„Nachbarschaft zeigt, wie man mit Unterschieden klarkommt“

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Interview mit dem Soziologen Kurtenbach

Nachbarschaft ist ein wichtiges soziales Netz in unserem Alltag. Hier lernen wir Vertrauen und wie man Differenzen kooperativ löst. Der Soziologe Prof. Sebastian Kurtenbach berichtet aus seiner Forschung und ist überzeugt: Das Digitale kann Nachbarschaft niemals ersetzen.

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Frage: Sie arbeiten in Ihrer soziologischen Forschung am Thema Nachbarschaft. Welche Bedeutung hat Nachbarschaft heute?

Kurtenbach: Nachbarschaft ist wichtiger denn je, weil sie eine Ressource des sozialen Zusammenhalts ist. Menschen leben Tür an Tür, unabhängig von Herkunft, Lebensstil oder Überzeugungen.

Diese Durchmischung in Nachbarschaften wird durch die Wohnkrise eher noch bewahrt, weil ein Umzug schwieriger wird. Genau darin liegt gesellschaftliche Bedeutung von Nachbarschaft: Sie zwingt uns, Differenz auszuhalten und im Alltag miteinander auszukommen.

Worin sehen Sie die Bedeutung der Nachbarschaft für unsere soziale Beziehungen?

Kurtenbach: Nachbarschaft ist ein Ort, an dem soziale Beziehungen im Alltag erlebt und erprobt werden. Die Art der Beziehung ist geprägt von einem Spannungsverhältnis zwischen Nähe und Distanz: Man kennt sich, aber man ist sich nicht unbedingt nah.

Daraus entstehen spezifische Umgangsformen, vom kurzen Gruß bis zur gegenseitigen Hilfe. Diese alltäglichen Praktiken sind nicht spektakulär, aber sie schaffen Verlässlichkeit.

Nachbarschaft vermittelt zudem ein Gefühl von Normalität: Hier lernen Menschen, was als selbstverständlich gilt und wie man miteinander umgeht. In diesem Sinne prägt sie soziale Erwartungen und trägt dazu bei, dass gesellschaftliches Zusammenleben überhaupt möglich wird.

Letztendlich erzeugt das Vertrautheit und im besten Fall Vertrauen zueinander.

Vertrauen entsteht eher im direkten Kontakt.

Wie zeigt sich Nachbarschaft im Kontext der digitalen Vernetzung, die auch globale Beziehungen ermöglicht?

Kurtenbach: Digitale Kommunikation verändert Nachbarschaft, ersetzt sie aber nicht. Messenger-Dienste oder digitale Plattformen erleichtern den Austausch von Nachbarinnen und Nachbarn, etwa bei organisatorischen Fragen oder in Krisensituationen.

Gleichzeitig zeigt sich: Vertrauen und stabile Beziehungen entstehen vor allem im direkten Kontakt. Digitale Vernetzung ist eher eine Ergänzung als ein Ersatz. Sie kann bestehende Beziehungen verdichten, aber sie schafft sie selten von Grund auf.

Natürlich nutzen nicht alle Gemeinschaften digitale Mittel gleichermaßen. Dennoch ist gerade in einer global vernetzten Welt die lokale Einbettung wichtig, weil sie konkrete Erfahrungen von Nähe, Verantwortung und Verlässlichkeit ermöglicht. Es ist also kein Entweder-oder-, sondern ein Sowohl-als-auch-Verhältnis.

Wie trägt Nachbarschaft zum sozialen Zusammenhalt bei?

Kurtenbach: Nachbarschaft ist eine Art soziales Netz des Alltags. In vielen Situationen, etwa bei Abwesenheit im Urlaub, bei Krankheit, im Alter oder in Krisen, greifen Menschen auf ihre unmittelbare Umgebung zurück. Diese Unterstützung ist oft informell und nicht institutionell organisiert und gerade deshalb so wirksam.

Darüber hinaus schafft Nachbarschaft den Rahmen, in dem unterschiedliche Menschen miteinander in Kontakt kommen. Das ist keine Garantie für Zusammenhalt, aber eine wichtige Voraussetzung.

Zusammenhalt entsteht nicht durch abstrakte Werte allein, sondern durch konkrete Erfahrungen im Alltag, und genau diese werden in der Nachbarschaft erlebt.

Zugleich gibt es keine Hierarchien, Nachbarschaft nivelliert also Unterschiede und stattet alle mit den gleichen sozialen Rechten aus.

In der Nachbarschaft lernen wir, mit Polarisierung umzugehen.

Es wird viel über Polarisierung geschrieben, aber ist gute Nachbarschaft nicht der Gegenbeweis – dass Menschen in der Regel kooperieren?

Kurtenbach: Nachbarschaft zeigt, dass beides gleichzeitig gilt. Auf der einen Seite gibt es gesellschaftliche Fragmentierung und damit zunehmende Unterschiede. Auf der anderen Seite erleben wir im Alltag, dass Menschen durchaus kooperationsfähig sind.

Nachbarschaft ist kein Gegenbeweis zur Fragmentierung, sondern eher der Ort, an dem mit ihr umgegangen werden muss. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen leben nebeneinander und finden oft pragmatisch Wege, ihren Alltag zu organisieren.

Man könnte sagen, dass Nachbarschaft auf Kooperation basiert. Sie produziert zwar nicht Harmonie, ermöglicht jedoch ein funktionierendes Zusammenleben trotz Unterschieden.

Was wäre die Aufgabe kommunaler Politik? Könnte man auf lokaler Ebene Zusammenhalt stärken oder ist das eher die Aufgabe der Bürgerinnen und Bürger?

Kurtenbach: Ganz wichtig: Nachbarschaft lässt sich nicht verordnen! Sie basiert auf Freiwilligkeit und informellen Beziehungen. Wir haben in einer Umfrage während der ersten Welle der Covid-19-Pandemie konkret danach gefragt, ob die Menschen sich wünschen, dass ihre Nachbarschaft organsiert wird, beispielsweise durch Wohlfahrtsverbände.

Das ist auf breite Ablehnung gestoßen. Nachbarschaft möchten die Menschen selbst organisieren. Für diese Selbstorganisation braucht es aber Möglichkeiten, zum Beispiel öffentliche Räume, soziale Einrichtungen und Gelegenheiten zur Begegnung.

Ohne solche Infrastrukturen bleiben viele Potenziale ungenutzt. Politik kann also Voraussetzungen schaffen, aber sie kann Nachbarschaft nicht ersetzen.

Sebastian Kurtenbach ist Professor für Soziologie

Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach lehrt und forscht im Bereich Politikwissenschaft/Sozialpolitik an der FH Münster und ist Privatdozent für Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Themen der sozialwissenschaftlichen Stadt-, Migrations- und Konfliktforschung.

 

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