Mit der Familie chatten – kann das gut gehen?

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Kolumne Beziehungsdynamiken

Autorin und Familientherapeutin Mona Kino beantwortet in ihrer Kolumne “Beziehungsdynamiken verstehen” eine Frage zum Thema Kommunikation über Messenger: „Welche Gefahren birgt das Chatten mit der Familie über den Messenger?“

 

Frage: In immer mehr Familien sind WhatsApp- und Signalgruppen ein gängiges Kommunikationsmittel geworden, um Urlaubsfotos, schöne Ereignisse oder auch belastende Themen zu teilen und zu organisieren. Doch welche Gefahren stecken darin, wenn Familienmitglieder weit entfernt wohnen und sich selten persönlich austauschen können? Ist diese besonders schwierig bei bestimmten Menschen, etwa bei introvertierten Familienmitgliedern oder cholerischen Menschen, die schnell etwas missverstehen?

Mona Kino: Urlaubsbilder, ein flotter Spruch vom Onkel, Erinnerungen an Omas Geburtstag oder die Planung von Papas OP-Termin: Das alles passiert heute nicht mehr nur am Küchentisch, sondern via Chat-Diensten wie WhatsApp, Signal oder Threema.

Das Telefonieren ist out, wie eine Marktstudie des Branchenverbands VATM 2025 zeigt: Im Schnitt versendet jede*r Deutsche täglich rund 34 Instant-Messaging-Nachrichten, das sind insgesamt 2,83 Milliarden pro Tag.

Der Familienchat ist das neue Wohnzimmer, nur ohne Blickkontakt, ohne Tonfall, ohne Zwischentöne. Und so wird aus einem Medium, das eigentlich Nähe bringen soll, schnell ein Brennglas für Missverständnisse, Beziehungsfallen und unausgesprochene Erwartungen.

Gerade wenn man sich selten sieht, wird der Chat schnell zur Hauptverbindung und damit auch zur Bühne für alte Themen. Und das birgt Risiken.

Ein harmloses „Das ist ja typisch..“ wirkt ohne Augenzwinkern wie ein Vorwurf. Ein vergessenes „Danke“ unter dem Geburtstagsbild kann als mangelnde Wertschätzung gelesen werden. Wer viel schreibt, wirkt dominant, wer wenig schreibt, desinteressiert. Und Ironie verpufft.

Was Nähe verspricht, kann leicht Distanz schaffen.

Unser Gehirn funktioniert wie eine Puzzelmaschine, schreibt David Brooks im Buch Das soziale Tier. Selbst ein Telefon überträgt nur zehn Prozent der Stimmnuancen und trotzdem formt selbst das kindliche das Gehirn ein klares Bild vom Gegenüber.

In digitalen Chats aber fehlen selbst diese Hinweise. Wir rekonstruieren aus null und eins eine ganze Welt: Tonlage, Mimik, Raum, Lichtstimmung, Zeitzone, besonders wenn die Familie über Ländergrenzen verteilt ist. Eine immense Gehirnleistung, die auch erschöpfen kann.

Besonders oft erlebe ich das bei Menschen mit innerem Spannungsdruck: Introvertierte fühlen sich von der Dauerkommunikation schnell überfordert, antworten später und gelten dann als abwesend. Cholerische Familienmitglieder können impulsiv reagieren, Missverständnisse bauschen sich auf, Emotionen explodieren in Großbuchstaben: „ICH FASSE ES NICHT!

Auch Generationenunterschiede tragen bei: Während Jüngere Emojis zur Gefühlsbeschreibung nutzen, klingt ein trockenes „Ok.“ von Mama schon mal nach Liebesentzug. Und Opa sehnt sich nach Klartext in SPO – Subjekt, Prädikat, Objekt statt Läuft!, wenn er fragt, wie es der Enkelin geht.

Netiquette oder Beziehungspflege?

Netiquette sind gut, doch vor allem brauchen wir die Beziehungspflege. Was der eine für achtsam hält, ist für die andere fremd. Natürlich wäre es schön, alle hielten sich an „Ich-Botschaften“ statt als „Du-Aussagen zu benutzen.

Aber beim Chatten soll’s schnell gehen. Da ist langes Nachdenken, wie man jetzt was „richtig“ schreibt, eher nicht so angesagt. Der Chat ist kein Ersatz für echten Kontakt, sondern bestenfalls eine Erweiterung.

Manchmal hilft es, sich innerlich für eine Chat-Diät zu entscheiden. Nicht aus Trotz oder Selbstschutz, sondern aus Achtung vor der Stille. Wer nicht auf jede Nachricht reagiert, sondern auch mal lauscht, in sich hinein und zwischen die Zeilen, betreibt Beziehungspflege auf leise Weise.

Denn: Man muss nicht immer gleich antworten. Und wiedas Schweigen aufgefasst wird, bestimmt der Empfänger.

Ein paar praktische Impulse:

  • Nicht alles gehört in den Chat. Schwere Themen brauchen Telefonate oder persönliche Gespräche. Und: Wollt ihr das tatsächlich mit allen so besprechen?
  • Nachfragen, bevor man urteilt. Die Frage: „Wie meinst du das?“ ist oft besser als ein passiv-aggressives Schweigen.
  • Rücksicht auf Kommunikationsstile. Nicht alle tippen schnell, nicht alle lesen täglich mit.
  • Pausen sind erlaubt. Wer mal nicht antwortet, ist nicht automatisch beleidigt.
  • Und wenn es kracht? Auch kein Problem. Kleine Chat-Check-ins sind hilfreich, z.B. einmal im Jahr gemeinsam über den Chat sprechen. Was tut gut, was nervt? Das kann Wunder wirken. Hier kann man auch darüber sprechen, was soll wirklich rein?

Und am Ende gilt: Man darf die Familie auch mal stumm schalten – aus Liebe. Und zum Hörer greifen, darf man natürlich auch. Oder sich direkt verabreden und gemeinsam einen Spaziergang machen.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Foto: privat
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Mona Kino

ist Drehbuchautorin, Familientherapeutin und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Sie lebt in Berlin und begleitet deutschlandweit Eltern in ihren pädagogischen Fragen sowie Teams beim Teambuilding. 2020 ist ihr Buch „Zeit für Empathie- Fünf Wege Fünf Wege zu innerer Balance“ im Beltz-Verlag erschienen. 

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