Raus aus dem Gedankenkarussel
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Raus aus dem Gedankenkarussel

In der vierten Folge ihrer Audio-Reihe leitet die Meditations- und MBSR-Lehrerin Michaela Doepke eine Achtsamkeitsmeditation auf Gedanken und Gefühle an.

Ich möchte Sie zu einem Experiment einladen: Indem Sie Gedanken in der Meditation wie ein neutraler Beobachter achtsam wahrnehmen, können Sie den gesamten Prozess des Denkens einmal aus der Distanz beobachten. Wichtig ist dabei, dass wir eine neugierige Forscherhaltung uns selbst gegenüber entwickeln.

Meditation auf Gedanken und Gefühle

Vielleicht nehmen Sie in der Meditation wahr, dass Gedanken ständig kommen und gehen wie Wolken am Himmel. Sie entstehen unaufhörlich, bleiben eine Weile und lösen sich wieder auf. Die Kunst ist es, nicht nach ihnen zu greifen oder sie festzuhalten, sich nicht in den eigenen Geschichten über Vergangenheit oder Zukunft zu verlieren, sondern sie wieder loszulassen. Meditationsanfänger sind manchmal entmutigt, wenn sie feststellen, dass ihre Gedanken wie wilde Affen in ihrem Kopf herumhüpfen und jedem Impuls folgen. Aber das ist ganz normal und geht den meisten Menschen zu Beginn der Übung so.

Um mit der Zeit eine gelassene Haltung zu kultivieren, können wir innerlich eine kurze Notiz machen und einzelne Gedanken und später auch Gefühle mit wertfreien Begriffen wie „Denken“ oder „Gefühle“ etikettieren, um sie im Anschluss wieder ziehen zu lassen und uns wieder auf das Spüren des Atems im jetzigen Moment zu konzentrieren. So gewinnen wir Abstand von den Grübelschleifen und dem Gedankenkino und erkennen, welche Gedankenprozesse sich in unserem Geist abspielen.

Zum Beispiel nehmen wir in der Meditation wahr, dass der Gedankenfluss ständig in Bewegung ist. Schon der griechische Philosoph Heraklit stellte fest: „Wir können nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“

Glück entsteht durch Loslassen

Bei regelmäßiger Meditationspraxis wächst allmählich die weise Einsicht in die Vergänglichkeit aller Phänomene und die entsprechende Konsequenz, eine Haltung des Loslassens zu kultivieren. Das Glück findet sich nicht im Außen oder einer Aktivität, wissen viele anerkannte spirituelle Lehrer: „Das Glück findet sich nicht mit dem Willen oder durch große Anstrengung, sondern ist immer schon da, im Entspannen und im Aufgeben.“ 1

Gedankenruhe kann derjenige entwickeln, der die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit der eigenen Gedanken erkennt und sie als traumgleich und Illusion wahrnimmt. Der Körper unterscheidet in seiner Reaktion übrigens nicht zwischen Realität und Gedanken. Ohne diese Erfahrung haben die Gedanken Macht über einen, da man sie für wirklich und beständig hält.

Dem Gefühlssturm achtsam begegnen

Wenn wir Gefühle in der Meditation achtsam wahrnehmen, entdecken wir, dass sie körperliche Schmerzen auslösen können. Wie bei der Meditation auf die Gedanken beobachten wir, dass auch Gefühle ständig kommen und gehen und wir sie nicht festhalten müssen.

Gleichzeitig können wir vielleicht bemerken, dass wir von angenehmen Gefühlen stets mehr haben wollen und uns von unangenehmen Gefühlen lieber abwenden und sie ablehnen. Durch achtsames Geistestraining lässt sich feststellen, dass immer etwas fehlt zum Glück, solange man seinem Verlangen folgt.

Die Erfahrung zeigt: Wir folgen unserem Verlangen, aber wir finden dennoch keine dauerhafte Befriedigung. Denn kaum haben wir das Objekt unserer Leidenschaft erobert, schon beginnt ein neues Problem. Sobald wir das neue Traumauto gekauft haben, ist es oft schon nicht mehr interessant. Irgendetwas fehlt immer zum Glück. Sobald wir den Traumpartner geheiratet haben, wird die Beziehung zum Alltag.

Daher rät die Zen-Lehrerin Brenda Shoshanna, die entspannte Meditationshaltung auch auf Beziehungen anzuwenden und nicht an Menschen festzuhalten: „Wenn jemand in ihr Leben tritt, praktizieren Sie, ihn kommen zu lassen. Heißen sie diesen Menschen einfach willkommen, lassen sie ihn so sein, wie er ist. Wenn es für jemanden Zeit ist, wegzugehen, praktizieren Sie, ihn gehen zu lassen …“ 2

Auch der berühmte Dichter Rumi hat diese Lebensweisheit in seinem Gedicht vom Gasthaus zum Ausdruck gebracht. Wir können uns vorstellen, wir seien ein Gasthaus. Was oder wer immer kommt, den heißen wir willkommen, wir begrüßen ihn freundlich und lassen ihn mit freundlicher Haltung wieder ziehen.

Indem wir die Gefühle in der Meditation achtsam beobachten, können wir auch feststellen, dass viele unserer Emotionen aus der Kindheit herrühren und mit typisch wiederkehrenden Geschichten und Mustern behaftet sind, die mit der jetzigen Situation gar nichts mehr zu tun haben.

Je länger wir praktizieren, umso öfter gelingt es uns, eine Emotion von diesen alten Geschichten und überholten Glaubenssätzen trennen, die uns oftmals herunterziehen und entmutigen. Dank der regelmäßigen Meditationspraxis dramatisieren wir bestehende Emotionen nicht mehr, entwirren alte Geschichten und Glaubensmuster und liefern uns keinen Gefühlsstürmen aus, die am Ende nicht mehr zu bewältigen sind.

Durch die Meditation können wir mit allem sein, was ist. Wir können dann auch schmerzliche Erfahrungen halten. Dank dieser akzeptierenden Lebenseinstellung werden alle Erscheinungen nach und nach zum Freund statt zum Feind. Das könnte der Beginn einer inneren Heilung sein.

Michaela Doepke

1 Gendün Rinpoche, in: Michaela Doepke, Buddhas Kleines Gute-Nacht-Buch, Kailash Verlag, München, 2013, S. 8
2 Brenda Shoshanna: Zen und die Kunst, sich zu verlieben. O. W. Barth Verlag, Frankfurt, 2005, S. 71

Hinweis: Die Achtsamkeitsmeditation ist auch Teil des 8-wöchigen MBSR-Programms (Mindfulness Based Stress-Reduction) nach Jon Kabat-Zinn, das dieser vor ca. 35 Jahren für seine Schmerz- und Burn-out-Patienten entwickelt hat. Es wird heute weltweit in Kliniken und Gesundheitszentren erfolgreich durchgeführt.

Michaela Doepke ist Meditationslehrerin, MBSR-Lehrerin, Buchautorin und Journalistin im Netzwerk Ethik heute und aktiv im Center for Mindfulness München.
Meditations- und MBSR-Kurse von Michaela Doepke finden Sie unter: www.michaela-doepke.de/kurse; www.mbsr-verband.de/

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