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Meditation: Die Sehnsucht nach Stille

Foto: Joshua Earle I Unsplash

Vom Funktionieren zum Menschsein

In einer Welt, in der Leben leicht zum Funktionieren wird , ist die Sehnsucht nach einem Moment des Innehaltens ein natürlicher Impuls – und vielleicht eine tiefgreifende Lösung. Achtsamkeit und Meditation können uns helfen, ins Menschsein zurückzukehren.

 

Wir erleben eine Zeit mit globalen Unsicherheiten. In der persönlichen Berufswelt wird höhere Effizienz und ständige Verfügbarkeit gefordert, inmitten von Terminen, digitalen Reizen und wachsendem Druck.

Der Anspruch – ganz gleich, ob von außen erwartet oder an sich selbst gestellt – ist, dass wir funktionieren. Um diesen Zustand auszuhalten, werden auch Achtsamkeit und meditative Verfahren empfohlen. Denn praktischerweise reduzieren sie Stress, fördern die Konzentration und regulieren das Nervensystem.

Sind Achtsamkeit und Meditation also Techniken, um auch dann noch zu funktionieren, wenn eigentlich nichts mehr geht? Das würde an ihrem Kern vorbei gehen: Meditation und das Einüben von Achtsamkeit im Alltag haben aus gutem Grund eine lange kulturgeschichtliche Tradition.

Vom Buddhismus bis zur christlichen Mystik diente das Innehalten der ethischen Orientierung und der Vertiefung von Menschlichkeit. Sie sind Wege zu einem bewussteren Leben und Zurückfinden zu jener Dimension, die jenseits von Wollen, Haben und Müssen liegt. Meditation gibt keine Antwort darauf, wie der Mensch besser funktionieren kann. Sie fragt vielmehr: Wie kann ich wahrhaftig leben?

Weite im Innenraum

Im meditativen Innehalten begegnen wir uns selbst, jenseits der Rollen und Erwartungen. Meditation ist somit eine Einladung, ins Menschsein zurückzukehren.

Sie eröffnet einen Zugang zu einem inneren Raum, in dem das Denken zur Ruhe kommt. Das geht weit über die Stressreduktion hinaus, denn in der Innenerfahrung öffnet sich eine neue Weite.

Manche erleben tiefen Frieden, andere eine stille Gegenwart. Die Zeit und das Getrenntsein lösen sich auf. Es ist ein Eintauchen in eine Quelle von Mitgefühl, Klarheit und Verbundenheit.

Wer in die Stille sinkt, entdeckt, dass innere Entwicklung und äußeres Handeln untrennbar sind. Schon in der Mystik war die vita contemplativa mit der vita activa verbunden. Innehalten war nie Selbstzweck, sondern Quelle ethischen Handelns – Ausdruck einer Haltung, die aus der Tiefe kommt.

Weg vom Funktionieren hin zur Verbundenheit

Was, wenn wir diesen inneren Raum als Ausgangspunkt unseres Handelns verstehen? Wenn wir das Auf und Ab des Lebens aus der Perspektive dieser Erfahrung in der Stille betrachten?

Das wäre ein Paradigmenwechsel: weg vom Funktionieren, hin zu einer Kultur der inneren Verbundenheit. Achtsamkeit kann damit zur Grundlage einer Haltung werden, die Voraussetzung für Mut, Dialogfähigkeit und solidarisches Handeln ist.

Denn aus der Perspektive der Verbundenheit erwächst eine Ethik, die tiefer in Gesellschaft und Welt einbindet – und zugleich die eigene Wahrhaftigkeit stärkt.

Aus ihr wächst eine Ethik vertiefter Menschlichkeit, die Brücken schlägt, Klarheit und Verantwortung stärkt, um Dinge in die Hand zu nehmen und zu verändern – und inmitten der Welt präsent zu sein.

Unser YouTube-Kanal

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Thomas Hohn I Foto: privat
Thomas Hohn I Foto: privat

Thomas Hohn

studierte Philosophie, Psychologie und Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkten Spätmittelalter, Buddhismus und christliche Mystik. 2022 veröffentlichte er den historischen Roman „Das Undenkbare Universum – Meister Eckhart und die Erfindung des Jetzt“. Mit seiner neuen Veröffentlichung „Die Rebellion der Mystikerin – Teresa von Avila und die Verwandlung der Welt“ entführt er in die Welt einer Mystikerin, die die Welt veränderte. Er ist politischer Kampaigner bei Greenpeace.

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