Philosophische Gedanken
Warum reisen wir? Die naheliegende Antwort: Neugier, Erholung, Flucht aus dem Alltag. Doch hinter jeder Reise steckt eine philosophische Frage, die Denkende seit der Antike beschäftigt: Was suchen wir eigentlich, wenn wir aufbrechen? Uns selbst, oder doch vielleicht das Gegenteil davon?
Wenn eine Postkarte aus den Ferien im Briefkasten landet, hören wir manchmal selbst die Ferne rufen. Beim Schlendern durch eine fremde Stadt, fragt sich der eine: Wie wäre es, wenn ich hier leben würde, zumindest für eine Weile? Oder wenn im Alltag alles nicht so rund läuft, wünscht sich der andere auf eine Finca in der Toskana, wo die Welt noch in Ordnung ist. Manchmal wollen wir einfach nur weg. Doch die Kunst des Reisens fragt weniger danach, wohin der Weg uns führt, sondern als wer wir zurückkommen.
Die Antike hatte ein gespaltenes Verhältnis zum Reisen. Platon sah es mit Skepsis. Er warnte davor, junge Bürger unbeaufsichtigt ins Ausland zu schicken: Der Kontakt mit fremden Sitten, so Platons Befürchtung, könne die sittliche Ordnung untergraben.
Sein Schüler Aristoteles rebellierte, wie so oft, gegen Platons Ideen und lebte das Reisen praktisch vor. Er pendelte zwischen seiner makedonischen Heimat, dem Hof Philipps II., an dem er den jungen Alexander lehrte, und seinem Wirkungsort Athen, wo er seine Schule Lykeion gründete.
Für die Stoiker wiederum war Mobilität beinahe Programm: Wer sich als cosmopolites verstand, als Weltbürger , für den war kein Ort fremd, und keiner zwingend Heimat.
Seneca, der einflussreichste der römischen Stoiker, hält dem eine nüchterne Diagnose entgegen: Nusquam est qui ubique est , wer überall ist, ist nirgendwo. Für ihn signalisiert rastlose Ortsveränderung keinen freien Geist, sondern einen kranken: Solche Hektik deute auf einen seelischen Defekt. Das sicherste Indiz für einen in sich ruhenden Geist sei es, an einem Ort zu bleiben.
Reisen als Test des eigenen Denkens
Immanuel Kant ist, in dieser Tradition, das vielleicht radikalste Beispiel. Zwar hat er Königsberg als junger Mann für einige Jahre verlassen, um sich als Hauslehrer in ostpreußischen Adelshäusern zu verdingen. Im späteren Leben verließ er die Stadt nicht mehr, obwohl er leidenschaftlich Reiseberichte las.
Doch Kant reiste in der Theorie – a priori, um es mit seinen Worten zu sagen. Er fand, dass der Verstand am besten arbeite, wenn er in geregelte Verhältnisse eingebettet ist. Sein Tagesablauf war so pünktlich, dass Nachbarn ihre Uhren nach seinem Spaziergang stellten konnten.
Montaigne war der Meinung, dass wir uns auch auf Reisen nie so ganz entkommen können: „Wo sie hinreisen, halten sie sich an ihre Gebräuche und Weisen und verabscheuen die fremden. Finden sie einen Landsmann in Ungarn, so tun sie entsetzlich fröhlich über ihren Fund.“ Dennoch reiste er und betrachtete es als Schule des Urteilens. Die Begegnung mit dem Fremden war für ihn kein Selbstzweck, sondern ein Test des eigenen Denkens.
Sich selbst durch das andere finden
Descartes schärft diesen Gedanken epistemologisch. Gleich am Anfang des Discours de la méthode (1637) beschreibt er, wie er nach dem Studium der Wissenschaften die Bücher beiseitelegt und aufbricht:
„Ich wollte keine andere Wissenschaft mehr suchen, als die ich in mir selbst oder in dem großen Buch der Welt würde finden können, und so verwendete ich den Rest meiner Jugend auf Reisen, Höfe und Heere kennenzulernen, mit Menschen von verschiedener Gemütsart und Lebensstellung zu verkehren.“
Der Erkenntnisgewinn liegt dabei nicht im Fremden als solchem, sondern in seinem Effekt auf die eigenen Vorurteile. Wer sieht, dass Gewohnheiten, die zu Hause selbstverständlich erscheinen, anderswo unbekannt oder sogar lächerlich sind, lerne nichts allzu fest zu glauben, was für ihn bislang normal oder alltäglich war.
Reisen ist für Descartes ein Instrument des kritischen Denkens: Es erschüttert die Kontingenz des Gewohnten. Er war der Ansicht, dass wir auf Reisen das Andere erleben.
Das helfe uns, unseren Mitmenschen ohne Vorurteile zu begegnen. Wir finden uns also nicht trotz des Fremden, sondern durch es. Und so ist der letzte Stopp bei jeder Reise immer unser eigenes Selbst: Denn das Reisen helfe beim Verstehen der Welt, und dabei, wie wir uns in ihr orientieren und fühlen.
Reisen verändert uns
Egal ob Reise-Skeptiker Platon oder Neugierige-Zweifler wie Descartes: Letztenendes sind sie sich alle einige, dass uns Reisen verändert. Und genau darin liegt die Kunst des Reisens. Echte Reisende lassen sich vom Anderen berühren.
Deshalb sind Reisen und Tourismus zwei sehr verschiedene Konzepte: Tourismus legt uns die Bequemlichkeit unseres täglichen Lebens vor die Füße: Kontinentales Frühstück, komfortable Toiletten und Daunen gefüllte Bettdecken. Die Entspannung des Tourismus liegt darin, dass wir die Schönheit der Welt konsumieren können, ohne uns selbst in Frage stellen zu müssen.
Beim Reisen dagegen setzen wir uns bewusst mit dem auseinander, was sich von unserem Alltag unterscheidet, mit dem Anderen. Wir erkennen nicht nur, dass ein anderes Leben möglich ist, sondern müssen uns auch in jedem Augenblick unserer Reise dazu verhalten.
Reisende spüren unwillkürlich, ob das Andere sie fasziniert oder ob sie sich nach dem Vertrauten sehnen. Zu Reisen ist ein besonders weiter Blick auf die Welt. Und so kann sogar eine Radtour ins Nachbarland eine Reise sein, die uns und unser Leben prägt.
Quellen und weiterführende Literatur
- René Descartes: Discours de la méthode (1637). Dt.: Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs. Meiner Verlag
- René Descartes: Studium in sich selbst und im Buch der Welt. textlog.de
- Karen Genschow (Hg.): Kleine Philosophie des Reisens. Fischer Taschenbuch, 2012
- Michel de Montaigne: Essais (1580–1588). Zit. nach: Eine kurze Geschichte des Reisens. oxnzeam.de
- Mona Singer: Skizzen zu einer Philosophie des Reisens. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 23/2 (2012), Universität Wien
- Die Philosophie des Reisens – Warum wir so gerne in die Ferne schweifen. SRF Kultur, 31. Mai 2020
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Dr. Ines Eckermann
ist feste freie Autorin bei Ethik heute. Sie machte einen Doktor in Philosophie. Sie arbeitet als Journalistin, Illustratorin und Buchautorin. Als ausgebildete Yogalehrerin und Seelsorgerin gibt sie Entspannungs- und Yogakurse. www. satzzeichnerin.de
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