben, war, in Richtung Butscha zu fahren. Dort lebten mein Sohn und seine Familie, fünf Kilometer von Butscha und 16 Kilometer vom Flughafen in Hostomel entfernt.

Mein Mann blieb in der Ukraine.

Können Sie uns erzählen, wie Sie das überstanden haben?

Budivska: Nein. Es war ein Wunder. Als wir in diesen Minibussen mit 16 Menschen flohen, fuhren wir unter den Fittichen der Engel – ich kann es nicht anders erklären.

Sahen Sie Menschen auf den Straßen?

Budivska: Natürlich. Menschen eilten zum Bahnhof, und wir überlegten, wann es am besten wäre zu fahren. Die Busfahrer waren völlig erschöpft. Sie waren einen Tag lang von der polnischen Grenze aus hierhergefahren.

Also saßen wir zwei Stunden im Bus und warteten auf eine Entscheidung. Als es so weit war, war das so ein Moment: Mein Mann nahm seinen Ehering und gab ihn mir, denn wir wussten nicht, ob wir uns wiedersehen würden.

Er war fest entschlossen, in der Ukraine zu bleiben. Sie hatten beschlossen, Kiew zu schützen, es war keine organisierte Einheit. Sie hatten zwei Jagdgewehre für vier Personen. Außerdem hatte mein Mann schon jede Menge Molotow-Cocktails gebastelt. In der Straße nannten sie ihn nur den “Barkeeper”.

Mein Sohn kämpfte in Cherson.

Erzählen Sie uns: Wie war Ihr Alltag in den letzten Jahren vor Ihrer Abreise aus Kiew?

Budivska: Mein Leben in Kiev war wunderschön! Ich war freiberuflich als Lehrerin tätig. Seit 2015 war ich Inhaberin und Leiterin einer Reiseagentur namens „Travel and Study Consulting“. Wir schickten Schülerinnen und Schüler zum Studieren in die ganze Welt.

Als Englischlehrerin war ich auch im Kuratorium von “People to People International“ (PTPI), einer internationalen Organisation, durch die ich Freunde auf der ganzen Welt hatte und noch immer habe.

Was war mit Ihren Kindern damals?

Budivska: Oh Gott! Der Jüngste war damals schon 26. Alle waren zu dieser Zeit bereits recht erfolgreich in ihren Unternehmen.

2022 trat mein Sohn gleich dem Lubart Bataillon im Azov Corps bei. Dann nahm er an all diesen schrecklichen Kämpfen teil. Er kämpfte auch in Cherson, während ich hier war. Für mich war es wie ein endloser Alptraum – ich konnte überhaupt nicht mehr schlafen.

Er war 26 und leitender Manager eines IT-Unternehmens, als der Krieg 2022 begann. Es war seine Entscheidung, alles hinter sich zu lassen und für sein Land zu kämpfen. Er war kein Habenichts und nie aggressiv. Dieser Junge hatte nicht nur Sprachen gelernt, sondern auch Musik. Er spielte Klavier, am liebsten Chopin.

Er lernte Ukrainisch erst im Gymnasium und sprach es ab 2013, als er mit 18 an der Maidan-Revolution teilgenommen hatte. Es war ihre Revolution der Würde. Seitdem, sagte er mir, fühle er sich wie ein echter Ukrainer und wir sprachen seitdem nur Ukrainisch untereinander.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Man kann nur einmal sterben. Warum Angst haben?

Und wie haben Sie sich dann in Frankfurt eingelebt?

Budivska: Es war wirklich schwer für mich, mich daran zu gewöhnen, mit 21 Menschen in einem Haus zu leben, darunter zehn Kinder.

Später kamen Freiwillige, um Deutsch zu unterrichten, das unterstützte uns bei der Eingewöhnung. Meine beiden Schwiegertöchter kehrten innerhalb von zwei Monaten aus Deutschland nach Kiew zurück.

Hanna Budivska ist jetzt zurück nach Kiew gegangen, Foto: privat

So wachsen die Kinder jetzt trotz des Kriegs in ihrer Heimat mit Liebe und Respekt auf. Ich kann meinen Schwiegertöchtern nur Respekt und Dankbarkeit entgegenbringen. Sie sind wirklich großartige Frauen!

Wissen Sie, in der ukrainischen Tradition sagen wir: “Wenn mein Mann kämpft, gebe ich ihm Waffen.” Also halte ich ihm den Rücken frei. Das ist eine alte ukrainische Tradition.

Sie haben aufgrund Ihrer guten Englischkenntnisse dann sehr schnell Arbeit in Frankfurt gefunden, jedoch nur für ein Jahr. Wie ging Ihr Leben hier weiter?

Budivska: Danach begann ich, Deutsch zu lernen. Doch dann passierten Dinge in der Familie, und ich verlor die Motivation. Ich will jetzt in die Ukraine zurückgehen, weil ich denke, dass ich dort hilfreich sein kann.

Ich habe mich bereits für Sanitätskurse dort angemeldet. Heutzutage müssen wir vor Ort helfen. Also werde ich das in Kiew tun, denn man weiß nie, welches Gebäude als nächstes zerstört werden könnte. Und ich habe meinen Job zurückbekommen.

Und was ist mit dem Krieg? Glauben Sie, dass Sie in Kiew sicher sein werden?

Budivska: Ich glaube nicht, dass es da sicher ist. Die ersten zwei Wochen dieses Jahres waren wir in Odessa. Laut Vorhersage waren 26 Shahed-Drohnen in der Luft. Wir wohnten im 14. Stockwerk. Am 7. Januar lagen wir im Bett und dachten: Wir haben keinen Strom, der Aufzug funktioniert nicht. Ich zählte die Shahed-Drohnen… irgendwann schlief ich ein.

Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich in meinem Land bin. Es ist eher so ein Gefühl wie „Ich bin verbunden, ich bin eine Zelle dieses großen Körpers.“ Und man kann ja nur einmal sterben. Also warum Angst haben?

Sie haben gar keine Angst?

Budivska: Ich habe nur vor zwei Dingen Angst: vor russischen Soldaten und davor, dass meinen Kindern und meinem Mann etwas zustoßen könnte.

Was denken Sie über die Politik der Europäer? Verstehen sie wirklich, was Putin macht und vorhat?

Budivska: Putin ist keine Art Satan. Er ist der Vertreter des “kollektiven Putins”. Es war nicht Putin, der die Menschen in Butscha getötet hat, es war nicht Putin, der Mariupol zerstört hat.

Ich glaube, die Europäer können nichts tun, weil die Russen bereits zu Sklaven geworden sind – was in der Ukraine niemals passieren wird. Wir sind anders.

Es ist einfach so: Ich glaube, die Europäer sind so daran gewöhnt, dieses komfortable Leben zu führen, dass sie es nie im Leben aufgeben würden – nicht einmal um für ihre Demokratie zu kämpfen.

Vielen Dank, Hanna.

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