Neu: Ethik Quiz – Testen Sie Ihr Wissen

Kinder mit Autismus willkommen heißen

Foto: Lia Bekyan I Unsplash

Ein Gespräch mit Anja Wieclef*

Anja Wieclef ist Mutter einer siebenjährigen Tochter mit frühkindlichem Autismus. Hier spricht sie über ihre Erfahrungen mit Kindern, die nicht ins Schema passen, über die Hürden bei der Inklusion, Erschöpfung und eine überraschend heilsame Erfahrung.

 

Das Gespräch führte Sarah Kröger.

Frau Wieclef, Ihre Tochter Ruby ist sieben Jahre alt und hat frühkindlichen Autismus. Wie sieht ein typischer Tag mit ihr aus?

Wieclef: Ruby braucht im Alltag viel Unterstützung. Sie spricht bisher nicht und kann ihre Grenzen schwer einschätzen. Wenn es zu laut oder zu turbulent ist, zieht sie sich zurück oder schreit.

Das bedeutet: Wir brauchen sehr feste Strukturen und vertraute Bezugspersonen. Schon das Anziehen, Zähneputzen oder der Weg zur Toilette sind Dinge, bei denen sie Hilfe braucht.

Gleichzeitig hat Ruby unglaublich viel Lebensfreude – besonders, wenn sie mit Wasser spielt. Auf dem Wasserspielplatz kann sie stundenlang juchzen und lachen.

Sie sind freie Journalistin. Nach der Geburt wollten Sie eigentlich bald wieder arbeiten. Wann wurde klar, dass das schwieriger werden würde als gedacht?

Wieclef: Das kam schleichend. Ruby war zunächst bei einer Tagesmutter, aber je älter sie wurde, desto deutlicher zeigten sich ihre Entwicklungsverzögerungen.

Als sie mit vier Jahren in eine Regel-Kita wechseln sollte, erfuhr die Einrichtung von ihrer Diagnose – und plötzlich war sie dort nicht gut aufgehoben. Es war klar, dass man sie dort auf keinen Fall haben wollte, man riet uns dringend davon ab.

Das war ein Schock. Auch andere Kitas winkten ab. Die Inklusions-Kita in der Nähe kam für uns nicht infrage: zu große Gruppen, zu wenig Förderung.

Wie haben Sie sich damals gefühlt, als Sie überall Absagen bekamen?

Wieclef: Ehrlich gesagt: sehr hilflos. Man bekommt vermittelt, dass Inklusion selbstverständlich sei, aber sobald ein Kind nicht in das Schema passt, wird es kompliziert. Ich habe mich damals oft gefragt, warum man so kämpfen muss, damit ein Kind einfach irgendwo willkommen ist.

 

Ich lag nachts wach und fragte mich, wie es weitergehen soll.

Schließlich fanden Sie doch eine Einrichtung, die Ruby aufnehmen wollte – allerdings mit der Bedingung, dass sie von einer Einzelfallhelferin begleitet wird. Wie lief das?

Wieclef: Anfangs waren wir erleichtert. Wir dachten: Wenn wir diese Person haben, die Ruby unterstützt, ist das Problem gelöst. Aber das war naiv.

In den folgenden Monaten wechselten die Einzelfallhelferinnen ständig. Eine wollte Ruby nicht mehr fahren, eine bekam Hausverbot, eine andere weigerte sich, sie auf die Toilette zu begleiten.

Es war eine enorme Belastung – auch für unsere Familie. Wenn Ruby keine Betreuung hatte, wechselten wir uns mit der Arbeit ab. Darunter litten beide Jobs und die Familie. Wir waren dauerhaft erschöpft.

Gab es Momente, in denen Sie dachten: Ich kann nicht mehr?

Wieclef: Ja, viele. Diese Phasen, in denen Ruby zu Hause war, waren emotional sehr schwer. Ich habe oft nachts wachgelegen und überlegt, wie es weitergehen soll. Wir wollten beide arbeiten, gleichzeitig war klar: Ruby braucht jemanden, der für sie da ist. Ich war häufig sehr wütend und habe mich ohnmächtig gefühlt.

Irgendwann trafen Sie dann eine ungewöhnliche Entscheidung: Sie wurden selbst die Einzelfallhelferin Ihrer Tochter. Wie kam es dazu?

Wieclef: Ich saß eines Tages bei der Tagesmutter, Ruby spielte friedlich im Wald – sie war in einer Waldkita – und plötzlich dachte ich: Warum mache ich das nicht selbst? Ich habe das vorgeschlagen – und zu meiner Überraschung haben Tagesmutter, Sozialamt und Träger sofort zugestimmt.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

 

Die gemeinsame Zeit hat unsere Beziehung gestärkt.

Wie war es, diesen Rollenwechsel zu vollziehen – von der Journalistin zur Einzelfallhelferin der eigenen Tochter?

Wieclef: Am Anfang war es ungewohnt, weil ich meine Arbeit sehr liebe. Aber schon nach den ersten Tagen habe ich gemerkt, wie entschleunigend das ist. Ich war mit Ruby im Wald, habe einfach nur dagesessen, beobachtet, zugehört. Keine Deadlines, keine To-do-Listen. Das war fast meditativ. Ich konnte sie begleiten, ohne ständig unter Druck zu stehen.

Wie hat sich das auf Ihre Beziehung zu Ruby ausgewirkt?

Wieclef: Die gemeinsame Zeit hat unsere Beziehung gestärkt. Im Familienalltag mit drei Kindern hatten wir sonst kaum ruhige Momente zu zweit. Es war auch toll zu sehen, wie sie in der Gruppe ihren Platz fand.

Da Ruby nicht spricht, sollte sie lernen über Bildkarten zu kommunizieren. Sie suchte zum Beispiel beim gemeinsamen Liedersingen eine Liederkarte aus – und die Kinder sangen das Lied dann für sie. Das war sehr berührend.

Was haben Sie in der Zeit gelernt?

Wieclef: Ich konnte vorher immer nicht verstehen, warum es so schwierig sein soll, mit Ruby regelmäßig zur Tagesmutter zu gehen. Jetzt weiß ich: Es ist ein wirklich schöner Job.

Ich bekam als Hochschulabsolventin immerhin 21 Euro pro Stunde, durfte Vorbereitungszeiten aufschreiben – die Rahmenbedingungen waren gar nicht schlecht. Es ist ein sehr sinnstiftender Beruf, denn als Einzelfallhilfe kann man einzelne Menschen unterstützen und intensiv kennenlernen.

Seit letztem Jahr geht Ruby nun auf eine Förderschule. Wie läuft es dort?

Wieclef: Sehr gut. Sie wird von drei Fachkräften in einer kleinen Gruppe betreut und hat zusätzlich eine Einzelfallhelferin, die sie sich mit einem anderen Kind teilt.

Morgens rennt sie jauchzend ins Klassenzimmer – das ist jedes Mal ein Geschenk. Nachmittags kommt sie ausgeglichen, wenn auch sehr erschöpft, nach Hause. Wir spüren, dass sie dort wirklich willkommen ist.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Tochter?

Wieclef: Dass sie glücklich ist! Und dass sie ihr Potenzial entfalten kann. Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft lernen, Kinder wie Ruby zu sehen und in unserer Mitte willkommen zu heißen.

*Name geändert

Sarah Kröger, Jahrgang 1982, ist freie Journalistin und schreibt zu den Themen Arbeit, Nachhaltigkeit, Soziales, Digitales, Bildung und Familie.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare

Online-Abende

rund um spannende ethische Themen 
mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen
Ca. 1 Mal pro Monat, kostenlos

Auch interessant

Foto: Autist Didacta

Schulausschluss: Wie autistische Kinder diskriminiert werden

Interview mit einer Expertin für Autismus und Schule Menschen mit Autismus können Reize oft schlecht verarbeiten und kommunizieren anders als andere. In der Gesellschaft werden Betroffene oft als „defizitär“ wahrgenommen. Betroffene Kinder sollen sich anpassen, sonst werden sie auch im Schulsystem diskriminiert oder sogar ausgeschlossen. Autismus-Expertin Stephanie Meer-Walter wirbt für mehr Verständnis und Unterstützung.
Foto: Ing. Wolfgang Mayer

Inklusion: Tanzen verbindet

Über ein Tanz-Projekt in Wien „Tanzen verbindet und Tanzen verändert“ - das zeigt das inklusive Tanzprojekt „Ich bin ok“ in Wien. In 20 Kursen pro Woche tanzen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam und bringen ihre Kunst auch auf die Bühne. Ein Projekt, das gleichberechtigte Teilhabe lebt.

Neueste Artikel