Ethische Alltagsfragen
In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” greift der Philosoph Jay Garfield eine Frage zum Thema Erben und Vererben auf: „Vererben erhöht die Ungleichheit in der Gesellschaft. Ist es unmoralisch, etwas zu vererben? Brauchen wir eine höhere Erbschaftssteuer?“
Frage: Im Familienkreis hatten wir neulich eine hitzige Debatte über das Erben von Vermögen. Meine Tante meinte: Vererben erhöhe die Ungleichheit in der Gesellschaft, Reichtum werde von einer Generation an die nächste weitergegeben. Gegen diese Ungerechtigkeit müssten Erbschaften massiv besteuert werden. Ich finde das einen zu starken Eingriff in das Eigentum und die Privatsphäre. Ist es unmoralisch, wenn ich etwas vererbe oder vererbtes Geld annehme?
Jay Garfield: Es ist interessant, dass verschiedene Länder die Besteuerung von vererbtem Vermögen unterschiedlich handhaben. Einige besteuern Erbschaften stark, andere gar nicht. Einige besteuern alle Erbschaften, andere nur große Nachlässe.
Ich vermute, dass diese Unterschiede genau die Spannung widerspiegeln, die Sie ansprechen: Einerseits glauben wir, dass es unser Recht und sogar unsere Pflicht ist, nach dem Tod für unsere Nachkommen zu sorgen. Wir denken, dass Vermögen eine Familienangelegenheit ist, in die sich der Staat nicht einzumischen hat.
Andererseits ist es die Verantwortung des Staates, eine gerechte Steuerpolitik zu betreiben. Daher besteuert der Staat in der Regel auch den Transfer von Geld von einer Person zu einer anderen, etwa bei der Zahlung von Gehältern oder dem Kauf von Waren.
Die Frage ist also: Ist eine Erbschaft eine private Angelegenheit – wie die Gabe eines Geschenks – oder eine öffentliche Angelegenheit, wie ein Kauf oder die Zahlung eines Gehalts?
Die Praxis, Erbschaften nicht als Einkommen zu besteuern, verschärft die wirtschaftliche Ungleichheit. Dies gilt insbesondere dann, wenn nicht realisierte Gewinne steuerfrei an Nachkommen weitergegeben werden. Dadurch werden Kapitalerträge effektiv vor der Besteuerung geschützt.
Wohlhabende Familien werden noch reicher, und die fehlenden Steuereinnahmen gehen zu Lasten der ärmeren Menschen. Viele sehen darin ein starkes Argument für eine Umverteilung mit Hilfe einer Steuer auf große Vermögen.
Gleichzeitig betrachten wir Familienvermögen oft als etwas, das ohne Aufsicht zwischen Familienmitgliedern hin und her weitergegeben werden kann; wir wollen nicht, dass die Regierung Geburtstagsgeschenke oder Hochzeitsgeschenke besteuert. Und Erbschaften sehen wir wie eine Form der Weitergabe von Vermögen zwischen Familienmitgliedern an.
Durch Spenden für mehr Gerechtigkeit sorgen
Es kann durchaus sein, dass unterschiedliche Antworten auf diese Frage in unterschiedlichen Gesellschaften angemessen sind. Ein gutes Verteilungssystem für Steuern sollte die sozialen Werte der Gesellschaft widerspiegeln und breite Zustimmung finden, aber auch die wichtigsten sozialen oder wirtschaftlichen Gefahren minimieren.
In einer Gesellschaft, in der bereits große Ungleichheit herrscht und in der Erbschaften diese Ungleichheit zementieren, könnte es daher sinnvoll sein, Erbschaften höher zu besteuern. Ich denke, dass dies beispielsweise auf die Vereinigten Staaten zutrifft. Eine Gesellschaft mit einer eher egalitäreren Einkommensverteilung benötigt man möglicherweise keine Besteuerung von Erbschaften; ein Beispiel ist Australien.
Was Ihre persönliche Situation betrifft: Sie müssten nicht notwendigerweise alles Vermögen an Ihre Familienmitglieder vererben, sie könnten auch gemeinnützigen Organisationen etwas hinterlassen. Es gibt allerdings Pflichtanteile für engste Familienmitglieder.
Wenn Sie erwägen, ein Teil des Vermögens zu spenden, wäre es gut, diese Entscheidung mit Ihren Erben zu besprechen und zu erklären, was Ihre Beweggründe sind. So entstehen später keine Missverständnisse oder sogar Feindseligkeit.
Und wenn Sie in den Genuss eines Erbes kommen, könnten Sie mit einem Teil des geschenkten Geldes ebenfalls andere unterstützen, die sozial nicht gut gestellt sind, etwa durch Spenden an betreffende Organsationen.
Es ist vielleicht etwas unbefriedigend, eine etwas zweideutige Antwort auf eine moralische Frage zu erhalten. Aber so verhält es sich oft in Fragen der politischen Ökonomie.
Wenn Sie eine Frage haben, eine ethische Zwickmühle, schreiben Sie uns: redaktion@ethik-heute.org
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Prof. Dr. Jay L. Garfield
ist Professor für Philosophie am Smith College, in Northhampten in den USA. Zudem ist er Dozent für westliche Philosophie an der tibetischen Universität in Sarnath, Indien. Ein Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit ist die interkulturelle Philosophie. Er ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt Losing Ourselves: Learning to Live without a self (2022).
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