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Kann eine Demokratie kippen?

Fresco von Raffael, gemeinfrei

Was Platon uns heute zu sagen hat

Die Demokratien sind unter Druck, Rechtspopulismus und Autokratien erstarken. Der griechische Philosoph Platon sah die Gefahr, dass eine Demokratie in eine Tyrannei abdriften könnte, wenn der Freiheitsdrang alle Autoritäten in Frage stelle und Demagogen die Menschen manipulierten. Die Autorin fragt, was wir für die moderne Demokratie von Platon lernen können.

Text: Dr.in Cornelia Mooslechner-Brüll

Die moderne Demokratie ist die einzige Staatsform, die die Würde des Menschen als unverrückbaren Grundsatz anerkennt, die Rechte des Einzelnen schützt und allen Bürger*innen, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, die Möglichkeit zur Partizipation und individuellen Entfaltung bietet.

Gerade diese Offenheit und Flexibilität machen sie jedoch anfällig für Angriffe. In Zeiten der Krise gerät sie unter Druck – wenn das Vertrauen in Institutionen schwindet, politische Parteien in lähmenden Konflikten gefangen sind und Kompromisse in der Politik kaum noch möglich erscheinen.

Besonders in solchen Momenten erstarken autoritäre Kräfte, die einfache Lösungen versprechen, Recht und Ordnung über demokratische Aushandlungsprozesse stellen und mit populistischen Narrativen gezielt gesellschaftliche Spaltungen vertiefen.

„Ein Übermaß an Freiheit schlägt in Knechtschaft um“

Der griechische Philosoph Platon (428-348c. Chr.) sah in der Demokratie, wie sie damals in Athen praktiziert wurde, eine instabile Ordnung. In der Schrift Politeia (VIII 545c-569c) beschreibt er einen Entwicklungszyklus der Staatsformen, beginnend mit der Aristokratie, die er als beste Regierungsform ansieht. Diese degeneriert über die Timokratie und Oligarchie zur Demokratie, welche schließlich in die Tyrannei umschlägt. Er schreibt:

“Du erkennst, wie empfindsam das alles die Seele der Bürger macht, so dass sie über jede geringste Unterordnung unwillig wird und sie nicht aushält. Denn zuletzt kümmern sie sich nicht einmal um die Gesetze, die geschriebenen wie die ungeschriebenen, um nur ja nirgends einen Herrn über sich zu haben.” Doch lange kann das nach Platon nicht gut gehen, denn “ein Übermaß von Freiheit schlägt beim Einzelnen wie beim Staat in ein Übermaß von Knechtschaft um.”

Die Demokratie, so Platon, führe zur Gleichstellung aller Meinungen und zur Ablehnung jeder Autorität. Dies habe zur Folge, dass nicht die Weisen und Tüchtigen, sondern die Lautesten und Manipulativsten an die Macht gelangen. Besonders betont er, dass in einer späten Phase der Demokratie das Volk jene verachte, die es noch zu lenken versuchten, während es Demagog:innen in den höchsten Stand erhebe.

Dabei ist anzumerken, dass es sich bei der antiken Demokratie um ein gänzlich anderes System als heute handelte. Besonders in Athen verstand man darunter eine direkte Herrschaft des Demos, das heißt der freien männlichen Bürger, die in der Volksversammlung Gesetze erließen, Beamte bestimmten und über Gerichtsverfahren entschieden.

Im Gegensatz zu modernen repräsentativen Demokratien waren große Teile der Bevölkerung – Frauen, Sklaven und Metöken – von politischer Mitbestimmung ausgeschlossen. Es gab auch keine unabhängige Justiz oder Medien, die als Wächter der Demokratie fungierten. Dies alles führte bei Platon zu einer tiefen Besorgnis.

Der späte Platon änderte seine Meinung

In seinem Spätwerk war Platon der Demokratie nicht mehr ganz abgeneigt. In den Nomoi entwarf Platon eine pragmatischere Konzeption der idealen Staatsordnung.  Anders als in der Politeia, wo er die Herrschaft der Philosoph*innen als beste Regierungsform ansah, favorisierte er in den Nomoi eine Mischverfassung, die Elemente von Monarchie, Aristokratie und Demokratie kombinierte.

Entscheidendes Kriterium war für den späten Platon die strikte Bindung aller gesellschaftlichen Kräfte an ein übergeordnetes Gesetz, das als überzeitlicher Garant für Ordnung und Stabilität fungieren sollte.

Diese Verfassungsform sollte weder von einer einzelnen Gruppe dominiert noch den Launen der „Masse“ ausgeliefert sein, sondern eine ausgewogene Balance zwischen verschiedenen Herrschaftsprinzipien gewährleisten und eine begrenzte Form demokratischer Mitbestimmung zulassen. In diesem Sinne leben auch wir heute in republikanischen Mischverfassungen und nicht in einer reinen Form der Demokratie als direkte Herrschaft der Bürgerinnen und Bürger. Diese wäre in größeren Staatsgebilden kaum praktikabel.

Lehren Platons für heute

Es lohnt sich, einen Blick auf den Wandlungsprozess von Demokratie zur Tyranniei nach Platon zu werfen. Zu den erkennbaren Elementen zählen:

Exzessive Freiheit und Missachtung von Ordnung: Die Demokratie führe laut Platon zu einem ungebremsten Freiheitsdrang, der alle Autoritäten infrage stellt und bestehende Gesetze zunehmend ignoriert.

Dies zeigt sich in der Gegenwart zum Beispiel in Debatten um Genderfragen und erweiterte Rechte für Transmenschen. Während einige diese Entwicklungen als notwendigen Schritt zur gesellschaftlichen Emanzipation begreifen, empfinden andere sie als Bedrohung tradierter Werte und sozialer Ordnung.

Für jene, die an überlieferten Normen festhalten, erscheinen diese Veränderungen oft als Ausdruck einer chaotischen oder überzogenen Gesellschaftsentwicklung, während sie für ihre Befürworter*innen einen bedeutenden Fortschritt hin zu mehr Gerechtigkeit und Anerkennung darstellen.

Gleichmacherei und Ablehnung jeder Hierarchie: Jede Form von Hierarchie werde, so analysiert Platon, abgelehnt, sodass auch kompetente und erfahrene Personen keinen natürlichen Respekt mehr genießen. Und heute? Ein Beispiel wäre, dass Postenbesetzungen nicht auf Kompetenz basieren, sondern durch Netzwerke und bestehende Machtstrukturen bestimmt werden.

Aufstieg der Demagog*innen: Platon kritisiert, dass in Demokratien Menschen leicht manipuliert werden können. Auf heute bezogen ließen sich Parallelen zum Erstarken des Populismus ziehen.

Populist*innen gewinnen an Einfluss, indem sie etwa über die sozialen Medien Lügen verbreiten, sich gegen die „Eliten“, die gewählten Volksvertreter*innen, auflehnen und sich als die wahre Vertretung der Bürger*innen inszenieren. Beispiele dafür sind zahlreich: von Trump über Weidel bis Kickl.

Zunahme sozialer Spannungen und Polarisierung: Die soziale Ungleichheit führt zu einem Auseinanderbrechen der Gesellschaft .

Die Covid-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen haben bereits tiefgreifende gesellschaftliche Spaltungen offengelegt, die durch weitere Krisen verstärkt werden. Dies hat zu einer zunehmenden Polarisierung geführt..

Die Tyrannei als rettende Kraft: Charismatische Führungspersönlichkeiten, so Platon, nutzten die Krisen und den Vertrauensverlust. Sie werden zunächst als Retter*innen gefeiert, reißen dann aber sukzessive die Macht an sich und errichten eine Tyrannei. Abzulesen ist die Bedrohung der Demokratie insbesondere an dem Versuch von Rechtspopulisten, die Gewaltenteilung systematisch zu untergraben und bestehende Kontrollmechanismen, etwa eine unabhängige Justiz auszuhebeln.

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Warum sollten wir uns mit diesen Warnungen heute beschäftigen?

Platons Lehren und Überlegungen sind sicher nicht eins zu eins auf die modernen Demokratien übertragbar. Doch seine Warnung vor der Tyrannei bleibt eine ernstzunehmende Mahnung für jede demokratische Gesellschaft.

Rechtspopulistische und -radikale Strömungen nutzen die Entwicklungen im Zuge der Globalisierung, Diversität der Gesellschaften und die komplexen Verschränkungen in vielen gesellschaftlichen Bereichen bewusst für ihre machtpolitischen Zwecke.

Es stellt sich die Frage, wie sich eine solche Dynamik abfedern ließe, bevor eine Gesellschaft den Weg in die Unfreiheit beschreitet. Die ständige Reflexion über die Kernwerte der Demokratie – Freiheit und Gleichheit – ist unabdingbar, um demokratische Systeme resilient zu halten.

Demokratie ist kein statisches Konzept, sondern eine fortlaufende Aufgabe, die das Engagement aller erfordert. Sie lebt von der aktiven Beteiligung der Bürger*innen, sei es durch politische Teilhabe, gesellschaftliches Engagement oder kritische Reflexion.

Ein Rückzug ins Private, das Ignorieren demokratischer Prozesse oder die Resignation gegenüber politischen Entwicklungen spielen hingegen jenen Kräften in die Hände, die demokratische Strukturen untergraben möchten.

Gerade in Zeiten der Unsicherheit ist es daher von zentraler Bedeutung, sich einzubringen – sei es im Großen oder im Kleinen. Die Demokratie zu verteidigen bedeutet nicht nur, ihre Institutionen zu schützen, sondern auch, ihre Werte im Alltag zu leben und das demokratische Miteinander bewusst zu gestalten.

Quellen:

  • Platon, Politeia, übersetzt von Karl Vretska, Reclam, Stuttgart 1988.
  • Platon, Nomoi, übersetzt von Klaus Schöpsdau, Reclam, Stuttgart 2019.
Foto: privat
Foto: privat

Dr. Cornelia Mooslechner-Brüll

ist akademisch philosophische Praktikerin mit eigener Praxis sowie Lehrbeauftragte an der Universität Wien. Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft für philosophische Praxis (IGPP) und Mitbegründerin des Instituts für philosophische Praxis und Sorgekultur (IPPS). www.philoskop.org

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