Ein Buch von Daniel Schreiber
Kann Liebe eine Antwort sein auf Hass und Spaltung in unserer Gesellschaft? In „Liebe! Ein Aufruf“ ruft der Essayist Daniel Schreiber zu einem liebevollen Miteinander in der Gesellschaft auf. Liebe versteht er als Hinwendung zum anderen und Zusammenhalt, der unterschiedliche Meinungen zum Wohle des Ganzen überschreitet.
„Mir war die Fähigkeit abhandengekommen, die Welt zu lieben.“ Daniel Schreiber fasst in diesem Buch in Worte, was viele Menschen heute umtreibt: Er fühlte sich in dieser Gesellschaft immer weniger zuhause.
Doch dabei bleibt er nicht stehen, sondern er nimmt diesen Schmerz als Ausgangspunkt für die weitere Erforschung: Kann die Liebe ein Ausweg sein? Und ist es überhaupt sinnvoll und angemessen, über Liebe im politischen Kontext zu sprechen? Was könnte gar eine Politik der Liebe sein, wie sollte sie praktisch aussehen?
Daniel Schreiber verbindet in seinem Buch drei inhaltliche Stränge miteinander. Er schildert seine Erfahrungen bei einem Schreibseminar, das er selbst gibt. Auf Spaziergängen erfährt er den Zauber des Lebendigen. Und er erlebt, wie sich im Verlauf des Seminars die Menschen zunehmend näherkommen, einander vertrauen, während sie sich mit ihren ureigenen Texten verletzlich und berührbar zeigen.
Für den Autor ist dieser Raum des Austauschs und Vertrauens von ganz unterschiedlichen Menschen, die sich gerade erst kennengelernt haben, wie eine gelebte Utopie einer Gesellschaft, in der so etwas wie Liebe zwischen den Menschen erfahrbar und wirksam wird. Aber Schreiber stellt fest, dass er solche Vertrauensräume schmerzlich vermisst, wenn er auf die Gesellschaft schaut.
Warum finden lebensfeindliche Ideen Gehör?
Auf einer zweiten Spur des Buches reflektiert Schreiber über die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre, die zunehmende Polarisierung zwischen gesellschaftlichen Meinungen und Interessen.
Besonders besorgt ihn der Aufstieg des Neoliberalismus in den vergangenen Jahrzehnten mit der Zurücknahme von sozialen und ökologischen Anliegen. Hinzu kommt der wachsende Einfluss rechtsextremer Kräfte und ihre menschenfeindlichen Ideen, die trotzdem bei vielen Gehör finden.
Er sieht einen Zusammenschluss zwischen neoliberalen und rechtsextremen Kräften, die die liberale Demokratie bedrohen und sich selbst als ihr Opfer stilisieren:
„Zusammen inszenierte man sich als Fürsprecher eines unterjochten ‚Volkes‘, während man in Wirklichkeit eine Politik forcierte, die die Probleme der Menschen in den jeweiligen Ländern weiter eskalieren ließ.“
Wir sollten aus politischen Gegnern keine Feinde machen
Als Drittes befragt Schreiber einige Philosophinnen und Denker, die sich mit der Relevanz der Liebe im politischen Raum beschäftigt haben: Hannah Arendt, Erich Fromm, Albert Schweitzer, Martin Luther-King. In leicht verständlichen Ausführungen fasst er ihre Einsichten über die Möglichkeit eines liebevollen Miteinanders zusammen.
Diese drei Stränge – die gelebte Utopie des Schreibseminars, die Reflektion über die politischen Verhältnisse und die philosophische Befragung exemplarischer Denker – verweben sich im Verlauf des Buches und fordern zum Mitdenken auf.
Eine Stärke des Buches ist, dass der Autor seinen eigenen Prozess der Suche für uns transparent macht. Die Leserinnen und Leser gehen mit ihm einen Weg. Von der anfänglichen Lähmung und Frustration über die Ermutigung in den Begegnungen seines Seminars, dem Zuspruch von Denkerinnen und Aktivisten einer liebevollen Politik und der Klärung unserer gesamtgesellschaftlichen Situation hin zu einem neuen Mut aus einer Haltung des Trotzdem.
Die drei Stränge des Buches münden in einen Aufruf – an alle. Daniel Schreiber möchte anregen und inspirieren, die demokratische Wirksamkeit, Gestaltungskraft und Verantwortung ernst zu nehmen und auszuüben.
Und uns darin miteinander zu verbinden, um gemeinsam die Qualitäten einer Ehrfurcht für das Leben, der Menschenwürde, des gleichberechtigten Austauschs zum Ausdruck zu bringen:
„Ich möchte dazu aufrufen, sich von dem Reflex zu verabschieden, aus politischen Gegnerinnen und Gegnern Feinde zu machen. Dazu, die Hand auszustrecken und auf den Gebieten zu kooperieren, auf denen man sich trifft, selbst wenn man auf anderen Gebieten völlig unterschiedlicher Meinung ist.“
Das bedeutet für Schreiber aber nicht, auf menschenverachtende Positionen zuzugehen. Wir können uns von solchen Ideen distanzieren und uns gleichzeitig für den Gemeinsinn einsetzen, der die Grundlage unserer Demokratie ist.
Mike Kauschke
Daniel Schreiber. Liebe – Ein Aufruf! Hanser Verlag 2025
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