Der Kinofilm „Nürnberg“
Der Film „Nürnberg“ von James Vanderbilt zeichnet den Prozess gegen die Nazi-Kriegsverbrecher nach. Im Zentrum steht der Schlagabtausch zwischen Göring und dem psychologischen Gutachter Kelley sowie Chef-Anklänger Jackson. Ein Zeugnis über menschliche Abgründe und die Stärke des Rechts über Unrecht und Gewalt. Kinostart: 7. Mai 2026
„Sie sind nicht zu Höherem bestimmt. Sie werden ein unglückliches Leben führen!“ prophezeit Hermann Göring, gespielt von Oscar-Preisträger Russell Crowe, in einer frühen Filmszene selbstbewusst-arrogant seinem US-amerikanischen Gerichtspsychiater Douglas M. Kelley. „Ich bin ein Buch, Sie nur eine Fußnote!“ muss sich der Mittdreißiger in Görings Todeszelle anhören.
Über Monate hatte sich der Gutachter der Aufgabe gewidmet, die Verhandlungsfähigkeit der 22 in Nürnberg einsitzenden Kriegsverbrecher, allen voran der ehemalige Reichsmarschall und Hitler-Stellvertreter Göring, festzustellen.
Diese Vier-Augen-Gespräche nehmen breiten Raum ein im zweieinhalbstündigen Film von James Vanderbilt: Man wird Zeuge, wie der junge Offizier der US-Armee und Psychiater von Görings Intelligenz, Charisma und Gelassenheit fasziniert und herausgefordert wird.
Trotz anfänglicher Machtspiele Görings gelingt es dem Arzt, dessen Vertrauen zu gewinnen und somit Einblicke in seine Persönlichkeit und Gedankenwelt zu erhalten. Darin sieht er die einzigartige Chance, die „Nazi-Psyche“ zu erforschen.
Der Films beginnt im Herbst 1945, da läuft der Prozess schon eine Weile. „Seid stark für Deutschland!“ gibt Göring seinen Mitangeklagten beim Gang in den Gerichtssaal mit auf den Weg. Geschickt hat hier der US-amerikanische Regisseur Originalfilmmaterial eingebaut.
Göring plädiert auf „nicht schuldig“
Chefankläger Robert J. Jackson spricht vom Privileg, „die erste Gerichtsverhandlung der Geschichte über Verbrechen gegen den Weltfrieden zu eröffnen“, das sei eine „ernsthafte Verantwortung“.
Die „Untaten“, die man nun zu bestrafen suche, seien so „ausgeklügelt, böse und verheerend“ gewesen, dass die zivilisierte Welt sie nicht außer Acht lassen könne. „Die Menschheit würde nämlich eine Wiederholung nicht überleben.“ Als Göring gefragt wird „Schuldig oder nicht schuldig?“ antwortet er auf Deutsch: „Nicht schuldig.“
An einem weiteren Verhandlungstag – der Nürnberger Prozess dauerte historisch über 200 Verhandlungstage – wird Göring in den Zeugenstand gerufen. Er erhebt sich, schaut trotzig-arrogant in die Runde und schreitet dann durch den Saal.
Jackson kommt bald auf den „Vierjahresplan“ in der Verantwortung Görings zu sprechen: „die Eliminierung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“. Ausgehend von den Nürnberger Gesetzen vom 15. September 1935 listet Jackson ein halbes Dutzend weiterer Gesetze und Verordnungen mit dem Ziel der Judenvernichtung auf.

Die Todesstrafe für Deutsche etwa, die Vermögen ins Ausland schafften (1936), oder eine Strafe für Juden von einer Milliarde Reichsmark als Sühne: Alle Schäden durch die Reichspogromnacht mussten von den Juden auf eigene Kosten repariert werden (1938).
Göring stimmt da und dort zu, widerspricht aber auch oder erklärt, Jacksons Vorwürfe seien nur „teilweise“ richtig. Bezüglich der „Endlösung“ handele es sich laut Göring um einen Übersetzungsfehler. Rhetorisch geschickt, gelingt es ihm zeitweise, Jackson bloßzustellen, während Göring er selbst siegessicher lächelt.
Als Jackson an seine juristischen Grenzen stößt, hilft ihm der britische Jurist Maxwell Fyfe aus der Patsche. Mit seiner ruhigen, sachorientierten Art gelingt es ihm, Görings Verteidigungsstrategie zu durchbrechen und ihn mit belastenden Dokumenten in die Enge zu treiben. Görings Schlagfertigkeit und rhetorische Gewandtheit schwinden zusehends dahin.
Staatsmänner zur Verantwortung ziehen
James Vanderbilts Nürnberg nach dem Buch Der Nazi und Psychiater von Jack El-Hai (2018) ist ein fesselnder, hochkarätig besetzter Politthriller: Neben den Oscar-Preisträgern Russell Crowe als Hermann Göring und Rami Malek als Douglas M. Kelley sind unter anderem Michael Shannon, Andreas Pietschmann und Peter Jordan zu sehen.
Der Film, der in entscheidenden Momenten die Stille oder ein Musikstück sprechen lässt, wirft viele bedeutsame Fragen auf: Was ist Macht? Wo beginnt Schuld? Kann Nichtwissen(wollen) davor bewahren, zur Verantwortung gezogen zu werden? Wer sind die Guten? Und dürfen sie auch mal „schlecht“ sein und trotzdem „die Guten“ bleiben?
Manche Aussage aus den Vier-Augengesprächen bleibt haften, ebenso die Erklärung des Chefanklägers: „Kriege sind nicht mehr lokal begrenzt. Alle modernen Kriege werden letztlich zu Weltkriegen.“ Um wiederkehrende Kriege zu vermeiden, sei es unabdingbar „in einem System internationaler Gesetzlosigkeit, Staatsmänner dem Gesetz gegenüber zur Verantwortung zu ziehen.“
Solche Aussagen sind hochaktuell – liegen doch derzeit Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH/ICC) gegen Omar al-Baschir (Sudan), Wladimir Putin oder Benjamin Netanjahu und Yoav Gallant (Israel) vor.
Übrigens: Gerichtspsychiater Kelley wählte 1958 den Freitod – mit Zyankali, wie Hermann Göring. Ob neben familiären Sorgen und Problemen auch eine Rolle gespielt hat, dass sein Buch ein Misserfolg und seine Warnungen missachtet wurden?
Johannes Zang
Kinostart des Films „Nürnberg“ in Deutschland: 7. Mai 2026
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