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„Politik muss Klimaschutz für alle ermöglichen“

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Interview mit der Umweltpsychologin Katharina van Bronswijk

Wie können wir gesellschaftliche Strukturen so verändern, dass ein nachhaltiges Leben für alle möglich wird? Klimaschützerin Katharina van Bronswijk erklärt im Interview, warum Menschen Verzicht schwer akzeptieren, wie wir positive Visionen und Ziele dagegensetzen und warum es reicht, wenn 10 bis 20 Prozent der Menschen beim Klimaschutz vorangehen.

 

Das Interview führte Marika Muster.

Frage: Der Klimaschutz ist ein komplexes Problem. Die Verantwortung liegt beim Individuum auf der einen Seite und bei Wirtschaft und Politik auf der anderen Seite. Wo sehen Sie die Hauptverantwortung?

Katharina von Bronswijk: Wir können als Einzelne noch so akribisch unser Leben umstellen und beim Klima alles richtig machen – wir werden mit den aktuellen Rahmenbedingungen nicht unter die 1,5 Tonnen CO2-Emissionen pro Person kommen, die für den Planeten noch vertretbar wären.

Daher geht es jetzt darum, die Strukturen und Rahmenbedingungen zu verändern. Dazu gehört auch, den Lebensstil der Superreichen zu hinterfragen, die einen immensen CO2-Fußabdruck erzeugen – statt der üblichen 7 bis 11 Tonnen pro Jahr eher um die 180 Tonnen.

Außerdem müssen wir die Strategien der fossilen Industrie entlarven, die seit Jahrzehnten daran arbeitet, wirksame Maßnahmen zum Schutz des Klimas zu verhindern: mit Lobbyarbeit, Öffentlichkeitsarbeit und Attacken gegen die Wissenschaft.

Zuerst hat die Industrie den Klimawandel geleugnet. Dann änderte sie ihre Position und sagt, das Klima heize sich zwar auf, aber die Transformation sei zu teuer.

Diesen Gedanken teilen immer noch viele in der deutschen Gesellschaft, wonach die Transformation in die Fossilfreiheit hinein teurer sei als die Anpassung an die Klimafolgen. Studien widerlegen dies, etwas eine Studie von Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung:

Danach sparen wir mit einem Euro, den wir in den Klimaschutz investieren, 11 Euro für Folgen im Zuge der Klimakrise. Es wird also sehr viel teurer, wenn wir die Erderwärmung laufen lassen.

Menschen wollen nicht verzichten, sondern auf ein positives Ziel hinarbeiten.

Frage: Sicher brauchen wir auch andere Geschichten, Visionen, Bilder, die Klimaschutz positiv erzählen. Ist das auch ein Teil der Lösung?

Bronswijk: In der Umweltbewegung dachten wir immer, wenn wir Menschen erzählen, was schiefläuft, würden sie ihr Verhalten ändern. Das funktioniert aber nicht.

Foto: privat

An einem Bild wird das verständlich: Man steigt ins Taxi und sagt: “Bitte fahren Sie mich nicht zum Hauptbahnhof.“ So ähnlich hat es die Umweltbewegung gemacht: Wir wollen keinen Klimawandel, kein Artensterben, keinen Plastikmüll… aber die Alternative dahinter wird nicht sichtbar.

Wir vermitteln dadurch keine Vorstellung davon, wie eine andere Zukunft, auch eine Postwachstumsökonomie, aussehen könnte. Es wäre aber ungemein wichtig, diese Alternativen zu visualisieren, mit Leben zu füllen. Wir brauchen, um mit der Psychologie zu sprechen, etwas, auf das wir hinarbeiten können, ein Ziel.

Wenn man ins Taxi steigt, sagt man: Ich möchte gerne zum Marktplatz. So eine konkrete Vorstellung brauchen wir mit Blick auf den Klimaschutz, damit wir konkrete Schritte gehen und selbst etwas dazu beitragen können. Wir wissen das aus der Transformationsforschung.

Häufig werden in gesellschaftlichen Nischen und Start ups Innovationen oder alternative Lebensmodelle entwickelt, in denen die Zukunft sichtbar wird. Das ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass die Alternative zum Mainstream werden kann. Neben den Vorstellungen braucht es aber auch Unternehmen und politische Rahmensetzungen, die ermöglichen, sie auf großer Ebene zu etablieren.

Frage: Gleichzeitig ist es wichtig, dass man in realistischen, kleinen Schritten vorangeht und es Spaß mach. Das fehlt mir manchmal in der Umweltbewegung.

Bronswijk: Aus der psychologischen Forschung ist belegt, dass Menschen eine Aversion gegen Verzicht haben. Verluste werden als sehr schlimm wahrgenommen. So hat es einen stärkeren emotionalen Ausschlag, wenn wir etwas verlieren als wenn wir gewinnen. Ich finde deshalb Verzichtsdebatten und Verbote nicht hilfreich.

Andererseits stimmt es auch, dass Maßnahmen zum Klimaschutz in der öffentlichen Debatte übertrieben negativ dargestellt werden. In anderen Bereichen stört es uns überhaupt nicht, dass es Regeln gibt, wie die Geschwindigkeitsbegrenzung im Straßenverkehr, um Menschen zu schützen. Aber beim Thema Nachhaltigkeit regen sich alle darüber auf, wenn wir gemeinsam Regeln festlegen.

Es ist wichtig, auf kollektive Wirksamkeit zurückzukommen: Wie können wir gesellschaftliche Strukturen so verändern, dass ein nachhaltiges Leben für alle das Einfachste ist?

Wir müssen ein klimaneutrales Leben für alle bezahlbar machen.

Frage: Das heißt, wir ermöglichen es den Menschen, klimafreundlich zu leben und nehmen sie mit.

Bronswijk: Das ist auch eine Erkenntnis aus der Umweltpsychologie. Wenn die nachhaltige Option die Standardeinstellung ist, wenn es die einfachste und kostengünstigste Variante ist, dann entscheiden sich die meisten Menschen dafür.

Das heißt, es geht darum, ein klimaneutrales Leben für alle möglich, einfach und bezahlbar zu machen.

Daher brauchen wir nicht nur entsprechende Regeln für Nachhaltigkeit und eine Umstrukturierung der Wirtschaftsweise, sondern auch eine entsprechende Sozialpolitik. Dazu gehört eine Umverteilug von denjenigen, die Profiteure dieses fossilen Systems waren, hin zur Mehrheit der Gesellschaft, die am stärksten unter den Folgen leiden.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Frage: In Ihrem Buch trennt jemand den Müll und sagt „Damit habe ich ja jetzt erst mal genug getan“ und hat ein gutes Gewissen. Aber wir brauchen ja viel mehr – und Sie nennen auch „positive Tipping Points“.

Bronswikj: Wir kennen Kipppunkte im Klimasystem. Das heißt, es gibt irreversible Veränderungen. Solche Kipppunkte gibt es aber aktueller Forschung nach auch im positiven Sinn – in Gesellschaften und sozialen Systemen.

Das heißt, wenn ein bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung aktiv wird oder etwas verändert, dann führt diese kleine Veränderung dazu, dass sich wirklich große Veränderungen vollziehen können, die auch irreversibel sind.

Aus Studien wissen wir, dass dieser Anteil an Menschen, die sich verändern müssen, ungefähr bei 10 bis 25 Prozent liegt. Das heißt, es braucht diese Pionierinnen des Wandels, die vorangehen und die zeigen, dass es anders möglich ist. Die meisten Menschen sind keine Macherinnen, sondern eher Mitmacherinnen. Wenn einige vorangehen, bewegt sich „der Rest“ mit.

Politische Maßnahmen sind dafür auch unerlässlich: Da geht es darum, aus Fossilen zu deinvestieren oder Produkte mit CO2-Ampeln zu versehen. Eine Energiewende, eine Wärmewende, eine Verkehrswende – all das dauert etwas länger. Weitere Prozesse in diese Richtung wären ein Wertewandel und ein neues Bildungssystems. Auch das wären positive Kipppunkte.

Wenn Sie mich fragen würden: Wie finde ich raus, wo ich am besten etwas beitragen kann, dann sage ich: Schauen Sie sich diese Kipppunkte an, diese Social Tipping Interventions. Und dann überlegen Sie: Wo habe ich am meisten Expertise oder echtes Herzblut? Was davon interessiert mich am meisten?

Und dann engagieren Sie sich für eine dieser Tipping-Interventions: die Mobilitätswende, die Ernährungswende, die Energiewende, die Wärmewende – was Ihnen das wichtigste Anliegen ist. Da gibt es ja Initiativen, wo man mitmachen kann. Die gute Botschaft zum Schluss ist, dass einige dieser guten Kipppunkte ja auch schon im Gange sind. Wir müssen sie nur noch stärker beschleunigen.

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