Auswege aus digitalen Abhängigkeiten
Wo wollen wir eigentlich mit der Digitalisierung hin, fragt der Autor Sven Precht. Und wohin führt sie uns tatsächlich: in eine bedenkliche Abhängigkeit von den Tech-Konzernen. Doch wir können etwas tun: Risiken streuen, nach Alternativen suchen, auch europäische, die wir dringend stärken sollten.
Unser Leben verlagert sich zunehmend ins Digitale. Das ist der vorläufige Abschluss einer langen Entwicklung, die mit der Technisierung unseres Lebensalltags begonnen hat. Wir nutzen unsere moderne Technik nicht allein, um uns die Arbeiten zu erleichtern. Wir neigen vielmehr dazu, alle denkbaren Tätigkeiten einer der vielen modernen technischen Vorrichtungen zu überlassen.
Seit über 25 Jahren sind wir dabei, unser Leben umfassend zu digitalisieren, so dass wir schon vom digitalen Zwilling nicht nur von Maschinen, sondern auch von Menschen sprechen. Die KI ist nur die bislang letzte Wegmarke auf unserem Weg ins – ja, was eigentlich? Was ist unser Ziel? Wo genau wollen wir mit unserer Digitalisierung hin?
Auf der einen Seite ist die Digitalisierung mit oder ohne KI reizvoll, nützlich und steckt noch voller Potenzial. Auf der anderen Seite erkennen wir zunehmend, dass wir uns in neue Abhängigkeiten begeben, aus denen wir so leicht gar nicht mehr herauskommen.
Eine bedenkliche Abhängigkeit
Technik macht auch bequem und enthebt uns der Erfordernis, gewisse Fertigkeiten noch selbst zu erlangen, etwa mit der Hand zu schreiben, im Kopf zu rechnen, sich etwas zu merken. Wir geraten so in eine bedenkliche Abhängigkeit von digitaler Technik allgemein, aber darüber hinaus kommt noch etwas anderes hinzu, das schwerer wiegt.
Denn auf der anderen Seite macht uns die umfassende Digitalisierung unseres Lebensalltags auch abhängig von denjenigen, die uns diese Hilfen und Tools entwickeln und zur Verfügung stellen. Hier bekommt die Frage nach der Nutzung von IT eine politische Dimension und Sprengkraft, die wir mittlerweile spüren können.
Eine geopolitische Dimension besteht darin, dass die meisten Computer und deren Programme bislang aus den Vereinigten Staaten sowie zunehmend aus Fernost, aus China und Taiwan, Japan und Korea stammen.
Unsere Hardware, also die Geräte kommen nahezu vollständig aus dem Osten. Unsere Software, also die Betriebssysteme, Programme und Apps mehrheitlich aus den Vereinigten Staaten und teilweise ebenfalls aus dem Osten.
Europa sieht sich allmählich mit der Tatsache konfrontiert, dass wir uns haben einlullen und abhängen lassen. Wir – der alte Kontinent, die Wiege der abendländischen Kultur – haben uns Jahrzehnte lang darauf verlassen, dass unsere Freunde, die pragmatischen US-Amerikaner für uns den Ton angeben.
Bis wir vor einigen Jahren feststellen mussten, dass unsere neuen Gesprächspartner auf der anderen Seite des Atlantiks gar kein ausgeprägtes Interesse mehr an unserer vermeintlichen Freundschaft haben. Und dass wir plötzlich alleine und schutzlos dastehen. Übertreibe ich damit etwa?
Risiken streuen
Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass sich immer mehr Menschen fragen, ob wir in dieser Abhängigkeitsfalle bleiben wollen. Das ist eine rhetorische Frage, denn wir müssen aus dieser Sackgasse notgedrungen wieder herausfinden, allein schon des Überlebens willen. Aber wie?
Vorab sollten wir uns noch einen anderen Umstand bewusst machen: Aus den Abhängigkeiten von anderen Playern kommen wir in einer global vernetzten Welt nicht heraus – grundsätzlich nicht. Es kann also nicht darum gehen, in einem emphatischen Sinne “unabhängig” zu werden, als könnten wir alles selbst herstellen und bräuchten auf dieser Welt sonst niemanden mehr. Das geht sicher nicht.
Es geht vielmehr darum, die Risiken, die mit solchen Abhängigkeiten verbunden sind, zu streuen. Also nicht alles nur aus einem Land, etwa aus den USA oder aus China , zu beziehen.
Unsere Geräte stammen vorwiegend aus dem Fernen Osten – sie werden dort hergestellt, teilweise im Auftrag großer Firmen, die in den Vereinigten Staaten und Europa ansässig sind.
China und andere östliche Staaten waren über Jahrzehnte die verlängerte Werkbank der westlichen Industrie. Daher ist es heute gar nicht mehr so einfach, Geräte, insbesondere Computer und Handys zu bekommen, die nicht aus dem Reich der Mitte oder aus Korea stammen.
Hier haben wir momentan wenig Einfluss, es sei denn, wir sind bereit, für diese begehrten Maschinchen (etwa ein Fairphone) wesentlich mehr zu bezahlen.
Auf das Betriebssystem Linux wechseln
Bei der Software sieht es anders aus. Die kommerziellen Betriebssysteme waren und sind fest in US-amerikanischer Hand: “Windows” von Microsoft, “iOS” von Apple und “Android” / “Chrome” von Google dominieren den Markt.
Doch hier gibt es sinnvolle Alternativen in Gestalt der zahlreichen Linux-Angebote: Sogenannte Linux-Distributionen, die nicht nur quelloffen und kostenfrei sind, sondern auch erstaunlich anwenderfreundlich.
Sie lassen sich mittlerweile leicht installieren. Ich persönlich benötige etwa 30 Minuten, um ein Linux auf einem alten oder neuen Rechner einzurichten.
Die bekanntesten Distributionen bei Linux heißen “Ubuntu” aus Südafrika, “MX Linux” aus Griechenland und USA, “Manjaro” aus Österreich, Deutschland und Frankreich, “openSUSE” und “CachyOS” – beide aus Deutschland, “Fedora” aus den USA und “Garuda Linux” aus Indien.
Jede Linux Distribution bringt ein umfangreiches Paket an ebenfalls kostenlosen Programmen für Office, Internet und Kommunikation, an Multimedia sowie einige Spiele mit. Etliche dieser Lösungen laufen sogar auf älteren Rechnern erstaunlich flüssig. Hier lohnt es sich auf jeden Fall, diese Optionen zu prüfen. In Internet gibt es zahllose Artikel und Tutorials dazu.
Unser YouTube-Kanal
Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.
Schwergewichte im Internet
Etwas schwieriger wird es mit den Internetplattformen. Hier dominieren ebenfalls noch die bekannten US-Unternehmen mit “Amazon” und “Ebay”, “Facebook”, “Instagram” und “Whatsapp” (Meta), “X” (vormals “Twitter”), “Snapchat” und “Youtube” (Google).
In den letzten Jahren haben sich einige chinesische Plattformen etabliert, etwa die Online Shops “Alibaba”, “Temu” und “Shein”, oder der Kurzvideodienst “TikTok” (ByteDance).
Auch in Sachen KI scheinen sich die USA (Nvidia, OpenAI, Google und Anthropic) und China (DeepSeek, ByteDance und Zhipu AI) ein einsames Wettrennen zu liefern, bei dem Europa gerade nur zuschauen kann.
Haben wir den Anschluss verloren? Was die Investitionen und Nutzerzahlen anbelangt: auf jeden Fall. Aber das kann sich ändern. Insbesondere, wenn den Europäern klar wird, dass sie etwas ändern müssen – und auch können. Vor allem im Nutzerverhalten. Denn unabhängig vom erdrückenden technologischen Vorsprung steht und fällt jede Anwendung mit der Nutzung von Menschen, die sich dafür immer noch frei entscheiden können.
Hier ein paar Zahlen: Facebook, Whatsapp und Instagram zählen jeweils über drei Milliarden Nutzer – das europäische Pendant Mastodon kommt gerade mal auf 900.000 Nutzende.
Youtube wird von 2,6 Milliarden Menschen genutzt, TikTok von zwei Milliarden , und der Kurznachrichtendienst X kommt immerhin noch auf 560 Millionen Nutzer – das sind mehr, als Europa an Einwohnern hat.
Es gibt zu diesen marktbeherrschenden Plattformen mittlerweile europäische Alternativen wie „Mastodon“ und „W Social“, „Dailymotion“ und „PeerTube“, „Telegram“ und „Signal“ sowie „Wedium“. Sie tun sich aber noch schwer, eine auch nur annähernd vergleichbare Nutzerzahl zu gewinnen.
Die guten Vorsätze und die Realitäten des Marktes
Diese Unternehmen wollen es hingegen nicht nur anders, sondern auch in dem Sinne besser machen, dass sie mit den Nutzerdaten respektvoller umgehen und keine Hassreden und Verleumdungen im Netz dulden.
Aber so ähnlich sind vor Jahren auch die heutigen US-Marktführer angetreten, die sich in einen wirtschaftlichen Wettbewerbsstrudel haben hineinziehen lassen. Denn schließlich müssen all diese technisch anspruchsvollen Angebote auch irgendwie finanziert werden: Entweder finden die Akteure großzügige private Spender oder können staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen.
Oder die Angebote ihrerseits werden kostenpflichtig, was viele Menschen ausgrenzen würde und zumindest nicht demokratiefördernd wäre. Daher finanzieren sich die meisten durch Werbung, was zu den bekannten Missständen führt: aggressive Erhebung von Nutzerdaten, deren skrupellose Auswertung und Nutzung für zielgerichtetes Marketing bis hin zu illegalem Nutzerdatenhandel. Wir haben das alles schon mal erlebt.
Hier kann eine nüchterne Betrachtung weiterhelfen: Brauche ich für meine Bedürfnisse eine milliardenschwere Plattform? Nehme ich deren skrupelloses ökonomisches Gebaren in Kauf, nur um dabei sein zu können? (Bei was eigentlich?) Oder reichen mir vielleicht auch einige Hunderttausend oder Millionen anderer Nutzer, die ich ohnehin nicht alle persönlich erreichen und kennen lernen werde? Und bin ich überhaupt bereit, eine solch nüchterne Betrachtung für mich selbst anzustellen?

- Sven Precht hat Philosophie und Literatur in Hannover und München studiert, war lange Jahre als Redakteur für unterschiedliche Medien sowie als Projektmanager tätig und schreibt heute über aktuelle Themen der Gegenwart. Er leitet eine Zen-Gruppe in Ravensburg und veröffentlicht unregelmäßig eigene Podcasts unter “auf ZENdung”.
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