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Kirche ohne Religion

Foto: von Lüpke

Die neue “Church of Interbeing” in Berlin

Die „Church of Interbeing“ ist ein neues säkulares Projekt, das Spiritualität anders lebt: in einem offenen Raum mit Dialog, Meditation, Gemeinschaft – ohne Predigt, ohne Hierarchie. Vor allem junge Menschen fühlen sich hier Zuhause.

Berlin-Neukölln an einem sonnigen Sonntag im Herbst. Auf dem Vorplatz der Genezereth-Kirche sitzen die Bewohner des Kiez, das seit der Schließung des Flughafens Tempelhof zum In-Viertel wurde, bei Kaffee und Kuchen.

Hier läutet keine Kirchenglocke zum Gottesdienst. Trotzdem strömen vorwiegend junge Menschen in die evangelische Kirche zu einer Veranstaltung einer bislang einzigartigen Initiative – der ‚Church of Interbeing‘.

Wer das Kirchenschiff betritt, ist irritiert: In diesem fehlen Kirchenbänke und Altar, kein leidender Jesus erinnert an die Schuld der Menschen, selbst ein Kreuz muss man suchen.

Stattdessen ein großer lichtdurchfluteter leerer Raum mit runder bunt bemalter Kreis-Kuppel. Und unten drunter am Boden ein riesiger runder rosa Teppich, auf dem – wie blühende Blumen – bunte Kissen unterschiedlicher Größe liegen.

Zeit für Gemeinschaft

„Wir versuchen hier, Kirche anders zu leben und anders Kirche zu sein“, sagt die evangelische Pfarrerin Lioba Dietz: „Und so kamen die Leute von der ‚Church of Interbeing‘ auf uns zu und gefragt, ob sie ihr Projekt bei uns machen könnten.“

Drei Jahre ist das jetzt her. Und auch an diesem Sonntag im November füllt sich die Kirche mit einer bunten diversen Klientel von überwiegend jungen Leuten aus aller Welt, die am wöchentlichen englisch-sprachigen ‚Servive‘ der Berliner ‚Church of Interbeing‘ teilzunehmen.

Es sind zwei Stunden der Andacht ohne Predigt, mit Zeit für Gemeinschaft, Meditation, Gesang und Tanz. Zeit für Ritual, für Gesprächsrunden, Stille, gemeinsames Essen, Begegnung fern des hektischen Hauptstadt-Wirbels.

Und doch mehr als nur ein ‚Kiez Treff‘. Eher ein Experiment, auch ohne Religion einen ‚heiligen Raum‘ zu erschaffen, der das Leben feiert.

Spiritualtät heute

„Wir laden die Gemeinschaft ein, jeden Sonntag verschiedene Themen zu explorieren“, sagt Mitgründerin Theresa Leisgang, von Beruf Journalistin und Autorin:

Foto: von Lüpke

„Wie ich mich selbst gerade in der Welt fühle, wie meine Ausrichtung der Seele ist, aber auch, wie es mir geht mit dem, was in der Welt gerade passiert. Damit zu experimentieren, wie Spiritualität heute, ohne die Institution Kirche aussehen kann und trotzdem den Raum von der Kirche geschenkt zu bekommen, ist sehr besonders.“

Da treffen sich Suchende von Kirche und Zivilgesellschaft. Die Resonanz ist erstaunlich, der Raum ist voller junger Menschen.

„Im Grunde weine ich hier jeden Sonntag. Entweder sind es Freudentränen, Trauertränen oder Dankbarkeitstränen“, sagt Mika, Mitte 30, Erzieher in Berlin: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass hier so ein Gemeindesaal ist, wie so ein sehr großer, sehr zeremonieller ‚Kieztreff‘“.

Verwobene Existenz aller Lebensformen

Was ist das, was da verschiedene Menschen so berührt? Wie lautet der gemeinsame Nenner unter so vielen Weltbildern und Biographien? Und was heißt das überhaupt: ‚Interbeing‘?

Das Wort stammt von dem buddhistischen Zen-Mönch und vietnamesischen Friedensaktivisten Thich Nath Hanh. Er erklärte ‚Interbeing‘ so: „Wer tief in eine Blume schaut, der sieht eine Unzahl von Elementen, die zusammengewirkt haben, um die Blume hervorzubringen: Sonne, Regen, Erde, Mineralien, Zeit und Raum.“Für Thich Nhat Hanh war diese Wahrnehmung, dass alles mit allem zusammenhängt, die Grundlage einer achtsamen Lebensweise.

Die jüngst verstorbene Tiefenökologin Joanna Macy sah mit dem Verständnis vom Interbeing die Chance, unser gesamtes ökologisches Handeln auf ein neues Fundament zu stellen:

„Diese verwobene Existenz aller Lebensformen verändert die Wahrnehmung. Sie schafft die Grundlage für ein andere Wertesystem, das uns unterstützt, das Lebensnetz zu erhalten. Und damit kann es uns eine Vision geben für eine nachhaltige Zivilisation.“

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Liebe, Hoffnung, Engagement und Mut

In der umgebauten evangelischen Genezereth-Kirche in Neukölln ist es gelungen, das Interbeing ins Zentrum der Gemeinschaft zu rücken.

Eines der Hauptelemente im Ritual ist Dialog. „Es gibt eine Ausrichtung nach oben, wo es schon um eine spirituelle Anbindung geht. Und die horizontale Ausrichtung, wo ich nach rechts und nach links schaue und merke, ich bin hier nicht alleine mit meinen Fragen zum Leben.“

Gegenseitige Seelsorge im Dialog ohne besserwisserische Ratschläge, keine Predigt von oben herab, keine Liturgie, kein Glaubensbekenntnis. Die tiefe Sorge um das Leben ist hier der gemeinsame Grund, aber auch vorsichtige Nähe, wenn bei ‚Lean on me‘ alle aufstehen und sich tatsächlich kreistanzend an den Händen nehmen und immer wieder eine Schulter zum kurzen Anlehnen suchen.

Hier kommen Atheisten, Suchende, Muslime, Juden, Christen im gemeinschaftlichen Ritual zusammen, um sich den großen Fragen zu widmen: Krieg und Frieden, Klimachaos, die gefährdete Demokratie, Stille, Mitgefühl, Verbundenheit, die eigene Hilflosigkeit, Verzweiflung, Trauer und Wut. Aber auch dem, was sich dahinter versteckt: Liebe, Hoffnung, Engagement und Mut.

Nein, eine ‚Sekte‘ ist das nicht – das sahen sogar die Weltanschauungs-Beauftragten der Berliner Landeskirche so. Eher eine bunte Berliner Pflanze am Rand der theologischen Monokulturen.

Ein kleines Modell für zeitgenössische Spiritualität in leerstehenden Kirchen. Und keine Konkurrenz für den Gastgeber, sagt die Pastorin Lioba Dietz. Eher eine Inspiration für den eigenen Wandelweg.

„Wir sollten als Kirche unsere Räume zur Verfügung stellen für Dinge, die Menschen ansprechen und innerlich erbauen und mehr in Verbindung sein lassen miteinander und mit der Welt und gute Dinge machen, die daraus folgen. Und wenn das passiert, finde ich das wunderbar.“

Und so wird der bunte Haufen nach zwei Stunden wieder herausgesungen in die quirlige, schnelle, wilde, hippe und doch suchende Multikulti-Metropole Berlin. Jenseits vom ultimativen ‚Sein oder Nichtsein‘! Und nehmen ein bisschen mit von dem, was dahinter liegt und unsichtbar beides verbindet: dem faszinierenden Interbeing als verbindendes Netz des Lebens.

Porträtfoto Geseko von Lüpke

Dr. Geseko von Lüpke

ist freier Journalist und Autor von  Publikationen über Naturwissenschaft, nachhaltige  Zukunftsgestaltung und ökologische Ethik. Er studierte  Politikwissenschaft und Ethnologie und leitet seit über 20 Jahren tiefenökologische Fortbildungen.

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