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Eltern sein: Die Beziehung ist entscheidend

Interview mit Lienhard Valentin

Lienhard Valentin brachte die Achtsamkeit zu den Eltern. Für ihn ist die innere Haltung entscheidend, diese kann durch Achtsamkeit gestärkt werden. Der zweifache Vater spricht im Interview über seine Pionierarbeit, Herausforderungen im Alltag mit Kindern und warum er nicht an politische Lösungen glaubt.

 

Das Interview führte Stefan Ringstorff

Frage: Sie haben 1986 den Verein Mit Kindern wachsen gegründet, was waren Ihre Motive?

Zu Beginn stand für mich gar nicht die Eltern-Kind-Beziehung im Mittelpunkt, sondern das Thema Schule. Ich hatte selbst eine Zeit auf dem Gymnasium, in der ich nur durch Anpassung und Nicht-Auffallen durchkam.

Danach hieß es dann: „Studiere erst mal was Anständiges, dann kann das richtige Leben beginnen.“ Das hat mir nicht gereicht. Ich habe das Studium sozusagen nebenbei abgeschlossen, mich aber gleichzeitig neu orientiert. Ich war allerdings eher als, wie ich es für mich nannte, „Archäologe“ unterwegs, um herauszufinden, was ich mit meinem Leben anstellen will – ich sah das noch nicht als berufliche Ausbildung.

In dieser Zeit stellten sich mir zwei grundsätzliche Fragen: Muss das sein, dass man erst mit Anfang 20 zum Archäologen wird, um heraus zu finden, was man mit seinem Leben anstellen will? Und wie kommt es, dass kleine Kinder hoch motiviert sind, voller Neugier zu lernen und die Welt zu erforschen und dann häufig schon sehr früh Null-Bock-Kinder werden, die sich für nichts mehr wirklich interessieren?

Könnte es nicht Wege geben, dass dieser lebendige Forschergeist bis ins Erwachsenenalter erhalten bleibt? Könnten Kinder nicht in einer Weise ins Leben begleitet werden, der ihre individuellen Interessen, Talente und Fähigkeiten stärker berücksichtigt?

Wichtig war mir vor allem die innere Haltung Kindern gegenüber und um dies deutlich zu machen, nannten wir den Verein, den wir 1986 gründeten, Mit Kindern wachsen. Ich selbst hatte zum damaligen Zeitpunkt noch keine Kinder.

Wie ist die Achtsamkeitspraxis in Ihre Elternarbeit eingeflossen? Haben Sie sich damals als Pioniere empfunden?

Zunächst gab es wenig Verbindung zwischen meiner Meditationspraxis und dem Elternthema, auch wenn die Kultivierung von Gewahrsein indirekt durch meinen Gestalt-Hintergrund in unsere Elternarbeit einfloss. Als ich dann von einigen Eltern hörte, dass ihre Kinder sie vom meditieren abhalten würden, wurde ich stutzig.

Die Praxis sollte doch dem Leben dienen und nicht so getrennt sein. So kam mir der Gedanke, ob es nicht noch jemanden gibt, der die Praxis der Achtsamkeit in das Leben mit Kindern tragen möchte. Dies führte mich zu Jon Kabat-Zinn und dazu, dass wir das Buch „Mit Kindern wachsen“ von Myla und Jon Kabat-Zinn im Arbor-Verlag herausgebracht haben. 1997 luden wir die beiden für Seminare nach Deutschland ein.

Zu diesem Zeitpunkt war mein erster Sohn gerade zwei Jahre alt geworden. Besser vorbereitet als ich kann man eigentlich kaum in die Vaterschaft eintreten. Und doch musste ich schnell feststellen, dass mein Sohn die Bücher nicht gelesen oder irgendwie falsch verstanden hat.

Immer wieder geriet ich in Situationen, in denen ich keine Ahnung hatte, was ich tun sollte. Heute weiß ich, dass dies letztlich ein gesunder Zustand ist. Jedes Kind ist einzigartig, jede Situation ist anders und alle pädagogischen Konzepte sind letztlich Landkarten. Und da jedes Kind ein einzigartiges Land ist, das sich auch noch ständig verändert, kann keine Landkarte genau passen.

So kam es, dass die Praxis der Achtsamkeit immer mehr ins Zentrum unserer Arbeit mit Eltern rückte. Sie kann uns wirksam dabei unterstützen, auch in stressigen Situationen offen und flexibel zu bleiben, innezuhalten, bevor wir automatisch reagieren und auf diese Weise einfühlsamer auf unsere Kinder einzugehen.

 

Alle wollen wunderbare Eltern sein

Warum kommen die Menschen in Ihre Seminare? Suchen Sie konkrete Erziehungstipps und gehen dann enttäuscht wieder, weil Sie das nicht bieten können?

Viele Eltern kommen zu uns, weil sie eigentlich wunderbare Eltern sein wollen, sich in Stresssituationen aber auf eine Art und Weise verhalten, die ganz und gar nicht dem entspricht, wie sie es gerne würden. Wie eine Mutter in einem Seminar in der Anfangsrunde sagte: „Bis ich Mutter wurde, konnte ich in der schönen Illusion leben, ein netter Mensch zu sein.“

Alle Eltern lieben ihre Kinder, aber bedingt durch Stress und vielleicht eigene Verletzungen aus der Kindheit wird sie verdeckt durch andere Emotionen und Persönlichkeitsanteile. Die Frage ist also nicht so sehr: Was soll ich tun? Sondern eher: Wie kann ich sein?

Ich schätze sehr die Arbeit von Daniel Siegel. Er spricht vom „empfänglichen Modus“ – das finde ich noch passender als das Wort Achtsamkeit. Es macht deutlicher, dass es nicht so sehr ums Tun, sondern ums Sein geht. Wir werden präsent für unsere Emotionen und können uns erlauben, sie in ihrer ganzen Tiefe und Intensität zu fühlen. Gleichzeitig sind wir uns ihrer bewusst, so dass sie uns nicht so leicht mitreißen. Dies verschafft uns einen größeren inneren Freiraum und mehr Flexibilität.

 

Eine wohlwollende Haltung ist entscheidend

Gibt es Menschen in Ihren Seminaren, die noch nie etwas von Achtsamkeit gehört haben? Gibt es Erfahrungen, die alle Teilnehmenden vereint?

Das ist sehr unterschiedlich. Manche haben schon Erfahrung, versuchen aber ähnlich wie ich seinerzeit, diese Praxis mehr in ihr Elternsein oder in ihre berufliche Tätigkeit mit Kindern zu integrieren. Es kommen aber auch immer wieder Menschen ganz ohne Vorerfahrung.

Besonders staunen die Eltern immer wieder, wie positiv es sich auf ihre Familienatmosphäre auswirkt, wenn sie nicht nur auf das schauen, was schwierig ist oder ihnen nicht gefällt, sondern auch den freudigen und schönen Momenten mehr Aufmerksamkeit schenken.

Wenn Kinder das Gefühl haben, dass sie grundsätzlich eine Freude sind für ihre Eltern und keine Last, können sie aufblühen. Es ist dann auch nicht tragisch, wenn wir manchmal gestresst sind oder schlechte Laune haben. Entscheiden ist vor allem die allgemeine Atmosphäre und nicht so sehr, dass wir in jeder Situation wissen, was zu tun ist. Wenn die Grundstimmung geprägt ist von Warmherzigkeit, Klarheit und Freude, kann nicht mehr viel schiefgehen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Mir fällt das Beispiel einer Mutter ein, die berichtete, dass sie eigentlich zu Hause ständig ihre Kinder angeschrien hat, um ein bestimmtes Verhalten durchzusetzen. In einer Übung schlagen wir den Eltern vor, sich vorzustellen, sie würden in ferner Zukunft langsam auf ihr Lebensende zugehen und von dort auf die heutige Zeit schauen. Was wäre aus dieser Perspektive wirklich wichtig für sie? Wie würden sie dann mit ihren Kindern sprechen?

Beim nächsten Treffen berichtete sie, dass sie in der ganzen Woche nicht ein einziges Mal geschrien hätte. Es war ihr plötzlich nicht mehr wichtig, ob die Kinder zehn Minuten früher oder später die Zähne putzten. Früher war sie unglaublich angespannt. Aber diese eine Übung hatte ihre innere Haltung geändert.

Mein Hauptanliegen ist es, den Eltern zu helfen, nicht so hart mit sich selbst zu sein, sondern freundlicher, weicher. Eine wohlwollend interessierte Haltung sich selbst gegenüber zu entwickeln, ist für viele Eltern ein Segen – und das nicht nur im Alltag mit ihren Kindern.

 

Die Beziehung ist wichtiger als Achtsamkeitsübungen

Turbo-Abi, Leistungsdruck, Vergleichbarkeitsstudien, immer schneller, immer besser. Ist das nicht ein unheilvoller Prozess, der die Bildungspolitik im letzten Jahrzehnt in Deutschland geprägt hat? Wie treten sie dem entgegen, was wollen sie tun, um strukturell und politisch etwas zu verändern?

Unser Ansatz ist ein anderer. Ich war immer auf der Suche nach den besten Bedingungen, damit sich Kinder nach ihren eigenen inneren Gesetzen entfalten können. Meine Vorstellung ist nicht, dass die Kinder im Gleichschritt durch das System gehetzt werden. Insofern denke ich, dass die Achtsamkeit an den Schulen etwas Grundlegendes verändern könnte. Allerdings unter der Voraussetzung, dass die Lehrkräfte sie zunächst selbst praktizieren und authentisch verkörpern.

Es geht im Kern um angstfreies Lernen. Spielen, wachsen und sich entwickeln sind nur möglich, wenn Kinder sich sicher fühlen. Es werden aber oft Dinge von Kindern erwartet, für die sie nicht reif sind, dann entwickeln sie Ängste. Das bedauert Dauerstress.

Was braucht es denn für Voraussetzungen, damit die Achtsamkeit in die Schule Einzug hält?

Das bleibt abzuwarten. Ich vertraue da vor allem auf eine organische Entwicklung und nicht auf Hau-Ruck-Verfahren. Achtsamkeit lässt sich nicht erzwingen. Wir haben lange gezögert, Achtsamkeit mit Kindern zu praktizieren, weil die Interpersonelle Neurobiologie und aktuelle Bindungsforschung gezeigt haben, dass eine gute und sichere Erwachsenen-Kind-Beziehung eine vergleichbare Wirkung auf das Gehirn hat wie die Achtsamkeitspraxis.

So dachte ich lange: Lasst doch die Kinder in Ruhe und praktiziert lieber selbst! Inzwischen habe ich aber eingesehen, dass schon viele Kinder emotional und sozial unterernährt in den Kindergarten kommen, und die neuen Medien sind auch nicht gerade dazu angetan, eine harmonische Entwicklung zu unterstützen. Aber Achtsamkeit ist auch keine Methode, um die Kinder ruhig zu stellen. Die Beziehung ist von zentraler Bedeutung und Achtsamkeitsübungen sind kein Ersatz dafür.

Ich setze auf eine gesellschaftliche Entwicklung von unten statt auf große politische Lösungen: Menschlichkeit kann sich nur entwickeln, indem wir sie erfahren. Genau darin liegt die Aufgabe für uns im Umgang mit den Kindern als Eltern, Erziehern und Lehrern.

 

Lienhard Valentin, ©Anja Limbrunner

Foto: Anja Limbrunner

 

Lienhard Valentin gründete 1984 den Arbor-Verlag, 1986 den Verein „Mit Kindern wachsen“ und 2006 die gemeinnützige Arbor-Seminare GmbH.

http://www.lienhard-valentin.de/

 

 

 

 

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