Pflegemutter mit 59

Plötzlich Pflegemutter statt Sabbatical - ein bewegendes Beispiel der Autorin
Fotografin: Mona Kino |
Plötzlich Pflegemutter statt Sabbatical – ein bewegendes Beispiel der Autorin

Warum Beziehung das Wichtigste ist

Unsere Autorin Mona Kino nahm kurzfristig ein Neugeborenes bei sich auf, weil die Mutter sich nicht kümmern konnte. Sie schreibt über ihre Erfahrungen: das Geben von Geborgenheit, die Mühen des Alltags und ein System, in dem Eltern in Not nur mit viel Geduld, Wissen und Durchhaltevermögen unterstützt werden.

Text: Mona Kino

Eigentlich wollte ich sechs Monate lang ein Sabbatical machen. Nach einer Operation hatte ich mir Ruhe verordnet, nach Jahren hoher Taktung. Dann kam plötzlich Murkel oder dpd3, wie ich sie nannte. Ein Neugeborenes, dessen Mutter nach der Geburt eine Wochenbett-Psychose hatte.

In der Not fragte sie mich, ob ich es aufnehmen würde, weil sich niemand sonst auf die Schnelle bereit erklärte. Auch die Kurzzeitpflegestelle in ihrem Stadtteil war schon besetzt. Es ginge nur um ein paar Tage. Es wurden sieben Wochen. Und eine Reise, die mein Verständnis von Muttersein, Heilung und gesellschaftlicher Verantwortung auf den Kopf stellte.

Ich hatte nicht geplant, Pflegemutter zu werden. Aber ich wusste: Eine Großpflegestelle im Alter von nur 13 Tagen, das ist für einen Säugling traumatisch. Ich selbst war früh im Heim und weiß, was die Abwesenheit der Eltern mit – und aus- einem Menschen macht. Also sagte ich ja.

Was dann geschah, war ein tiefes Eintauchen in die Welt eines Neugeborenen: in seine Körpersprache, in seine Geschichte, die es mir über sein Weinen, seinen Atem, seine Nähe erzählte. Eine Welt, die ich das letzte Mal vor zwanzig Jahren so intensiv erlebt hatte, als ich selbst Mutter geworden bin.

Ich war Zeugin, wie sich die neuronalen Synapsen seines Gehirns sprichwörtlich vor meinen Augen verknüpften. Denn im Gehirn eines Säuglings entstehen bis zu eine Million neuer Synapsen – pro Sekunde! Dass man das tatsächlich sehen kann, erschien mir wie ein Wunder. Aber auch, wie sich dabei mein eigenes Bild meiner Mutterschaft neu zusammensetzte.

Man braucht keinen Plan, sondern ein Herz

Ich lernte: Wenn es mir gut ging, ging es dem Neugeborenen gut. Also schlief ich jeden Morgen vier Stunden, wenn eine Haushaltshilfe kam. Ich briet mir ein Spiegelei und arbeitete stark reduziert. Und ich hielt es, wenn es weinte. Nicht weil ich musste, sondern weil Gutes tun für mich eine Pflicht ist, die ich gerne mache.

Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wurde: Kannst du es denn wieder gehen lassen? Ja. Denn ich habe das nicht getan, um nochmal Mutter – oder schon Oma – zu spielen.

Ich habe das getan, weil ich gewollt hätte, dass es so jemanden gibt, wenn mir in einer Klinik jemand mein Kind wegnehmen müsste. Weil ich mich nicht mehr angemessen um es kümmern kann. (Was viele leider mit mangelnder Liebe verwechseln.) Jemand, der nicht ersetzt, aber hält. Der keinen Plan hat, sondern nur ein Herz.

Beziehung statt Bewertung

Was mich in dieser Zeit wütend gemacht hat? Das war trotz zunehmender Erschöpfung durch den mangelnden Schlaf und der mangelnden Hormone – nicht das Baby.

Es war die Tatsache, dass ich mich immer wieder erklären habe müssen, etwa Menschen gegenüber, die mir nicht glaubten, dass ich das Kind wieder verabschieden könnte, einer Krankenkasse gegenüber, die eine Haushaltshilfe nur am Wohnort der Mutter genehmigt.

Einem Umfeld gegenüber, das junge Mütter und Eltern in Krisen abstempelt und in dem man sich für eine Erkrankung schämen muss, an der niemand selbst schuld ist.

Denn Psychosen können aus vielen Gründen entstehen. Nach Drogenkonsum, aber auch nach Hochzeiten – und nach Geburten. Sie sind keine moralische Schuld. Und genau hier müsste die Gesellschaft ethisch ansetzen: nicht mit Kontrolle, sondern mit Ko-Regulation. Mit Beziehung statt Bewertung.

Heute denke ich, dass viele junge Familien deshalb ihre Wut nicht spüren und öffentlich ausdrücken, weil sie im Rausch der Hormone sind. Was einerseits gut ist, weil sie sich so um das kümmern, was wichtig ist: Das Kind.

Anderseits ist das auch schlecht, weil sie niemanden haben, der für sie ein- und aufsteht. Ich sagte jedenfalls der Frau am Telefon, als sie meinte, dass mich die Krankenkasse sicherlich am nächsten Tag zurückrufen würde, um mein Anliegen mit der Haushaltshilfe zu klären:

„Ich will heute noch einen Rückruf! Nicht Morgen! Sonst mache ich ihre Krankenkasse dafür verantwortlich, wenn nächste Woche noch eine Person mit einem Nervenzusammenbruch im Krankenhaus landet.“ Auch wenn das nichts genutzt hat, ich hatte wenigstens die Möglichkeit genutzt, für mich einzustehen und zu sprechen.

Dankbar für ein unterstützendes Umfeld

Murkel lacht heute viel. Das kleine Mädchen, das demnächst anfangen wird zu laufen, hat erfahren, dass man ihr zuhört, dass sie sicher ist. Auch bei ihrer Mutter, mit der sie seit deren Entlassung aus dem Krankenhaus gut zusammen gewachsen ist.

Und ich? Ich bin dankbar, für alle die in meinem Umfeld, die mich in dieser Lage unterstützt haben. Die zuhören und antworten, anstatt zu vertagen. Die gemeinsam nach Lösungen suchen, auch abseits von den festgelegten Wegen. Die, die die Not verstehen.

Allen voran dem Berliner Krisendienst, den Ärzt:innen und Mitarbeitenden der Station 31, die mir und der Mutter des Kindes stets zugewandt waren, den Haushaltshilfen der Frühen Hilfen in Berlin und nicht zuletzt der Familienhebamme, Freunden und Freundinnen, die mich in dieser Zeit bekocht und auf Spaziergängen begleitet haben. Bei denen ich auch mal weinen konnte, weil das Unverständnis und die mangelnde Empathie, die mir an anderen Stellen begegnet sind, kaum auszuhalten waren, neben der Verantwortung, die ein Säugling benötigt.

Und als ich sie ihrer Mutter zurückgebracht habe, begriff ich, während der Song “Fragile” von The Police leise im Auto lief: Jede Beziehung legt einen Grundstein dafür, wie wir die Welt betrachten. Besonders die ersten. Wenn wir dort beginnen dem neuen Leben und den neuen Lebensumständen anders zu begegnen, könnten ganze Generationen so begleitet werden, dass sie weniger fragmentiert und traumatisiert sind.

„Wir sind Erinnerung“, sage ich heute. Und alles steht und fällt damit, ob wir neugierig und offen sind, oder nicht. Das heißt nicht im Umkehrschluss, alle gleich zu behandeln. Sondern nur: jede Person mit gleicher Würde zu behandeln. Denn dann kann man genauer hinsehen und zuhören. Entscheiden, wo ist hier jetzt mal ein anderes Vorgehen angesagt – und wo kann es bei den Regeln bleiben, die man sich gesetzt hat? Denn wenn wir die Anfänge verstehen und anders denken, verändern wir das Ende.

Foto: privat
Foto: privat

Mona Kino

ist Drehbuchautorin, Familientherapeutin und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Sie lebt in Berlin und begleitet deutschlandweit Eltern in ihren pädagogischen Fragen sowie Teams beim Teambuilding. 2020 ist ihr Buch „Zeit für Empathie- Fünf Wege Fünf Wege zu innerer Balance“ im Beltz-Verlag erschienen. 

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare

Aktuelle Termine

Online Abende

rund um spannende ethische Themen
mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen
Ca. 1 Mal pro Monat, kostenlos

Auch interessant

Nicoleta Ionescu/ Shutterstock

„Kinder sollten mitbestimmen können“

Interview mit Renz-Polster über die Entstehung von Extremismus Was macht Menschen zu Extremisten? Wer in seiner Kindheit verunsichert und verletzt wurde, sei anfälliger für Hass und radikale Positionen, sagt der Kinderarzt Renz-Polster. Er spricht im Interview über die Rolle von Familie für die Demokratie und warum Schule zu einem Ort von Mitbestimmung werden muss.
Cyclebreaker Cover

Wie können Eltern eigene familiäre Muster durchbrechen?

Ein wertvoller Ratgeber der Kindheitspädagogin Leandra Vogt Viele Eltern stürzen sich in das Abenteuer Familie. Sie wiederholen oft schädliche Muster, die sie in ihrer eigenen Familie erlebt haben. Die Kindheitspädagogin Vogt gibt Tipps, wie man familiäre Muster erkennt und freier denkt und handelt – auch zum Wohle der Kinder.

Newsletter abonnieren

Sie erhalten Anregungen für die innere Entwicklung und gesellschaftliches Engagement. Wir informieren Sie auch über Veranstaltungen des Netzwerkes Ethik heute. Ca. 1 bis 2 Mal pro Monat.

Neueste Artikel

Foto: Európa Pont

Die Bedeutung der Vernunft im Diskurs

Basiswissen Ethik: Diskursethik Habermas Der Philosoph Jürgen Habermas (*1929) entwickelte die Diskursethik in den 1970er Jahren. Die Idee ist, dass man im Konsens und auf Basis vernünftiger Argumente universelle Aussagen über moralische Prinzipien treffen kann. Die philosophische Praktikerin Mooslechner-Brüll über eine Kommunikation mit der Vernunft als Basis.
Cover Liebe - Ein Aufruf

Kann die Liebe eine politische Kraft sein?

Ein Buch von Daniel Schreiber Kann Liebe eine Antwort sein auf Hass und Spaltung in unserer Gesellschaft? In „Liebe! Ein Aufruf“ ruft der Essayist Daniel Schreiber zu einem liebevollen Miteinander in der Gesellschaft auf. Liebe versteht er als Hinwendung zum anderen und Zusammenhalt, der unterschiedliche Meinungen zum Wohle des Ganzen überschreitet.
EyeEM Mobile/ iStock

“In Kiew ist es nicht sicher”

Warum Hanna Budivska trotzdem zurückkehrte Die Ukrainerin Hanna Budivska flüchtete im März 2022 im Zuge des russischen Krieges aus ihrer Heimat. Nach vier Jahren in Deutschland kehrte sie kürzlich in die Ukraine zurück, auch um im Sanitätsdienst zu helfen. Antje Boijens sprach mit der 63-jährigen über ihre Erlebnisse, ihre Familie und ihren unbändigen Mut.
Getty Images/ Unsplash

„Weisheit ist jedem zugänglich“

Interview mit der Philosophin Ines Eckermann „Weisheit bedeutet zu verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind, und sich selbst aus dem Zentrum des Universums zu nehmen“, sagt die Philosophin Ines Eckermann. Sie spricht im Interview über die Bedeutung von Weisheit für unser Leben, warum jeder Mensch einen Zugang dazu hat und wie wir dadurch ganz praktisch unser Leben bereichern.