Neu: Ethik Quiz – Testen Sie Ihr Wissen

Joanna Macy: Die ganze Welt ins Herz schließen

Foto: Geseko von Lüpke

Nachruf auf eine große Umweltaktivistin

Joanna Macy (1929-2025) war eine Umweltaktivistin, die Menschen weltweit zum Handeln für die Erde ermutigte. Geseko von Lüpke machte bei ihr die Ausbildung zum tiefenökologischen Trainer. Er schreibt über ihr Geschick im Umgang mit Verzweiflung und Schmerz, aber auch ihren unbändigen Mut, sich für eine lebenswerte Zukunft zu engagieren.

 

Text: Dr. Geseko von Lüpke

Manchmal, wenn Menschen die Erde verlassen, wird erst im Abschied wirklich bewusst, welche immense Rolle sie für das eigene Leben hatten. Diese Einsicht haben in den letzten Tagen wohl viele Tausende gehabt, als sie vom Tod der 96jährigen Joanna Macy hörten.

Die Umweltaktivistin und Tiefenökologin hat unzählige Menschen in vielen Ländern der Welt mit ihrer Liebe zum Leben und zum blauen Planeten berührt. Sie hat sie auf den Weg in eine lebenswerte Zukunft geschickt, die vielleicht erst Generationen nach der eigenen Lebensspanne realisiert wird. „Hoffnung“, so lehrte sie „entsteht im Handeln!“

Ökophilosophin, Religionswissenschaftlerin, Pionierin der Systemtheorie, die „große Dame der Tiefenökologie“ hat man sie genannt. Aber sie war auch eine der bedeutendsten buddhistischen Lehrerinnen, und sie half unzähligen Öko-Aktivisten, die ausgebrannt und hoffnungslos zu ihr kamen.

Joanna Macy war eine, die der tiefen Verzweiflung über das, was Menschen der Erde antun, Raum gab, Tränen und Wut begrüßte. Und die dann das transformative Wunder vollbrachte, diese Verzweiflung in Ermutigung zu verwandeln.

Sie war – ohne das von sich selbst zu behaupten – eine große spirituelle Lehrerin, die tiefe Dankbarkeit darüber fühlte, in diesen verwirrenden Zeiten am Leben zu sein. Denn heute wird viel zerstört, aber es ist auch so viel zu gestalten hin zu einer positiven Zukunft.

Sie konnte vor heiliger Wut kochen und sprühte im nächsten Moment vor Lebensfreude. Sie war eine, die forderte, „das Herz soweit aufbrechen zu lassen, dass es die ganze Welt in sich aufnehmen kann“ – um dann diese Liebe und Verbundenheit in politische, soziale und ökologische Aktion zu stecken.

Der Erde eine Stimme geben

Als junger Journalist begegnete ich Joanna Macy vor 35 Jahren. Ich war tief deprimiert vom scheinbar folgenlosen Aufdecken ökologischer Verbrechen und der Schläfrigkeit einer Gesellschaft, die ich mit meinen Texten doch aufrütteln wollte.

In den Gesprächen mit ihr begriff ich, dass kaum jemand noch mehr schlechte Nachrichten ertrug und sich die Menschheit in eine kollektive Verdrängung flüchtete – und damit den Kollaps herbeiführte, anstatt ihn zu verhindern.

In ihrer Begleitung stellte ich mich dem Schmerz über die Zerstörung des Lebensnetzes, tobte, heulte und schrie ihn raus – bis ich jenseits der Schattenreise die Liebe erreichte und hinter dem Nebel der Verdrängung das Mitgefühl für alle Wesen spüren konnte.

Es war damals, als würde die Erde selbst ihren Schmerz durch uns ausdrücken. Und es entstand die Vision, mit meiner Arbeit „der Erde eine Stimme zu geben“: den Finger in all die offenen Wunden zu legen und zugleich von den Menschen zu erzählen, die, verbunden mit der verwundeten Erde, sich aufmachten, um handelnd Hoffnung zu vermitteln.

Von ihnen erzähle ich seit Jahrzehnten in jedem Artikel, jeder Radiosendung, jedem Buch: Inseln der Zukunft in einem Meer von Chaos. Geschichten der Hoffnung zu erzählen, die Mut machten.

Wir müssen, so hatte Macy gesagt, jeder “Sterbebegleiter der alten zerstörerischen Welt und Hebammen für eine lebensfördernde Zukunft sein“. Und beides war – das begriff ich – überall zu sehen – zeitgleich.

Das Leben ist stärker als die Despoten der Welt

Joanna Macy hat in ihrem Leben ein großartiges Modell entwickelt, sich heute für Menschen in Jahrhunderten verantwortlich zu fühlen. Wenn es in im Jahr 2225 noch lebenswerte menschliche Zivilisationen gibt, sagte sie, dann werden deren Bewohner in Dankbarkeit auf uns Gegenwärtige zurückschauen, die den ‚Großen Wandel‘ eingeleitet und umgesetzt hatten.

Und sie machte überzeugend deutlich, dass dieser ‚Große Wandel‘ längst im Gange ist und auf vielerlei Ebenen überall auf der Welt dynamisch wächst: Auf der Ebene des Widerstands gegen die Zerstörung, im Entwickeln funktionierender Modelle einer Welt von Morgen wie regionalen Gemeinschaften, Öko-Dörfer,n nachhaltigen Energiequellen, sozial gerechte Unternehmen usw. sowie auf der Ebene des Bewusstseins in Richtung Einsicht in die Verbundenheit, das Wachsen des Mitgefühls, eine neue Ethik. Das Erdenken neuer Narrative, sinnvoller Schöpfungsgeschichten, ökologischer Weltbilder. Erdverbundener Spiritualität. Auf dieser dritten Ebene, so lockte Joanna Macy, wird der ‚Große Wandel‘ schließlich umsetzbar. Im persönlichen Wandel in unzähligen Herzen!

Vielleicht erst nach globalen Phasen der Zerstörung, des Chaos und der Not. Doch sie malte, geschult von der Erforschung der Systemtheorie, das Bild von der ‚positiven Desintegration‘, dem ‚heiligen Zerfall‘, des ‚kreativen Ungleichgewichts‘ – wo aus jedem Chaos neue höhere Ordnung entsteht.

Der uralten Kraft des sich entfaltenden Lebens traute sie viel mehr Kraft zu als den Trumps und Putins dieser Welt. Und sie machte Mut! Immer wieder Mut in der Verzweiflung.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Eine Mutmacherin, die mit den Menschen weint und tanzt

Es war ein verrücktes, reiches, paradoxes und langes Leben voller Krisen und kreativen Wendungen, eine „chaotische Patchworkdecke“, wie sie selbst sagte: 1929 geboren, christlich erzogen, Studium der Theologie – dann tiefe Zweifel.

Ein Studium der politischen Wissenschaften in Paris und Arbeit für das US-Außenministerium mit den Diplomaten junger afrikanischer Nationen – doch Zweifel auch an diesem Weg. Sie begegnet und begleitet den alten Albert Schweizer.

Sie engagiert sich gegen Atomtests, den Krieg in Vietnam. Geht nach Indien, lernt Buddhismus von tibetischen Flüchtlingen, weiter nach Sri Lanka, lernt Mut von lokalen Aktivisten. Lebt in Deutschland, Frankreich, sonstwo in der Welt.

Studiert spät Systemtheorie, promoviert, lehrt an Universitäten. Entwickelt mit anderen den Ansatz der Tiefenökologie (‚Deep Ecology‘) und tourt als Mutmacherin fast um die ganze Welt, selbst nach Tschernobyl in verstrahlte Gebiete der Sowjetunion. Sie weint mit den Menschen, tanzt mit ihnen, erklärt die Welt neu und schickt sie los, „weil Hoffnung im Handeln entsteht“.

Eine große Seele, eine Liebhaberin des lebenden Planeten – ‚Word as Lover, World as Self‘ heißt eins ihrer siebzehn Bücher. Die Welt ist ein Stück leerer nach ihrem Abschied. Die Herzen voller. Und man wird sie erinnern. Vielleicht noch Jahrhunderte, wenn der ‚Große Wandel‘ gelungen sein wird. Dort, wo sie jetzt vielleicht ist, werden die Wesen der Zukunft – so denke ich in Dankbarkeit – sie applaudierend willkommen geheißen haben.

Gesko von Lüpke ist freier Journalist und Autor von Publikationen über Naturwissenschaft, nachhaltige Zukunftsgestaltung und ökologische Ethik. Er studierte Politikwissenschaft und Ethnologie und leitet seit über 20 Jahren tiefenökologische Fortbildungen.

Nächste Fortbildung: Der Erde eine Stimme geben – Tiefenökologische Wege aus der Krise, vom 20. bis 23. November 2025 in der Gemeinschaft Schloss Tempelhof, mehr Infos

Porträtfoto Geseko von Lüpke

Dr. Geseko von Lüpke

ist freier Journalist und Autor von  Publikationen über Naturwissenschaft, nachhaltige  Zukunftsgestaltung und ökologische Ethik. Er studierte  Politikwissenschaft und Ethnologie und leitet seit über 20 Jahren tiefenökologische Fortbildungen.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare

Online-Abende

rund um spannende ethische Themen 
mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen
Ca. 1 Mal pro Monat, kostenlos

Auch interessant

Foto: Karl Gabor

“Man könnte schnell eine gerechte Weltordnung entwerfen”

Interview mit Jakob von Uexküll Jakob von Uexküll ist Gründer des Weltzukunftsrates, der sich als eine Vertretung zukünftiger Generationen versteht. Im Interview mit Geseko von Lüpke fordert der 80-Jährige angesichts globaler Krisen Lösungen, die aus der Zukunft heraus gefunden werden: „Wir haben alles, was wir brauchen, um eine andere Welt aufzubauen“.
Dorota Szymczyk/ Shutterstock

Die Transformation ist unaufhaltsam

Über die verschiedenen Ebenen des Wandels Wir befinden uns am Endes einer Phase ökologischer Zerstörung und am Anfang hin zu einer nachhaltigen Welt, ist Geseko von Lüpke überzeugt. Wandel geschieht auf drei Ebenen: über Protestaktionen für das Leben auf der Erde, den modellhaften Aufbau von Alternativen sowie die Bewussteinsarbeit hin zu einer Ethik des Mitgefühls.
ecovillage.org

Ökodörfer – Visionen eines anderen Lebens

Vortrag von Geseko von Lüpke Rund 100.000 Menschen leben hierzulande in alternativen Gemeinschaften. Viele wollen im Kleinen leben, was im Großen noch nicht gelingt. Geseko von Lüpke, der selbst eine Gemeinschaft mit aufgebaut hat, berichtet über Chancen und Schwierigkeiten.
Joshua Earle/ Unsplash

„Wir brauchen liebende Zuwendung zur Erde“

Interview mit Claus Eurich Die Welt zu einem Ort gelingenden Lebens machen, das ist die Aufgabe, die vor uns liegt, sagt Prof. Claus Eurich. Doch die Kräfte der Destruktion sind stark, es herrsche eine brutale Realpolitik vor. Wir sollten Grenzen setzen, wo Leben geschädigt wird und Liebe und Wertschätzung für das Leben kultivieren.

Neueste Artikel

Nicoleta Ionescu/ Shutterstock

„Kinder sollten mitbestimmen können“

Interview mit Renz-Polster über die Entstehung von Extremismus Was macht Menschen zu Extremisten? Wer in seiner Kindheit verunsichert und verletzt wurde, sei anfälliger für Hass und radikale Positionen, sagt der Kinderarzt Renz-Polster. Er spricht im Interview über die Rolle von Familie für die Demokratie und warum Schule zu einem Ort von Mitbestimmung werden muss.
Getty Images/ Unsplash

Fünf Wege zu mehr Naturverbundenheit

Über eine bahnbrechende Studie Unser gestörtes Verhältnis zur Natur steht im Zentrum der Umweltkrisen, sagt der Forscher Prof. Miles Richardson. In seiner Theorie der Naturverbundenheit zeigt er, wie wir uns wieder mit der Natur verbinden und für ihren Erhalt einsetzen können. Ein praktisches Beispiel in Indien zeigt, wie das gehen kann.
Foto: Emergency Response Rooms

Sudan: Über die Menschenretter von Dafur

Hilfe, wo sonst keine Hilfe ankommt Im Sudan leisten die "Emergency Response Rooms" freiwillige humanitiäre Hilfe – und zwar inmitten der Gewalt. „Man kann uns nicht aufhalten, zu helfen“, sagt einer von ihnen. Am 4. Dezember 2025 werden die Helfer, die ihr eigenes Leben riskieren, mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt. Eine Geschichte über Mut und Menschlichkeit.
Cover: the-brain-at-rest

Wenn die Erholung die Arbeit tut

Über die Kraft des Nichstuns Tee trinken, Vögel beobachten, Löcher in die Luft schauen – das Nichtstun ist von unschätzbarem Wert. Neurowissenschaftler Jebelli erklärt die Bedeutung des Ruhezustandsnetzwerks im Gehirn für die Gesundheit. Und gibt Anregungen, wie wir die Hyperaktivität überwinden und dem Gehirn mehr Pausen gönnen.