Reisen und flanieren

Foto: Thorsten Grigat
Foto: Thorsten Grigat

Erfahrungen beim Unterwegssein

Auf Reisen tritt ein anderes Selbst hervor, so erlebt es Reiseblogger Thorsten Grigat: ein Ich, das offen ist für Neues und in Resonanz geht mit Menschen, Landschaften, Kunstwerken. Über das Reisen wie ein Flaneur, der immer neue Möglichkeiten entdeckt.

„Ich ging durch die Gassen, stets mit der Frage im Sinn, wie es damals gewesen war, ich zu sein.“ Der Satz von Pascal Mercier begleitet mich, während ich durch die langen Arkadengänge Turins gehe. Das Echo meiner Schritte mischt sich mit dem Echo dieser Frage: Wie war es damals gewesen, ich zu sein? Und kann „Ich“ überhaupt ohne das andere sein?

Martin Bubers Ich und Du habe ich vor mehr als dreißig Jahren gelesen. Den Ort meiner Lektüre habe ich vergessen, nicht aber das Gefühl, dass etwas in mir angesprochen wurde, ohne dass ich es fassen konnte. Wer war ich damals – und wer bin ich heute, hier unter diesen Arkaden?

Martin Buber nennt zwei Perspektiven auf die Welt: Ich-Es und Ich-Du. Im Ich-Es-Modus begegne ich der Welt als etwas, das ich nutze, analysiere, organisiere. Menschen, Dinge, Situationen werden zu Objekten meiner Aufmerksamkeit. Das ist notwendig, um zu arbeiten und den Alltag zu organisieren. Doch es bleibt eine distanzierte Beziehung, ein Umgang ohne wirkliche Berührung oder innere Beteiligung.

Im Ich-Du-Modus hingegen begegne ich einem Menschen, einem Kunstwerk, der Natur unmittelbar, ohne Zweck, ohne Distanz. Ich lasse mich ansprechen und antworte mit meinem ganzen Wesen. Ein Musikstück, das in mir nachklingt, wenn es selbst schon verklungen ist. Für Buber entstehen „Ich“ und Identität erst im Dialog, in Resonanz.

Reisen wie ein Flaneur

Natürlich kenne ich beides. Mein Alltag ist oft Ich-Es: organisiert, strukturiert, funktional. Der Alltag schafft den Boden für diese Art, das Leben zu führen. Ganz anders ist es auf Reisen. Manchmal läuft schon der Beginn einer Reise nicht, wie geplant. Aufgrund eines Streiks stehen Buss und U-Bahnen still. Oder man entdeckt am Bahnhof gleich die Information „Zug fällt aus“.

Reiseblogger Thorsten Grigat

Ich rutsche sofort in einen anderen Modus: weniger Kontrolle, mehr Improvisation. Vielleicht ist das die eigentliche Schwelle. Die Haltung, in der ich reise, ist die des Flaneurs. Nicht die des Touristen, der Sehenswürdigkeiten abhakt.

Der Flaneur bewegt sich ohne festes Ziel durch den Tag, offen für das, was sich zeigt. Er lässt sich ansprechen – von einer Gasse, einem Gesicht, von einem Saxophonspieler an der Straßenecke. Gerade zum Alleinreisen gehört das, was sich nicht planen lässt: das Zurechtfinden in einer fremden Umgebung, das Entdecken neuer Wege.

Wer sich allein durch eine unbekannte Stadt bewegt, muss wirklich anwesend sein. Er muss lesen, beobachten, entscheiden, irren, umkehren. Er ist nicht Passagier, sondern Handelnder. Genau darin liegt die Erfahrung: nicht im Ankommen, sondern im Unterwegs-Sein mit offenem Ausgang.

Reisen schafft Raum für Begegnungen

Eine geführte Gruppenreise oder eine Kreuzfahrt können das nicht ersetzen – sie sind die Simulationen solcher Erfahrungen. Alles ist vorbereitet, abgesichert, erklärt.

Das Fremde wird gezähmt, bevor man es betreten hat. Man schaut, aber man begegnet nichts und niemandem im eigentlichen Sinne. Man bewegt sich, aber man erreicht nichts und niemanden. Es ist Ich-Es in Bewegung: die Welt als Kulisse, nicht als Gegenüber.

Was wie Einsamkeit beim Alleinreisen wirkt, ist in Wahrheit das Gegenteil. Einsamkeit ist ein Mangel an Beziehung – Alleinsein ein Raum für Beziehung. Auf Reisen öffnet sich ein Raum, in dem Begegnung überhaupt erst möglich wird.

Während ich in Turin im Ägyptischen Museum vor den jahrtausendealten Statuen stehe, ziehen Lehrerinnen eine Gruppe Zehnjähriger hinter sich her. Die Kinder fotografieren alles mit ihren Handys, ohne wirklich hinzusehen.

Ich bleibe vor einer einzigen Figur stehen und es ist, als würde sie mich mustern. Unwillkürlich denke ich an Sinuhe, den Ägypter von Mika Waltari: Auch er wusste, dass am Ende nur die Haltung bleibt, nicht der Besitz. Zwei Arten, sich zu begegnen – und zwei Arten, in der Welt zu sein.

Im Palazzo Madama komme ich später mit einer polnischen Informatikerin ins Gespräch. Wir stehen in einem barocken Saal und sprechen über Europa – über Hoffnungen, über Gemeinsamkeiten, über Musik. Ein Gespräch von vielleicht einer halben Stunde, und doch trägt es eine Wärme, die nachwirkt. Solche Begegnungen haben keine Vergangenheit und keine Zukunft. Sie sind reine Gegenwart, Ich-Du.

Neue Möglichkeiten zu sein

Auf Reisen tritt ein anderes Selbst hervor. Es ist offen für das Neue, geht in Resonanz mit Menschen, Landschaften, Kunstwerken. Es erzeugt ein Echo, das nachklingt – nicht als Sehnsucht, sondern als eine Möglichkeit des eigenen Seins. Ich werde anders gesehen – und dadurch sehe ich mich selbst anders. Fremde Menschen begegnen mir und ich ihnen ohne Vorgeschichte. Es beginnt das Spiel der Möglichkeiten.

Das Reise‑Ich im Ich–Du‑Modus spielt. Es probiert aus, tastet sich vor, antwortet auf alles, was ihm begegnet. Es ist ein Ich, das experimentiert, als hätte es plötzlich mehr Raum zum Atmen – und genau darin liegt seine Freude.

Wenn ich nach Hause komme, nehme ich etwas mit: eine Offenheit, eine Erinnerung an Resonanz, ein Wissen darum, dass ich mehr bin als die Summe meiner Funktionen. Doch das Ich-Du der Reise stärkt das Ich-Es des Alltags. Und das Ich-Es des Alltags ermöglicht das Ich-Du der Reise. Beide gehören zusammen.

Vielleicht ist meine Reiselust nichts anderes als der jährliche Ruf dieses anderen Selbst – und meine Art, ihm zu folgen, die des Flaneurs: offen, ohne Plan, bereit für das, was sich zeigt.

Thorsten Grigat absolviert seit seiner Pensionierung 2020 das Kontaktstudium an der Universität Hamburg und betreibt einen Reiseblog: https://grigat.me/

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