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Nie wieder männliche Küken töten

Wie ökologische Hühnerzucht funktioniert

Männliche Küken werden massenhaft getötet, weil ihre Aufzucht für die Fleischgewinnung unrentabel ist. Die Ökologische Tierzucht gGmbH stellt das bisherige System der Hühnerzucht auf den Kopf. Die Verbraucher können diese Bemühungen mit ihrer Kaufentscheidung unterstützen. Doch es ist noch ein weiter Weg, würdevoll mit den Tieren umzugehen.

 

In Deutschland werden jedes Jahr rund 45 Millionen sogenannter Eintagesküken getötet. Das sind mehr als 100.000 Tiere an jedem einzelnen Tag des Jahres. Die niedlichen kleinen Küken sind männlichen Geschlechts, sie werden als Bruderhähne bezeichnet.

Ihr Schicksal ist traurig: Sie werden ausgebrütet, nach der Bestimmung ihres Geschlechts aussortiert und nach wenigen Stunden getötet. Das Tierwohl bleibt auf der Strecke, weil die Aufzucht zur Fleischgewinnung unrentabel ist. Nur weibliche Tiere werden zum Eierlegen eingesetzt.

Nicht nur in der industriellen Landwirtschaft, auch in Teilen des ökologischen Landbaus wird bislang in Ermangelung von Alternativen so verfahren. Und das ist ein handfestes ethisches Problem. Und das Problem wird größer, denn gerade bei der Eierproduktion zeigt sich das Wachstum in der Biobranche: Etwa zehn Prozent der Hühner, das sind 4,2 Millionen, werden nach Kriterien des Biolandbaus gehalten.

Doch auch ihre Brüder wurden mehrheitlich „aussortiert“, denn Tierhaltung und Zucht sind zwei unterschiedliche Dinge, auch im Biolandbau. Die Tierschutzorganisation PETA hat den Punkt der Zucht beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft nachgefragt und bekam folgende Antwort:

„Das Aussortieren der männlichen Küken findet auch vor der Erzeugung von Bio-Junghennen statt; dies allerdings nicht im Biobetrieb, sondern in der Brüterei, die in aller Regel nicht der Biokontrolle unterliegt. Erst ab Lieferung der Küken an den Biobetrieb wird das Tier zum Biotier. Ökologische Elterntierhaltungen und Brütereien gibt es bisher kaum.

Ein Hauptgrund für dieses Problem ist, dass der Geschlechtsdimorphismus bei Nutzgeflügel sehr stark ausgeprägt ist. Das heißt konkret, die männlichen Legehybriden sind für die Mast nicht einsetzbar. Die gesamte Nutzgeflügelgenetik ist zudem weltweit in der Hand von nur vier Firmen, so dass eine Zucht auf der Ebene Landwirtschaft hier – anders als z.B. beim Rind – nicht mehr stattfindet. Wir haben auch als Biobauern also keinen Zugriff auf die Genetik.“

4 Cent mehr, um Kükenleben zu retten

Der Eierverbrauch steigt in Deutschland jedes Jahr an. Im Schnitt verzehrte in 2016 jeder Deutsche 235 Eier. Ob als Spiegelei, im Kuchen oder zu Ostern, die Nachfrage ist groß und die Macht des Verbrauchers nicht zu unterschätzen. Doch kaum jemand kennt die Problematik der Trennung von Tierhaltung und Zucht.

Seit 2012 gibt es das Label „4 Cent für die Ethik“ der Bruderhahn Initiative Deutschland (BID). 4 Cent pro verkauftem Ei kommen der längeren und damit kostspieligeren Aufzucht der männlichen Küken zur Fleischgewinnung zugute. 30 Betriebe machen mittlerweile bei der Aufzucht nach ökologischen Kriterien mit.

Schon mehr als 25 Millionen Eier wurden auf diesem Wege verkauft. Doch die BID sieht diese Art der Aufzucht nur als Zwischenlösung. Das Ziel ist die durch und durch ökologische Tierzucht, die eine so genannten „Zweinutzungsrasse“ hervorbringt: Diese Tiere eignen sich sowohl zum Eierlegen als auch für die Mast. Diese Art der Züchtung ist arbeits- und kostenintensiv.

Foto: ÖTZ gGmbH

Foto: ÖTZ gGmbH

Inga Günther (links im Bild) ist sozusagen die Pionierin  und Geschäftsführerin der Okologischen Tierzucht gGmbH (ÖTZ) in Deutschland. Sie berichtet von den Herausforderungen ihrer Arbeit:

„Vor der Gründung der ÖTZ gab es keine ökologische Züchtung für Geflügel. Das bedeutet: Die Zuchttiere – oder auch Großelterntiere genannt – unserer Öko-Hühner sitzen in Käfigen und werden dort auf ihre Leistung geprüft. Dies macht die Anpassung an ökologische Bedingungen unmöglich. Erst die Elterntiere unserer Produktionstiere werden ökologisch gefüttert und gehalten.“

Nach Gründung der ÖTZ stand die Planung und der Aufbau geeigneter Strukturen im Vordergrund, die eine Datenaufnahme an Zuchttieren ohne Einzelkäfige erlaubt und ohne künstliche Besamung auskommt. Die Tiere können konsequent in Gruppen und unter den Bedingungen der Anbauverbände Bioland und Demeter gehalten werden.

OTZ_SiegelDrei Jahre Erfahrungen liegen hinter ihr. Finanziert wird das Vorhaben über mehrere Quellen. Neben Spenden und Projektgeldern, unter anderem aus Projektgelder des Landes Niedersachsen und über das Bundeslandwirtschaftsministerium, wurde 2017 die Aktion „1 Cent für die Ökozüchtung!“ gemeinsam mit der BID ins Leben gerufen. Bis 2020 werden pro verkauftem Ei ein Cent von den teilnehmenden Naturkostgroßhändlern, Abokisten sowie Hofläden an die ÖTZ gespendet. In Summe wird dieser zusätzliche Züchtungs-Cent aktuell auf 23 Millionen Eiern erhoben. Teilnehmende Läden dieser Aktion erkennt der Verbraucher an dem „1 Cent“-Logo im Regal.

Es gibt bereits einige Kooperationen mit Universitäten, die Tiere der ÖTZ in der Praxis testen. Nicht Höchstleistung, sondern eine ausgewogene Leistung von Huhn und Hahn stehen dabei im Vordergrund. Die Züchtung geschieht in Hinsicht auf das Gemeinwohl als transparente, dem Sektor frei zugängliche Arbeit.

„Das heißt, wir legen offen, auf welche Merkmale wir züchten möchten, und diskutieren ganz direkt mit Landwirten und Händlern darüber“, so Günther. „Damit sich die Strukturen wandeln, muss die Züchtung unserer Tiere wieder Teil der Landwirtschaft und der Verbraucherschaft sowie ein geschätztes Kulturgut werden und kann nicht hinter verschlossenen Türen geschehen.

Nichtsdestotrotz sind Eizahl, Eigröße und Eigewicht sowie Fleischausbeute entscheidende Parameter, auch für ein Zweinutzungshuhn. Nur mit Hühnern und Hähnen, die die gesetzten Kriterien in diesem Bereich erfüllen, arbeitet die ÖTZ weiter. Ausgewogene Leistungen bei den Eiern und Fleisch bedeutet zwischen 220 und 240 Eier pro Jahr und für den Ökohahn in 17 Wochen drei Kilogramm Lebendgewicht. Ob diese Ziele erreicht werden können, wird die Zukunft zeigen.“

Das Huhn zum Veganer gemacht

Ein weiteres Thema sind die knapper werdenden ökologischen Futtermittel. Warum sollte der Ökolandwirt diese für die Aufzucht des Bruderhahns einsetzen, wo er doch damit auch effizientere Masthähnchen aufziehen könnte?

Foto: ÖTZ gGmbH

Foto: ÖTZ gGmbH

Die Futtermitteldiskussion wirft weitere Fragen auf: über die Bestimmung des Huhns und den Unsinn der globalen Nahrungsmittelproduktion. „Um unsere Hühner zu füttern, importieren wir tonnenweise Soja aus Übersee, anstatt zu schauen, was auf den Höfen vor Ort anfällt und verfüttert werden könnte“ kritisiert Günther. „Dieses eignet sich jedoch in der Regel nicht für die heutigen Hochleistungshennen, wie sie üblicherweise auch in ökologischen Betrieben eingesetzt werden, da diese auch „Hochleistungs-Futter“ brauchen. Deshalb züchten wir bei der ÖTZ an einem Huhn, welches heimisches 100 Prozent Bio-Futter gut verwerten kann.“

„Im Zuge der BSE-Krise wurde das Huhn vom Allesfresser und Resteverwerter endgültig zum Veganer gemacht. Wenn wir bedenken, wie viele Bio-Fleisch-Reste und andere Reste der Nahrungsmittelproduktion eigentlich verfügbar und für das Huhn verwertbar wären, die aber aus vielerlei Gründen nicht eingesetzt werden können, ist die Haltung der Hühner und der Konsum von Geflügelprodukten vor dem Hintergrund der massiven Futtermittelimporte aus Übersee in diesem Maßstab nicht zu rechtfertigen“, so ÖTZ-Geschäftsführerin. Die rechtlichen Vorschriften, die nach der BSE-Krise Einzug hielten, stünden der Resteverwertung durch das Huhn jedoch entgegen.

Die Lobbyarbeit für das Huhn der Zukunft ist für Inga Günther über die letzten Jahre zur Hauptbeschäftigung geworden. Dabei ist sie gar kein „Landei“. In der Metropole Stuttgart geboren, kam sie erst durch ein Praktikum während Ihrer Schulzeit auf der Waldorfschule zur ökologischen Landwirtschaft und ist begeistert dabeigeblieben. Mit der ÖTZ geht sie neue Wege für ein, wie sie es ausdrückt, „zukunftsfähiges Gesicht der Welt“.

Derzeit sorgt sie neben der eigentlichen Züchtungsarbeit vor allem für die weitere Finanzierung der ÖTZ, damit sie verlässliche Forschungsergebnisse für die Landwirtschaft liefern und sich der Wandel in der Eier – und Fleischproduktion verstetigen kann.

Denn sie kennt das Dilemma der Landwirte. Die Landwirte stehen ökonomisch gehörig unter Druck, das hat schon die Diskussion um die fairen Milchpreise gezeigt. Wer überleben will, braucht verlässliche Preise, aber auch Verbraucher, die bereit sind, ernsthafte Bemühungen um Tierwohl und Ökologie zu honorieren.

Stefan Ringstorff

 

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