Neu: Ethik Quiz – Testen Sie Ihr Wissen

Schaffen Geldgeschenke Abhängigkeiten?

Unsplash

Beziehungsdynamiken verstehen

Autorin und Familientherapeutin Mona Kino beantwortet in ihrer Kolumne eine Frage zum Thema Geldgeschenke: “Freunde und Angehörige helfen mit Geldüberweisungen. Doch kann dies die Beziehungen belasten?“

 

Frage: Manche Familien oder Freunde helfen sich in Notzeiten ganz praktisch mit Geldüberweisungen – und dies explizit ohne Anspruch auf Gegenleistungen. Wo sollte man aufpassen, damit keine Abhängigkeiten durch Geld geschaffen werden? Wie gehe ich damit um, wenn für Geschenke doch unbewusst etwas erwartet wird, zum Beispiel Besuche?

Mona Kino: Ein wirklich wichtiges Thema. Und ein Tabu. Ich finde es hilfreich, wenn Familien oder Freund*innen sich in Notzeiten praktisch mit Geld helfen – eine Überweisung hier, ein Umschlag dort. Großzügig, liebevoll, selbstverständlich.

Und doch ist Geld nie nur Geld. Es trägt Bedeutungen, Prägungen, Machtverhältnisse – und manchmal auch alte Verletzungen in sich. Damit aus einer Geste der Hilfe keine emotionale Schieflage wird, lohnt es sich, ein paar Dinge genauer anzuschauen.

Geld hat in unserer westlichen Gesellschaft einen hohen symbolischen Wert. Es steht für Sicherheit, Versorgung, Erfolg – und oft auch für Macht. Besonders bei Geldgeschenken in nahen Beziehungen kann schnell ein Gefälle entstehen.

Was als liebevolle Geste gedacht war, fühlt sich plötzlich wie eine Verpflichtung an: „Meine Mutter hat mir neulich 1000 Euro geschenkt, soll ich sie jetzt dann öfter anrufen?“ oder „Denkt mein Vater, ich schaffe das nicht?“

Geschenk oder heimlicher Vertrag?

Ein Geldgeschenk kann schwer wiegen, wenn die Intention unklar ist. Deshalb lohnt sich ein ehrlicher Blick von beiden – und am besten ein aufrichtiges Gespräch:

1. Was fließt mit? Wird hier wirklich Großzügigkeit verschenkt oder sollen Schuldgefühle abgegolten werden? Wird Mitgefühl überreicht oder Kontrolle hübsch verpackt? Gibt es etwas zwischen den Parteien, das noch geklärt werden muss?

Gab es eine blöde Bemerkung, die die Schenkende unabsichtlich über die Arbeit, die Kinder oder den Lebensgefährten beim letzten Besuch gemacht hat? Oder hat der Beschenkte vielleicht beim gemeinsamen Spaziergang zu dramatisch von seiner Kündigung berichtet und den möglichen finanziellen Einbrüchen?

2. Gibt es unausgesprochene Erwartungen? Besonders dann sollte man ein klärendes Gespräch suchen, wenn man sich verpflichtet fühlt, sich zu revanchieren, obwohl doch nichts zurückverlangt wird.

3. Kann ich empfangen, ohne mich klein zu fühlen? Viele von uns wurden so erzogen, dass man lieber alles allein schafft. Hilfe anzunehmen, ohne in Scham oder Trotz zu verfallen, ist ein Akt der Selbstliebe. Das muss von vielen erst gelernt werden. „Ich darf das annehmen“, ist ein wichtiger Satz, den ein Beschenkter lernen darf.

Geld rührt auch an alten Wunden

Der Umgang mit Geld kann auch alte emotionale Erlebnisse berühren. Besonders solche, die mit der Beziehung zum eigenen Vater zu tun haben. Denn Geld ist in unserer westlichen Kultur oft mit männlicher Energie verknüpft, sprich: Struktur, Sicherheit, Versorgung.

Wenn der Vater abwesend, übergriffig oder emotional unzuverlässig war, prägt das auch das Verhältnis zu Geld: Man fühlt sich schuldig, wenn man es bekommt, oder glaubt, man müsse etwas dafür leisten.

Diese Prägungen kann man auflösen, wenn man sie erkennt. Hilfreiche Fragen sind dann: Was habe ich über den Umgang mit Geld gelernt? War Geld in meiner Kindheit Machtmittel oder Liebesbeweis? Wurde es gern ausgegeben oder war man eher geizig?

Ich musste zum Beispiel meinem Vater noch mit 18 den Einkauf anhand des Kassenbons belegen. Mit 25 hat er mir das erste Mal großzügig das üppige Rückgeld eines 50 Mark-Scheins überlassen. Ich verdiente damals gut und dachte: „Na, jetzt brauche ich das eigentlich nicht mehr.“ Aber dann auch wieder: „Eigentlich auch rührend.“

Kann es gelingen, Geld nicht mehr mit emotionaler Abhängigkeit gleichzusetzen, sondern als neutralen Fluss von Unterstützung zu betrachten?

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Geldbeziehungen bewusst gestalten

„Über Geld spricht man nicht“ – ist noch immer ein geläufiger und verfestigter Glaubenssatz. Wenn über Geld nicht gesprochen wird, arbeitet es unter der Oberfläche. Denn die Gedanken sind trotzdem da und sie mischen sich dann zwischen uns, wie der berühmte Elefant im Raum. Jeder weiß, dass er da ist, und niemand spricht über ihn.

Wenn man sich unsicher ist, ist deshalb immer eine kurze Selbstreflexion zu dem Thema besser oder ein Gespräch, in dem geklärt wird:

  • Was bedeutet es für dich, Geld zu geben oder anzunehmen? Und was erwartest du?
  • Verändert es unsere Beziehung – und will ich das?
  • Kann ich es auf Augenhöhe annehmen, ohne mich klein zu fühlen?
  • Möchte ich überhaupt etwas empfangen – oder werde ich gerade übergangen?

Das kann sich beim ersten Gespräch sehr holprig anfühlen – aber, keine Sorge, das vergeht. Und: Nicht jede Geste muss aufgerechnet, nicht jede Hilfe problematisiert werden. Und doch ist es hilfreich, bewusst zu sein.

Manche Geldgeschenke darf man annehmen, wenn man wirklich bereit ist, sie anzunehmen. Andere lehnt man freundlich ab. Man kann zum Beispiel auf ein Spendenkonto verweisen, von dem man denkt, dass dort das Geld besser aufgehoben ist.

Foto: privat
Foto: privat

Mona Kino

ist Drehbuchautorin, Familientherapeutin und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Sie lebt in Berlin und begleitet deutschlandweit Eltern in ihren pädagogischen Fragen sowie Teams beim Teambuilding. 2020 ist ihr Buch „Zeit für Empathie- Fünf Wege Fünf Wege zu innerer Balance“ im Beltz-Verlag erschienen. 

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare

Online-Abende

rund um spannende ethische Themen 
mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen
Ca. 1 Mal pro Monat, kostenlos

Auch interessant

A3pfamily/ Shutterstock

Ein solidarischer Umgang mit Geld

Wie eine Finanzkooperative ihren Besitz teilt und Alternativen lebt Zora und Jan leben in einer Finanzkooperative. Sie teilen ihren Besitz in einer Gruppe von 11 Menschen und besprechen regelmäßig, welche Ausgaben möglich sind. Im Interview sprechen sie über ihr ungewöhnliches Leben, gelebte Solidarität und das Gefühl, durchs Leben getragen zu werden.
David-W/ photocase.de

„Wir denken nur noch in Geld“

Interview mit Silja Graupe Geld ist in unserer Gesellschaft die einzige Eintrittskarte ins Spiel. Wer es nicht hat, bleibt außen vor. Volkwirtin Silja Graupe kritisiert die Ökonomisierung des Lebens. Sie spricht im Interview über Geldzwänge und Abhängigkeiten. Nur der Gemeinsinn kann uns in eine erfahrungsbezogene Welt zurückbringen und zu kreativer Transformation beitragen.
Distelberger

„Wir brauchen einen neuen Umgang mit Geld“

Interview zur Idee des Vermögenspools Wer ein gemeinschaftliches Projekt finanzieren will, stößt bei Banken häufig an Grenzen. Markus Distelberger hat einen Vermögenspool gebildet, in den private Geldgeber einzahlen, ohne Rendite zu bekommen. Er erklärt im Interview, wie das funktioniert und warum es wichtig ist, dass Geld Sinn stiftet und Gemeinschaft fördert.
Foto: Service Space

“Der kleinste Akt der Freundlichkeit hat Wirkung”

Interview über eine neue Kultur der Großzügigkeit Innovativ ist nicht, wer immer mehr Dinge anhäuft, sondern wer teilt und sich mit dem Leben verbindet. Das ist die Philosophie von Nipun Mehta. Er begann eine Karriere im Silicon Valley, gründete dann eine karitative Organisation, die heute weltweit aktiv ist. Im Interview spricht er über die Kraft der Freundlichkeit, Netzwerke des Mitgefühls und warum KI und Technologie den Menschen dienen sollten.

Neueste Artikel