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Poesie in einer wunden, wundervollen Welt

Cover Mike Kauschke "Im Gespräch"

Impulse für mehr Lebendigkeit im Leben

Wie können wir mehr Platz für das Poetische im Leben schaffen? Autor Mike Kauschke sieht in der Poesie die Möglichkeit, sich dem Leben zu öffnen: dem, was beglückt, genauso wie dem, was schmerzt. So kann ein neues Weltverständnis gedeihen, das auf Verbundenheit beruht.

Text: Anja Oeck

Nach der „Suche nach der verlorenen Welt“ in seinem ersten Band setzt Mike Kauschke mit seinem zweiten Buch „Im Gespräch mit der lebendigen Welt“ die Beschreibung einer poetischen Beziehung zur schöpferischen Gegenwart fort.

Herausgekommen ist abermals eine tiefgründige Erkundung der poetischen Dimension des Lebens. Noch dazu bieten die gut 300 Seiten einen Weg aus der modernen Entfremdung hin zu einer Neuverzauberung der Welt.

Im ersten Teil des Buches widmet sich Kauschke der Frage, wie wir in einer Zeit vielschichtiger Krisen tiefen Sinn finden und unsere schöpferischen Kräfte entfalten können.

Die poetische Lebenshaltung ist für ihn eine Haltung der Verbundenheit und Gestaltungskraft. Mit ihr verbindet der Autor eine radikale Offenheit für das, was ist. Anstatt auf vorgefertigten Konzepten zu beharren oder die Welt nur durch bereits bekannte Denkmuster zu filtern, lädt er dazu ein, das Unbekannte willkommen zu heißen.

Er spricht von einer Haltung des Staunens, die nicht nur in der Kunst oder in spirituellen Traditionen zu finden ist, sondern in jedem Moment des Lebens geübt werden kann, sei es in der Begegnung mit einem anderen Menschen, im achtsamen Wahrnehmen der Natur oder im tieferen Verstehen unserer eigenen Gefühle und Gedanken.

Diese Haltung ermöglicht es, die Welt nicht nur rational zu erfassen, sondern sie auch emotional und intuitiv zu erleben. So erweitern wir die Wahrnehmung und stellen eine tiefere Verbindung zur Welt her.

Die poetische Perspektive hilft, Erfahrungen von Trennung und Isolation zu überwinden und stattdessen eine lauschende Nähe zu allem, was ist, zu kultivieren: „Wenn sich überhaupt ein Sinn finden lässt, dann also im Gespräch mit der Welt, wie sie uns in jedem Augenblick berührt, beglückt, schmerzt, verunsichert, beschenkt, uns herausfordert und hineinruft.“

Poesie als Widerstand und Einladung

Bei all dem bleibt Kauschke jedoch nicht bei der reinen Beschönigung eines besseren Lebens stehen. Er scheut sich nicht, auch die dunklen Seiten der menschlichen Existenz zu beleuchten.

Er diskutiert die Notwendigkeit einer poetischen Haltung des Widerstands gegen lebensfeindliche Umstände und das Sich-selbst-fremd-Werden, das dazu führt, dass wir andere als Fremde und potenzielle Konkurrenten betrachten.

Er warnt vor den Konsequenzen dieser Entfremdung, die sich in der Ausbeutung der Ressourcen und der Zerstörung der Erde manifestiert. Um diesen Tendenzen entgegenzuwirken, plädiert er für eine Rückbesinnung auf eine poetische Wahrnehmung, die uns ermöglicht, uns wieder als Teil des lebendigen Gefüges der Erde zu fühlen.

Kauschke stützt seine Argumentation auf Werke aus Ost und West, auf Denker und Forscher unterschiedlicher Disziplinen und Kulturen. Er bezieht sich unter anderem auf den integralen Philosophen Ken Wilber, den Kognitionswissenschaftler John Vervaeke, den Philosophen Peter Sloterdijk und den Ökonomen Otto Scharmer.

Das Leben als poetischer Prozess des Mitschöpfertums

Im zweiten Teil des Buches nimmt Kauschke eine Meta-Perspektive ein und betrachtet den Lebensprozess als Ganzes, wobei er den Menschen als Mitschöpfer dieses Prozesses versteht.

Er betont, dass wir nicht nur passive Beobachter des Lebens sind, sondern aktive Gestalter, die durch ihre Handlungen und Haltungen Einfluss auf die Welt nehmen. Diese Mitschöpferschaft erfordert jedoch eine bewusste und verantwortungsvolle Haltung, die auf Achtsamkeit und Respekt gegenüber dem Lebendigen basiert.

Die Haltung des Zuhörens sieht er als Schlüssel zu einem sinnerfüllten und schöpferischen Sein, das in Einklang mit der lebendigen Welt steht. Kauschkes Schreibstil ist dabei selbst poetisch wie selbstreflexiv. Immer wieder streut er zwischen die analytischen Zeilen Gedichte aus eigener und fremder Feder ein.

 

Fall aus der Zeit

Komm in sie hinein

 

Hier ist alles aufgehoben

Wird losgelassen

Entschwindet

Erscheint

 

Du siehst deine Spuren

Sie stehen dir noch bevor

 

Und in einem ewigen Verweilen

Zerschneidest du das bindende Band

Des Vergehens

 

Und bist ganz

Da

 

Mike Kauschke: Im Gespräch mit der lebendigen Welt. Poetische Wege zu einem schöpferischen und sinnerfüllten Sein

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