Rage Bait: Das Geschäft mit unserer Wut

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Wie es funktioniert und wie wir uns schützen

Rage Bait, das bewusste Erzeugen von Wut und Empörung, hat Hochkonjunktur. Provokationen, gezielte Falschaussagen, maßlose Übertreibungen sollen die Aufmerksamkeit binden, denn das bringt Profit und Zulauf. Über die Tricks von Geschäftemachern und wie wir uns schützen können.

Emily Hart ist eine Ikone der Make-America-Great-Again-Bewegung um Donald Trump. Eine attraktive Krankenschwester, blond, mit blaugrünen Augen. Die junge Frau posiert gern in Bikinis mit USA-Flagge und Maschinengewehr.

Ihre Meinungen verbreitet sie unverblümt in den sozialen Medien: „Jesus ist König, Abtreibung ist Mord und alle illegalen Einwanderer müssen abgeschoben werden.“ Sie hat eine große Fangemeinde und vehemente Kritiker. Manche ihrer Beiträge werden bis zu zehn Millionen Mal angeklickt.

Das Interessante daran ist, dass Emily Hart gar nicht existiert. Sie ist ein KI-generierter Fake, den ein Student aus Indien geschaffen hat, um sein Studium zu finanzieren.

Seine Idee ging besser auf als er dachte, weil die Beiträge als sogenannter „Rage Bait“ funktionierten. Trump-Anhänger sahen in ihr das Idealbild, Trump-Gegner ein Feindbild – alles Übrige erledigten die Algorithmen von Instagram und Co., denn diese begünstigen Inhalte mit empörten Reaktionen.

Wenn wir mit Wut geködert werden

Die Strategie des Rage Bait schaffte es sogar zum Wort des Jahres, das von der Oxford University Press ausgewählt wird, um auf neue Wörter von „kultureller Bedeutung“ hinzuweisen.

Rage Bait heißt übersetzt so viel wie „Wutköder“ und damit ist schon die Funktionsweise gut beschrieben. Durch überspitzte oder einseitige Aussagen, bewusst provokante Schlagzeilen, Beiträge, die bestimmte Gruppen angreifen, irreführende oder falsche Informationen wird in Menschen Wut und Empörung ausgelöst.

Die Provokationen binden die Aufmerksamkeit, die Menschen kommentieren und teilen häufiger und bleiben länger beim Beitrag und auf der Plattform. Das bringt Gewinn oder Einfluss.

Wir kennen solche Überschriften: „Wer weniger als 100.000 Euro verdient, ist faul.“ Widerspruch garantiert. Oder: „Nur Idioten glauben immer noch, dass …“ Eine extreme Meinung, die für Interaktion sorgt.

Auch völlig absurde Behauptungen funktionieren: „Wasser trinken ist überbewertet“, „Pasta kocht man am besten ohne Wasser“. Food-Influencer bauen sogar absichtlich Fehler in ihre Rezepte ein.

Aufmerksamkeit bringt Geld

Rage Baiting ist im Grunde nichts Neues, ähnliche Methoden wurden und werden von der Regenbogenpresse genutzt. Im Internet gehen diese Strategien aber in ganz neue Dimensionen, weil die Algorithmen die Empörung und damit die emotionale Bindung an Beiträge belohnen.

Wenn Aufmerksamkeit auf diese Weise zur Ware wird, dann wird es zu einer individuellen und gesellschaftlichen Aufgabe, die Aufmerksamkeit zu bewahren.

Hier wird Achtsamkeit zu einer wichtigen Ressource. Wir können die Lücke zwischen Reiz und Reaktion nutzen, um Abstand zu gewinnen: Welche Gefühle löst ein Beitrag in mir aus? Kann ich der Quelle vertrauen – ist es eine seriöse Person oder Redaktion, oder handelt es sich um einen Account, der von Provokation lebt? Welche Absicht verfolgt dieser Beitrag? Möchte ich das wirklich lesen? Will ich wirklich kommentieren?

Wut-Kommentare sind das Lebenselixier des Rage Baiting. Für einen guten Umgang damit ist wichtig, den Mechanismus dahinter zu erkennen: Der Inhalt will oft nicht informieren oder diskutieren — sondern eine emotionale Reaktion auslösen. Anders ist es bei Menschen, die extreme Ansichten vertreten und es damit ernst meinen – da gilt es zu differenzieren.

Das Phänomen Rage Bait ist eine Aufforderung, so weit wie möglich mündig und selbstbestimmt mit sozialen Medien umzugehen. Wenn ich Inhalte, die Empörung hervorrufen, anschaue, teile oder kommentiere, erhalte ich noch mehr davon.

Auch ist gut, darauf zu achten, wenn man in ein automatisches Scrollen verfällt. Es hilft auch, die Zeit auf solchen Portalen einzuschränken.

Gleichzeitig kann man den Umgang mit solchen Aufmerksamkeitsstrategien nicht allein auf den Einzelnen abwälzen. Hier sind auch gesetzliche Regulierungen gefragt, um die Tech-Konzerne in die Verantwortung zu nehmen.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Wutkultur der Rechtspopulisten

Rage Baiting nutzen nicht nur Influencer, YouTuber und Blogger, sondern auch Politiker und etablierte Medien. Im Wettkampf um Aufmerksamkeit und Klicks werden die Überschriften immer provokanter formuliert.

Das Wutködern gibt es auch in der analogen Welt. Die AfD ist Empörungsprofi, von den 127 Ermahnungen im Bundestag in der letzten Legislaturperiode gingen 84 auf ihr Konto. Ihnen geht es dabei nicht so sehr um die zugespitzte Debatte über Inhalte, sondern vor allem um die Anhänger im Internet. Diese freuen sich dann über die empörten Reaktionen der „Mainstream-Parteien“. Die AfD bedient damit ihr Image als Protestpartei. Und Medien machen sich mit ihnen gemein, wenn solche provokanten Aussagen wiedergegeben werden.

Wo das hinführen kann, zeigt US-Präsident Trump, wenn er sich in KI-generierten Bildern als Jesus oder mit einem Alien zeigt oder eine extrem destruktive Sprache wählt.

Mit dieser Art der Kommunikation wird die Grundlage einer Gesellschaft untergraben: dass wir uns in einem offenen Diskurs einem Verstehen annähern können, das der Wahrheit und dem ethisch Gebotenen entspricht. Wenn Emotionen missbraucht werden, wird der rationale Diskurs ausgehöhlt.

Konstruktive Empörung und Engagement

Die emotionale Aufladung sollte nicht zu Alarmismus führen, dafür plädiert der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Denn es gibt weiterhin Medien und Formate online und offline, wo ein wertschätzender Dialog möglich ist.

Deshalb fordert uns Rage Bait auch dazu auf, andere Begegnungsräume zu finden und zu gestalten. Und das kann schon in Gesprächen in Familie und Nachbarschaft beginnen.

Wichtig ist aber auch: Die Empörung über Unrecht und Ungerechtigkeit ist wichtig, es gibt viele Missstände, gegen die es sich zu wehren lohnt. Wenn Wut darüber in uns aufsteigt und sich auf konkrete Themen oder Geschehnisse richtet, dann können wir sie zum Handeln nutzen. Sei es, dass wir anders konsumieren, uns ehrenamtlich engagieren oder an lebensdienlichen Projekten mitarbeiten.

Eine solche konstruktive Empörungskultur, die zu gemeinsamer Selbstwirksamkeit führt, kann die Empörungsköder ins Leere laufen lassen. Wie der Fisch im Wasser, der den Köder des Anglers links liegen lässt, weil er Sinnvolleres zu tun hat.

Foto: privat
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Mike Kauschke

ist fester freier Mitarbeiter in der Redaktion von Ethik heute. Zudem arbeitet er auch als Übersetzer, Dialogbegleiter und als Redaktionsleiter beim Magazin evolve. Er begleitet auch die Online-Dialoge im Netzwerk Ethik heute. www.mike-kauschke.de

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