Interview mit Renz-Polster über die Entstehung von Extremismus
Was macht Menschen zu Extremisten? Wer in seiner Kindheit verunsichert und verletzt wurde, sei anfälliger für Hass und radikale Positionen, sagt der Kinderarzt Renz-Polster. Er spricht im Interview über die Rolle von Familie für die Demokratie und warum Schule zu einem Ort von Mitbestimmung werden muss.
Das Gespräch führte Sarah Kröger
Herr Renz-Polster, in Ihrem aktuellen Buch haben Sie sich mit der Frage beschäftigt, warum aus Menschen Populisten werden. Was hat die Erziehung damit zu tun?
Renz-Polster: Kinder stellen sich vier Grundfragen: Bin ich sicher? Bekomme ich Anerkennung? Gehöre ich dazu? Bin ich wirksam?
Wenn diese Antworten in der Kindheit negativ ausfallen – zum Beispiel durch Gewalterfahrungen oder dauerhafte Demütigung – dann werden diese Kinder tief verunsichert und sind es auch noch als Erwachsene.
Unsicheren Erwachsenen fehlt es an Vertrauen, sie neigen deshalb stärker zu Feindbildern. Das führt dann schnell zu Hass und Ablehnung.
Hass und Ablehnung gibt es ja nicht nur im Rechtspopulismus.
Renz-Polster: Das ist richtig. Grundsätzlich sind Menschen, die in der Kindheit verunsichert wurden, anfälliger für radikale, autoritäre Positionen – ob auf der rechten oder auf der linken Seite oder auch in radikalgläubigen Sekten. Auch der Hang zu Verschwörungsideologien gehört in dieses Spektrum.
Verunsicherte Menschen sehen die Welt dann nicht als gebenden Ort, sondern stehen auf schwankendem Boden. Sie fühlen sich in dieser Welt überfordert und glauben, keinen Einfluss nehmen zu können.
Natürlich kann man jetzt sagen: Angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit, wie Klimawandel oder Menschen auf der Flucht, ist das auch verständlich. Nur reagieren Menschen eben sehr unterschiedlich auf diese Herausforderungen.
Es hängt dabei viel davon ab, in welcher Familie wir aufwachsen?
Renz-Polster: Unsere Familien beeinflussen uns auf jeden Fall stark, hier machen Kinder ja ihre ersten „Herrschaftserfahrungen“.
Wenn Kinder in Familien aufwachsen, in denen die Wärme fehlt und in denen sie permanent das Signal bekommen: „Du bist nicht wertvoll, du schaffst das nicht“ – dann zweifeln sie schneller an sich selbst.
Ihnen fehlt das Grundvertrauen in sich und andere. Auch das Vertrauen in demokratische Institutionen sinkt. Nur 45 Prozent der Jugendlichen glaubt noch, Einfluss auf politische Themen nehmen können.
Kinder können in der Schule zu wenig mitbestimmen.
Was brauchen junge Menschen denn, um wieder Vertrauen in die Demokratie zu entwickeln?
Renz-Polster: Kinder müssen beim Aufwachsen vertrauen lernen, dass sie sich auf andere verlassen können: Wir sind ein Team, und niemand wird da dauerhaft ausgegrenzt oder verletzt.
Natürlich kann es auch mal Stress geben, aber der sollte menschlich gelöst werden. Außerdem sollten Kinder auch mitbestimmen und mitgestalten können – bei den Dingen, die sie schon überblicken.
In der Kindheit macht jeder Mensch seine Erfahrungen damit, was es bedeutet, regiert zu werden. Wie wird auf mich und meine Bedürfnisse reagiert? Habe ich eine Stimme? Lerne ich Rücksicht auf andere zu nehmen?
Das sind doch Grundübungen in Demokratie! Und diese Fragen stellt sich das Kind nicht nur in der Familie, sondern auch in den pädagogischen Einrichtungen, wie in der Schule.
Wie gut bereitet die Schule auf die Demokratie vor?
Renz-Polster: In der Schule fehlt es Kindern und Jugendlichen an Selbstwirksamkeitserfahrungen. Was können sie in der Schule denn beeinflussen?
Können sie etwa den Lehrplan mitbestimmen oder irgendetwas anderes? So entsteht ein Gefühl von „Ich kann keinen Einfluss nehmen“. Und diese unmittelbaren Lebenserfahrungen übertragen sie dann auf die Demokratie.
Demokratie zu lernen ist gar nicht so leicht. Diktatur kann jeder, aber für Demokratie, da braucht es Empathie, Sozialkompetenz, konstruktives Denken, Interessensausgleich. Diese Fähigkeiten können Kinder nur entwickeln, wenn sie auch mit sich selbst klarkommen und im Leben feststehen. Doch stattdessen werden sie in der Schule oft entmutigt.
Unser YouTube-Kanal
Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.
Schulen müssen auch die Persönlichkeitsentwicklung fördern.
Warum?
Renz-Polster: Gerade die Kinder, die nicht mit hauptfächertauglichen Talenten gesegnet sind, eine andere Sprache sprechen oder aus einem sozial gestressten Elternhaus kommen, haben es in der Schule besonders schwer.
Ihnen wird in unserem auf beständige Bewertung ausgerichteten Schulsystem gespiegelt: „Du kannst das nicht.“ So verbringen sie ihren Alltag mit permanenter Überforderung.
Ich bin überhaupt nicht gegen Leistung – verstehen Sie mich nicht falsch. Aber wir brauchen Schulen, die nicht nur die Leistung im Blick haben, sondern die Kinder auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern.
Was müsste sich am Schulsystem ändern, damit Kinder dort wieder mehr gestärkt werden?
Renz-Polster: Die Schule hat aktuell zwei Aufträge: einen Bildungsauftrag und einen Ausleseauftrag, mit dem sie den Zugang zu guten Positionen in der Gesellschaft regelt.
Doch diese Auslesefunktion behindert die Kinder beim Lernen. Ein Viertel der Viertklässler hat zum Beispiel Probleme beim Lesen, ähnlich viele haben Schwierigkeiten in Mathematik und in Rechtschreibung.
Wir müssen uns entscheiden: Soll es in der Schule um Bildung gehen oder um Auslese? Wir könnten zum Beispiel das Notensystem durch ein Rückmeldungssystem ersetzen – die Auslese nach Leistungskriterien erfolgt ja sowieso nachher auf dem Arbeitsmarkt.
So würden die Kinder genau wissen, wo sie schulisch stehen, aber sie wären nicht ständig durch Leistungsnachweise gestresst und entmutigt. Sie könnten sich also mit dem beschäftigten, um was sich Schule eigentlich drehen sollte: um Bildung.
Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Bestsellerautor und bekannt für seine evidenzbasierten Einblicke in Kindheit und Entwicklung. In seinem aktuellen Buch „Demokratie braucht Erziehung“ untersucht er, welchen Einfluss autoritäre und kaltherzige Erziehung in der Kindheit auf uns hat – und warum Menschen dadurch anfälliger für radikale, autoritäre politische Positionen werden können. Foto: Judith Polster
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