Chat GPT und Co. aus philosophischer Sicht
Manchmal, wenn wir Chat GPT und Co. nutzen, sind wir wie im Tunnel. Wir vergessen, dass wir kein Gegenüber haben, sondern Maschinen. Und wir vergessen uns selbst. Der Philosoph Nicolas Dierks erklärt im Interview, dass wir KI selbstbestimmt nutzen und gleichzeitig die Begrenztheit sehen sollten: „Menschen sind in unserem Leben unersetzlich.“
Das Gespräch führte Mike Kauschke
Frage: Die Künstliche Intelligenz verändert unsere Welt rasant. Wie können wir mit diesen Veränderungen so umgehen, dass wir als Menschen nicht verloren gehen?
Dierks: Zunächst sollten wir nicht ausschließlich über die Technologie sprechen, sondern vom menschlichen Miteinander ausgehen: Wir verfolgen bestimmte Ziele und dafür kooperieren wir. Dabei kann uns die Technologie unterstützen.
Zweitens sollten wir weniger allgemein über die KI als eine homogene Instanz sprechen, sondern uns die einzelnen KI-Anwendungen anschauen, denn die sind ja sehr verschieden.
Welche KI-Anwendungen sind es, die für unser Selbstverständnis als Menschen eine besondere Herausforderung darstellen?
Dierks: Immer dann, wenn es bei KI-Anwendungen um Menschen geht, müssen wir genauer hinschauen, etwa bei der Kreditvergabe, bei Sozialleistungen oder in beruflichen Kontexten.
Als besonders herausfordernd sehe ich im Moment die großen Sprachmodelle, also Large Language Models wie Chat GPT, Gemini oder das europäische Mistral. Ich spreche im Folgenden von ChatGPT als Platzhalter für die übrigen.
Bei Sprachmodellen haben wir schnell den Eindruck, dass sie entscheiden und eigenständig handeln. Die Maschinen kommen daher wie ein sprechendes Wesen, und wir projizieren viel hinein.
Ich war nicht produktiv, sondern nur beschäftigt.
Dann gibt es noch die Entwicklung mit KI, die so tut, als würde sie sich in uns einfühlen.
Dierks: Da rate ich zur Vorsicht. Jede und jeder sollte für sich persönlich überlegen: Wie nutze ich ChatGPT etc.? Ich selbst verwende diese Anwendungen natürlich auch.
Es läuft ja so: Man macht eine Eingabe und bekommt ein Ergebnis, und die Maschine schlägt den nächsten Schritt vor. Und dann denkt man: „Ach, das klingt gut.“ Die Maschine bestätigt einen darin und führt einen weiter in den Prozess.
Am Ende hat man etwas generiert. Aber wenn man ehrlich ist, war man nicht produktiv, sondern nur beschäftigt, fast schon ein Anhängsel der Maschine.
Es gibt inzwischen Studien vom MIT und anderen renommierten Instituten, was bei verschiedenen Nutzungsarten von ChatGPT passiert. Wenn man es auf die falsche Weise nutzt, werden Gehirnfunktionen und damit kognitive Fähigkeiten messbar vermindert.
ChatGPT ist eine Maschine, die wir mit Worten bedienen.
Auch der Prozess, selber etwas schöpferisch zu gestalten, geht verloren, vielleicht sogar das Gefühl für sich selbst. Wie können wir hier achtsamer werden?
Dierks: Die meisten von uns kennen eine Situation mit kleinen Kindern, die etwas alleine machen wollen. Sie sagen ann: “Das will ich selber machen.“ So sollten wir es auch im Umgang mit den Sprachmodellen tun und bei uns bleiben.
Zwischendurch ist gut, einfach mal aufzustehen, umherzugehen, etwas anderes zu machen und sich nicht so in diesen Tunnel hineinziehen zu lassen.
Ganz wichtig: Wir sollten uns bewusst machen, dass wir es nicht mit einer Person zu tun haben, auch wenn die Maschine in der Lage ist, die Sprachausgaben so zu gestalten, dass es, ich sag mal vorsichtig, gesprächsähnlich wirkt.
Können Sie noch etwas genauer erklären, was da abläuft?
Dierks: Es sind vortrainierte, statistische Maschinen, und unsere Wörter sind gewissermaßen die Knöpfe und Hebel, die bestimmte Funktionen aktivieren. Daher ist so wichtig, sich darüber zu informieren, wie man bessere Ergebnisse mit so einem Sprachmodell erzielt.
Wenn man sagt, „Peter stand vor einem Baum. Er war sehr, sehr groß“, dann wissen wir, dass der Baum gemeint ist und nicht Peter, der sehr, groß ist. Für das Sprachmodell ist das nicht klar. Und so passieren ständig Missverständnisse, die dann auch zu den bekannten Halluzinationen führen.
Wenn wir ein bisschen Abstand nehmen und hier dazulernen, dann können wir die Maschinen gut bedienen. Unsere Wörter sind dann wie Knöpfe und Hebel.
Wir sollten eine gute Zukunft für uns gestalten, wo KI ein unterstützender Teil ist.
Es würde ja bedeuten, dass wir mehr Distanz schaffen und die Prozesse selbst gestalten?
Dierks: Genau, wir sollten als Menschen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen, so als seien wir nur noch zweite Klasse. Wir haben manchmal das Bild, wir seien nicht so schlau, und die KI könne alles tausendmal besser als wir. Aber das stimmt nicht.
Trotzdem geht die Angst um, die KI würde den Menschen quasi irgendwann überflüssig machen.
Dierks: Wie gut auch immer einzelne KI-Anwendungen ihre Funktionen und Aufgaben erfüllen können, Menschen werden immer andere Menschen brauchen. Das sagen Psychologen, Philosophen und Soziologen gleichermaßen. Und wir wissen das selbst: Was wären wir ohne Familie, Freunde, Kolleginnen?
Die entscheidende Frage ist nicht: “Werden die Menschen ersetzt?”, sondern: Wie wollen wir das KI-Zeitalter gestalten? Auf welchen Feldern wollen wir Menschen haben und wo nicht? Um hier Antworten zu finden, brauchen wir keine IT-Ausbildug. Wir können auf unser gemeinsames Urteilsvermögen vertrauen.
Der Punkt ist: Wir sollten eine gute Zukunft für uns gestalten, wo KI ein unterstützender Teil ist?
Unser YouTube-Kanal
Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.
KI bietet die Chance, uns mit wesentlichen Aspekten des Menschseins auseinanderzusetzen
Könnte es sein, dass das Aufeinandertreffen mit KI uns auch zeigt, wo Menschen unersetzbar sind? Es gibt ja jetzt schon KI-Partner und KI-Therapeuten, das fühlt sich überhaupt nicht stimmig an.
Dierks: Das ist ein gutes Beispiel, wobei es sehr auf die Umstände ankommt. Wir hören solche Anekdoten, etwa dass jemand seine digitale Freundin heiraten möchte. Als Außenstehende finden wir das vermutlich komisch, eher mitleidserregend, wenn Menschen emotionale Bindungen auf Maschinen projizieren.
Dieses Thema gab es übrigens schon in der Antike, etwa in der griechischen Sage vom Bildhauer Pygmalion, der sich in seine eigens angefertigte Statue verliebte.
Aber in menschlichen Beziehungen dreht es sich ja gerade darum, dass man unterschiedliche Perspektiven hat, dass es auch Reibung und Widerstände gibt, dass man sich gegenseitig in Frage stellt.
Wenn Sprachmodelle uns immer nach dem Mund reden, scheint alles zu glatt, zu sehr auf Bestätigung zugeschnitten zu sein. Dabei geht uns etwas zutiefst Menschliches verloren. Deshalb sollten wir unser Augenmerk darauf richten, echte menschliche Bindung und Beziehungen aufzubauen, mit ihren schwierigen anstrengenden Seiten. KI sollte das unterstützen, nicht stören.
KI gibt uns die Chance, uns noch einmal intensiver mit diesen Aspekten unseres Menschseins auseinanderzusetzen.
Dr. Nicolas Dierks
ist Philosoph und Autor bei Rowohlt, u.a des SPIEGEL-Bestsellers „Was tue ich hier eigentlich?“ (2014) und „Luft nach oben“ (2017). Er ist Dozent für “AI Ethics und Responsible Innovation” an der HSBA und leitet an der Leuphana Universität Lüneburg das Zertifikats-Studium Digitale Ethik. Außerdem entwickelt er für Unternehmen digitale Lern-Simulationen zur ethischen Sensibilisierung im beruflichen Umgang mit digitaler Technologie. Auf LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/nicolasdierks/
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