Interview mit der Musikerin Mari Boine
Mari Boine ist eine weltberühmte Musikerin des Volkes der Samen, die in ganz Nordskandinavien ansässig sind. Doch als Minderheit in ihrem Land musste sie sich ihr eigenes Kulturerbe erst erkämpfen. Heute wendet sie sich mit ihrer Musik auch gegen Diskriminierung, Naturfeindlichkeit und Ausbeutung.
Das Gespräch führte Geseko von Lüpke.
Frage: Wie würden Sie Ihre Musik nennen?
Mari Boine: Für mich kommt Musik immer aus dem Herzen. Der schamanische Beat ist mehr und mehr zu meiner Musik geworden. Und meine Texte handeln von mir: einem Menschen, der einer Gehirnwäsche unterzogen wurde, damit sie ihren eigenen kulturellen Hintergrund hasst.
Mit Hilfe der Musik versuche ich, alles Verlorene wiederzufinden und alles Überkommene loszulassen: all die Scham, die Unterdrückung und das Gift, das die Kolonialisierung erzeugt hat. Meine Musik ist also das Zeugnis einer Reise in die Freiheit.
Sind Sie immer noch in Rebellion oder sind Sie als Person darüber hinausgewachsen?
Mari Boine: Ich bin heute glücklicherweise darüber hinaus – aber zugleich auf eine stärkere Art rebellisch. Früher habe ich um Erlaubnis dafür gebeten, Zugang zu meiner eigenen Kultur zu haben. Jetzt bitte ich nicht mehr um Erlaubnis, nie mehr!
Ich habe die Kraft in unserer Kultur gefunden, ich präsentiere dieses mächtige schamanische Erbe. Die Menschen nehmen es an oder sie lassen es bleiben und setzen ihren naturfeindlichen Weg fort.
Wann begann Ihr anti-koloniales Engagement? Und wie haben Sie die Kolonisierung der sámischen Kultur erlebt?
Mari Boine: Meine Rückkehr zu den Wurzeln begann 1972. Davor lagen Jahrzehnte der Kolonisierung. Die samische Sprache wurde öffentlich nicht gesprochen. Es gab keine samische Kultur an den Schulen, sie wurde diffamiert. Uns wurde gesagt, dass unser Erbe „des Teufels“ sei.
Wir sollten ‚diese gefährlichen Dinge‘ hinter uns lassen. Die meisten meiner Leute schämten sich deshalb und versuchten, unsere Kultur zu verleugnen. Heute sind die jungen Leute der Sámi viel stärker. Alle Arten von sámischer Kunst – Literatur, Kino, Musik, Tanz und Theater –florieren. Ohne Verbindung zum Land, zur Natur wäre unsere Kultur hohl.
Traditionelle Lieder dienten nur noch dazu, Touristen zu unterhalten.
Wie ist die aktuelle Situation der Sámi ?
Mari Boine: Aktuell stellt sich die Frage, wer über die Ressourcen unseres Landes entscheidet. Wir stehen unter enormem Druck durch Windkraftunternehmen aus ganz Europa, die das Rentierweideland ruinieren.
Aber ohne Verbindung zum Land, zur Natur wäre unsere Kultur nur noch hohl. Dann würden die Joiks, die traditionellen Lieder, nur dazu dienen, Touristen zu unterhalten.
Die Leute, die Entscheidungen über unser Land treffen, haben bereits Natur auf der ganzen Welt zerstört. Jetzt bitten wir sie: Lasst uns wenigstens dieses Gebiet erhalten, denn wir alle brauchen halbwegs intakte Räume – auch ihr selbst in Mitteleuropa!
Ich sehe meine Rolle als Sámi-Älteste heute darin, die jungen Menschen bei ihrem Protest zu unterstützen. Indigene Völker haben eine Verbindung zur Natur. Sie wussten, wie man mit der Natur kommuniziert und im Gleichgewicht lebt. Ich möchte es nicht Religion nennen – es war und ist eine schamanische, animistische Lebensweise.
Wie hat die westliche Missionierung Sie und Ihre Familie beeinflusst?
Mari Boine: Die andere Weltsicht war wie ein schwerer Güterzug, der uns überrollte und die Menschen verwirrte. Sie brachte auch den Alkohol mit. Als ich aufwuchs, sagten meine Eltern: „Du darfst keinen Joik singen, das kommt vom Teufel!“
Zeitlebens versuchten sie, mich davon abzuhalten, mein eigenes Erbe kennenzulernen. Um Zugang zu meiner Kultur zu bekommen, musste ich immer wieder mit meinen eigenen Eltern kämpfen!
Aus der neuen CD von Mari Boine:
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Ist das Album «Alva» eine Reflexion über diese Zeit?
Mari Boine: Ja, einige der Songs sind eine Art Liebeslieder an meine Eltern. Zusätzlich zur Kolonialisierung und Missionierung hatten sie auch Erfahrungen mit dem Krieg gemacht. Mein Vater hat während der Besatzung Norwegens Deutsch gelernt. Später wohnten wir am Fluss.
Im Sommer paddelten manchmal Touristen vorbei, und er rief auf deutsch: „Sprechen Sie Deutsch? Kommen Sie her und unterhalten Sie sich mit mir.“ Und manchmal taten sie das wirklich. Darüber singe ich ein Lied – “Anárjoh’gáttis/ By My Beautiful River”.
Es gibt Beats, die in einen anderen Geisteszustand führen.
Der samische Schamane Ailo Gaup erzählt von dem Bewusstseins-Zustand der Einheit, der in der samischen Sprache ‚Aivo’ heißt. Spielt das in Ihrer Musik eine Rolle?
Mari Boine: Ja! Als ich mit Musik anfing, kannte ich nur Pop, Rock und Jazz. Ich wusste nicht, dass unsere Kultur animistisch und schamanisch war. Dann entdeckte ich diese Beats, die in einen anderen Geisteszustand führen.
Von Ailo Gaup habe ich viel über den Trancezustand des ‚Aivo‘ gelernt. Da hat sich mir eine ganz neue Welt eröffnet, das wurde ein sehr wichtiger Teil meiner Musik. Denn der Joik-Gesang und der schamanische Beat sind mit dem Herzen verbunden.
Ich entdeckte all die weiblichen Helferinnen in meiner Kultur.
Ihre Musik hat ein hypnotisch wirkendes rhythmisches Muster. Arbeiten Sie mit schamanischen Rhythmusmustern?
Mari Boine: Natürlich. Interessant ist der Schnittpunkt zwischen dem uralten Beat und der Moderne. Ich mische die beiden Elemente. Ich will nicht nur etwas Exotisches aus einer anderen Welt sein, sondern mit modernen Menschen kommunizieren. So kann ich einen Fuß in der Tradition meiner Vorfahren und einen Fuß in der modernen Welt haben.
Dieses Erbe gehört nicht nur uns, sondern der kollektiven Menschheit. Mit meiner Musik will ich den Menschen sagen, dass wir aufwachen müssen. In Ihrer Tradition sagt man: Der Schamane ist ein Künstler, und der Künstler ist ein Schamane.
Sehen Sie sich selbst als musikalische Schamanin?
Mari Boine: Ich bin sehr vorsichtig mit dem Wort „Schamanin”. Denn in der westlichen Gesellschaft denkt man in Hierarchien und sieht einen Schamanen als jemand, der scheinbar alle Antworten hat. Das will ich nicht! Die Musik erzeugt aber eine starke schamanische Verbindung, in jedem Menschen.
Was bedeutet es für Ihre Musik, dass Sie sich jetzt in der Situation einer Ältesten, vielleicht sogar einer Matriarchin befinden?
Mari Boine: Es beeinflusst alles, was ich tue. In der matriarchalen Sámi-Kultur hatten die Frauen eine starke Position und mussten nicht um Erlaubnis bitten.
All diese verdammten Erlaubnisse, die wir von Männern, von Priestern, von Königen einholen mussten! Ich entdeckte, dass wir viele weibliche Helferinnen oder Göttinnen haben, wie die Ahkas, Mataraka, Saraka, Yuksaka, Uksaka. Wenn ich aus meiner Küche herausschaue, sehe ich zwei Inseln namens Akansolu, die „Göttinneninseln“.
Dies ist Teil meiner Kultur, von der ich singe. Großmütter, so wie ich jetzt eine bin, werden Aku genannt und die Enkelkinder Akubat. Alles hat eine gemeinsame weibliche Wurzel.
Ist unter den heutigen Samen nur eine Minderheit mit den alten kulturellen Wurzeln verbunden?
Mari Boine: Die Verbindung wächst, insbesondere wenn wir sehen, wie die Natur und unsere Ressourcen bedroht sind. Die jungen Menschen erkennen mehr und mehr den Wert dessen, was wir hatten. Kultur ist nicht nur etwas Theoretisches oder Altes, sondern wir sehen, dass die ganze Welt jetzt diese Denkweise braucht.
Wo stehen Sie mit Ihrer Vision, mit Ihren Zielen? Was gibt es noch zu tun?
Mari Boine: Es geht darum, den indigenen Völkern zuzuhören und der Welt die Augen zu öffnen dafür, was wir eigentlich mit Mutter Erde anstellen. Lasst uns diesen Wahnsinn beenden, diesen Materialismus, diese Vergiftung von Mutter Erde! Das will ich auch mit meiner Musik erreichen: Den Menschen das Gefühl geben, dass wir aufwachen müssen.
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