Ist es unmoralisch, weniger zu arbeiten?

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Ethische Alltagsfragen

In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” greift der Philosoph Jay Garfield eine Frage zum Stellenwert der Arbeit in unserem Leben auf: „Ich würde gern meine Arbeitszeit reduzieren, um Zeit für meine Familie zu haben. Doch mein Chef beklagt sich über Leute, die nur an ihre „Work-Life-Balance“ dächten. Wie soll ich mich verhalten?

Frage: Ich arbeite in einem mittelständischen Unternehmen. Der Job ist okay, aber ich würde lieber meine Arbeitszeit reduzieren. Doch neulich hörte ich, wie mein Chef sich über Leute beklagte, die nur an ihre „Work-Life-Balance“ dächten, als wäre das moralisch verwerflich. Er selbst kümmert sich kaum um seine Familie, weil er so viel arbeitet. Ich hätte gern mehr Zeit für meine Kinder. Wie soll ich mich verhalten?

Jay Garfield: Manche Menschen leben, um zu arbeiten; andere arbeiten, um zu leben. Manche Lebenswege und manche Arbeitsumgebungen erfordern die erste Einstellung; die meisten erfordern die zweite.

Ich meine Folgendes: Es gibt Menschen, deren Lebenswerk das Einzige ist, was ihrem Leben Sinn verleiht. Das können Ärzte sein, die für „Ärzte ohne Grenzen“ arbeiten, Künstler, Musiker oder politische Führer.

Für diese Menschen hat ihr Leben seinen Wert aufgrund der Arbeit, die sie tun. Eine Einschränkung dieser Arbeit würde bedeuten, den Wert ihres Lebens zu mindern. Man könnte sagen, dass das Leben dieser Menschen vollständig von einer einzigen Dimension geprägt ist, nämlich ihrer Arbeit.

Aber so leben die meisten von uns nicht. Die meisten von uns – selbst diejenigen, die einen wirklich erfüllenden Beruf ausüben (und ich zähle mich selbst dazu) – arbeiten zumindest teilweise, um uns und unsere Familien zu versorgen, damit wir ein erfülltes Leben außerhalb der Arbeit führen können. Unsere Beziehungen zu Partnern, Kindern, Eltern und Freunden erfüllen uns mit Freude.

Dass wir uns um unsere kleinen Gemeinschaften kümmern verleiht unserem Leben einen Sinn. Auch das politische Engagement, vielleicht in der Kommune oder die Beschäftigung mit Kunst, körperliche Betätigung, Spiele und Zeit in der Natur können als sinnstiftend erlebt werden. Man könnte sagen, dass unser Leben in unserem Fall sinnvoll ist, weil es vielschichtig ist.

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Welches Leben passt zu mir?

Es mag im Interesse einiger Arbeitgeber liegen, ihre Mitarbeiter davon zu überzeugen, ihr Leben ganz auf die Arbeit auszurichten. Aber diese Art von eindimensionalem Leben würde nicht zu uns passen. Lassen Sie sich von dieser Rhetorik Ihres Chefs nicht täuschen.

Wenn Ihre Familie ein Teil dessen ist, was Ihrem Leben Sinn verleiht, und wenn Ihre Mitwirkung auch wichtig für Ihr persönliches Umfeld ist, dann sollten Sie für das richtige Gleichgewicht zwischen Arbeit, Zeit für die Familie und anderen Interessen sorgen.

Damit will ich nicht sagen, dass eines dieser Lebensmodelle besser ist als das andere. Ich möchte nur darauf hinweisen, wie wichtig es ist zu verstehen, welche Art von Leben zu einem passt. Dann kann man die Entscheidungen treffen, die dieses Leben so wertvoll und sinnvoll wie möglich machen.

Wenn Sie eine Frage haben, eine ethische Zwickmühle, schreiben Sie uns: redaktion@ethik-heute.org

Alle Beiträge von Jay Garfield in der Rubrik „Ethische Alltagsfragen“ im Überblick

Jay Garfield, Foto: Spitz
Jay Garfield, Foto: Spitz

Prof. Dr. Jay L. Garfield

ist Autor der Kolumne “Ethische Alltagsfragen” bei Ethike heute. Professor für Philosophie am Smith College, in Northhampten in den USA. Zudem ist er Dozent für westliche Philosophie an der tibetischen Universität in Sarnath, Indien. Ein Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit ist die interkulturelle Philosophie. Er ist Autor zahlreicher Bücher wie “Losing Ourselves: Learning to Live without a self” (2022).

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