Indien: Weisheit als Lebensform

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Leben, Lernen und Erfahrung

Weisheit ist im indischen Kulturraum auch heute noch zentral. Doch Wissen allein nicht: Weisheit ist eine Lebenspraxis, die Erkennen, Meditieren und Handeln einschließt. Besonders wichtig ist die Erfahrung. Der Philosoph Krisha Kops stellt in seinem Essay einige Aspekte indischer Weisheit ausgewählter indischer Traditionen vor.

„Weise aber ist die Erkenntnis“, so beschrieb es der Soziologe und Philosoph Georg Simmel einmal, „die, obgleich sie nur etwas Einzelnes betreffen mag, mit der Ganzheit des Lebens im Zusammenhang steht. Sie ist immer eine Aufgipfelung, um deren Fuß die ganze Ebene des Lebens herum liegt.“

Obwohl Simmel hierbei wohl vorwiegend an die europäische Weisheitstradition dachte, passt die Beobachtung (wie das Tal zum Berg) auf die indische nicht weniger gut.

Ließe sich das Bild durch ein indisches ergänzen, so wüchse in diesem Tal ein Banyanbaum. Seine Luftwurzeln wachsen nach unten und verwandeln sich selbst zu Stämmen, bis aus dem einzelnen Baum ein ganzer Hain wird. Wer einen Zweig verstehen will, dem geht es um den ganzen Baum. Der Banyan ist das Universum, er ist die Seele, und die Seele ist das Universum.

So bittet Uddālaka in der Schrift Chāndogya-Upaniṣad (VI.12) seinen Sohn Śvetaketu, einen Samen der bengalischen Feige zu zerbrechen. „Was siehst du darin?” – „Gar nichts.” Eben aus diesem Unsichtbaren, erklärt der Vater, erwachse der ganze Baum. Und ebenso sei das Selbst (ātman) unsichtbarer Grund von allem: „tat tvam asi”, „das bist du, Śvetaketu”.

Die Verbindung zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen zeigt sich etwa darin, dass die einzelne Technik zur Erlangung von Weisheit letztlich auf das Ganze zielt. Anders als die Spezialisierung der modernen Wissenschaften und teils auch der Philosophie.

Ob Atemübung, Meditationstechnik oder Textstudium, sie alle dienen der Rückanbindung an das große Ganze. Selbst das Ich soll darin aufgehen, sei es im anātman (Nicht-Selbst), im brahman oder im puruṣa (das Absolute).

Der Buddhismus denkt dasselbe Verhältnis im pratītyasamutpāda, dem Bedingten Entstehen: Jedes Phänomen ist nur durch seine Beziehung zu allen anderen, was es ist.

Das Ganze lässt sich nicht in Worte fassen

Aus der Position des Einzelnen lässt sich das Ganze nur schwerlich erfassen und beschreiben. Daraus folgt eine Offenheit des Denkens. Fragen stehen im Vordergrund, nicht Antworten, weil Erstere uns dem Nichtsagbaren oft näher bringen.

Wieder und wieder wird nachgedacht, formuliert, diskutiert. Das zeigt sich auch im Dialog, und zwar nicht nur in seiner gelebten philosophischen Form, beispielsweise zwischen Lehrer und Schüler, sondern ebenso im Austausch zwischen Traditionen.

Anders als die Wissenschaft, die meist auf Sagbarkeit zielt, lässt sich das Ganze nicht sagen, höchstens zeigen. Weil die indische Weisheit darum weiß, greift sie zu fiktionalen Mitteln, zu Metaphern, Paradoxien und Verneinungen wie der negativen Theologie oder Apophase. „Aber die Bezeichnung für ihn [den Puruṣa] ist: »es ist nicht so! es ist nicht so« (neti, neti)“, heißt es in der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad (II.3.6).

Nicht zuletzt führt diese Un(be)greifbarkeit des Ganzen im Idealfall zu einer Bescheidenheit in Bezug auf die eigene Weisheitspraxis. So heißt es im Yogasūtra (III.52): „Wenn Hochstehende [nach den Kommentaren sind Götter gemeint] ihn verlocken, meide er Neigung und Hochmut, weil sich daraus wieder Unerwünschtes ergeben könnte.“

Ganz ähnlich beschreibt die moderne Psychologie Weisheit als die Fähigkeit, Perspektiven zu wechseln, Ungewissheit auszuhalten und die eigenen Wissensgrenzen einzusehen.

Weisheit schließt das Handeln ein

Dem Ganzheitlichen ist es eigen, dass es nicht den einen Weg zur Weisheit gibt. So bieten die indischen Philosophien verschiedene Pfade an, sich der Wahrheit zu nähern. Die Bhagavad-gītā, das heute wohl wichtigste Erbauungsbuch des Hinduismus, kennt den Weg des Handelns (Karma), den Weg des Wissens, der Hingabe und mitunter auch der Meditation.

Der vedāntische Philosoph Śaṅkara spricht mit Bezug auf die Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad (II.4.5) vom Hören oder Lesen, Reflektieren und Kontemplieren oder der unmittelbaren Erfahrung. Im Buddhismus wiederum begegnet uns die dreifache Übung aus Ethik, Geistesschulung und Weisheit. Je nach Veranlagung mag der eine Weg den anderen dominieren, vielleicht eine Hierarchie zwischen ihnen bestehen.

Nur selten aber lässt sich ein Weg allein beschreiten, vielmehr bedingen sie einander. „In der Zucht (heute würden man sagen Ethik, Anm. des Autors), Brahmane, reinigt sich ja Weisheit, in der Weisheit reinigt sich Zucht”, heißt es im Dīgha Nikāya (4.22). Ähnliche Synergien verkündet die Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad (II.4.5):

„Das Selbst, fürwahr, soll man sehen, soll man hören, soll man verstehen, soll man überdenken, o Maitreyī; fürwahr, wer das Selbst gesehen, gehört, verstanden und erkannt hat, von dem wird diese ganze Welt gewußt.”

Eben weil der Weg sich nicht allein durch das Kontemplative oder Meditative beschreiten lässt, heißt Weisheit hier immer auch Handeln. Man verkennt die indischen Lehren, wenn man sie bloß von ihrer weltentzogenen, asketischen Seite betrachtet. Weisheit ist ebenso selbstloses Handeln, ethisches Tun, Kultivierung der Tugenden. Wissen allein reicht nicht.

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Ganzheitliches “Wissen”

Und doch brauchen wir jenes Wissen, das sich in den indischen Lehren auf unterschiedliche Weise zeigt. Vijñāna ist das analytische, unterscheidende Erkennen, also das, was Wissenschaft vor allem betreibt und heute dominiert.

Um zur Weisheit zu gelangen, braucht es jedoch eine andere Art des Wissens. Jñāna tritt zwar in verschiedenen Rollen auf, meint aber zumeist ein tieferes, nicht bloß analytisches Erkennen. Und prajñā, das vor allem im Buddhismus verwendete „Hinüber-Wissen”, bezeichnet die intuitive, unmittelbare Einsicht, die über das diskursive Denken hinausgeht.

Das analytische Wissen des Vijñāna ist nicht zu unterschätzen, es muss aber durch Meditation, Erfahrung und Ethik ergänzt werden, um die ihm innewohnende Spaltung von Subjekt und Objekt zu überwinden und in der Weisheit um das Ganze zu münden.

Erfahrung und das Lernen aus dem Leben

Das führt zum vielleicht wichtigsten Begriff in der indischen Weisheitstradition: anubhava, der unmittelbaren Erfahrung. Wenn wir Menschen als weise bezeichnen, dann auch, weil wir davon ausgehen, dass sie bestimmte Erfahrungen gesammelt haben.

In Indien kennt diese unmittelbare Erfahrung mehrere Schichten: die sinnliche Erfahrung („Ich sehe Feuer”), die innere („Ich spüre Schmerz”), die spirituelle („Ich erkenne die Natur des Selbst”).

Manche deuten den indischen Meister Śaṅkara sogar dahingehend, dass ihm zufolge alles Wissen letztlich in der spirituellen Erfahrung kulminiert. Wort und Logik bleiben vorläufig, solange sie nicht in eigener Erfahrung eingeholt werden. Dabei geht es nicht nur um spirituell-meditative Erfahrungen. Śaṅkara selbst gewinnt seine Erkenntnisse aus der eigenen Existenz und den mit ihr verbundenen alltäglichen Erfahrungen.

Gewiss können wir in einem langen Leben mehr Erfahrungen sammeln als in einem kurzen, weshalb auch in Indien oft der oder die Ältere als Personifizierung der Weisheit gilt. Und doch nützt alle Quantität an Erfahrung nichts, wenn sie nicht von bestimmter Qualität ist. Deshalb lehren die indischen Traditionen, Erfahrungen in ihrer ganzen Reichhaltigkeit aufzunehmen.

Zunächst muss dafür das richtige Umfeld hergestellt werden, vielleicht in einem Ashram oder Kloster. Übungen, Exerzitien müssen wiederholt werden, die uns andere Erfahrungen machen lassen, darunter auch solche des Leibes. Wer sich in all dem übt, etwa in Achtsamkeit und Konzentration, muss keine Falten tragen und kann wie Śaṅkara schon in jungen Jahren weise werden.

So ist ein Weiser nach indischem Verständnis jemand, der nicht nur denkt, sondern lebt, was er denkt; der weiß, dass das Ganze sich nicht sagen, sondern nur zeigen lässt; und der gerade deshalb schweigsam, beharrlich und in seiner ganzen Existenz auf jenes Eine verweist, um das es ihm geht.

Tipps zum Lesen:

  • Deussen, Paul. 2007. Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda. marix.
  • O. A. 1920. Digha-Nikaya. Die lange Sammlung der Lehrreden. Neu-Buddhistischer Verlag.
  • Śaṅkara. 1964. The Ten Principal Upaniṣads with Śaṅkarabhāṣya. Works of Śaṅkarācārya. Motilal Banarsidass.
  • Boxberger, Robert. 2016. Bhagavadgita. Reclam.
Foto: privat
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Dr. Krisha Kops

ist Philosoph und Schriftsteller. Er arbeitet an der Hochschule für Philosophie München. Dort ist er unter anderem für das Modulstudium „Ethik des interkulturellen Dialogs“ mitverantwortlich, ein neues Onlineprogramm besonders für diejenigen, die sich mit den ethischen Fragen einer globalisierten Welt auseinandersetzen.

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