Kinofilm: Das Flüstern der Wälder
In den Wäldern der Vogesen sind Luchse, Hirsche, Uhus und Eulen zu Hause. Im Dokumentarfilm “Das Flüstern der Wälder” von Vincent Munier begegnen wir den Tieren – in ungewöhnlichen Aufnahmen und Naturgeräuschen, die man selten zu hören bekommt. Wenn die Natur selbst sprechen darf, verstehen wir unmittelbar, warum sie schützenswert ist.
Der bekannte Dokumentarfilmer Vincent Munier („Der Schneeleopard“) nimmt uns in diesem Film mit in den Wald. Er selbst verbracht mehr als 800 Nächte in der Wildnis, um zu sehen, zu hören, zu staunen – und ungewöhnliche Aufnahmen zu machen. Und wir schauen ihm quasi über die Schulter.
Das Besondere an diesem Dokumentarfilm „Das Flüstern der Wälder“: Die Bilder sprechen für sich, ohne erklärende Kommentare, nur mit dem Sound des Waldes, manchmal unterbrochen von Gesprächen der drei Wanderer: Munier unternimmt diese Tour in die Vogesen zusammen mit seinem Vater und seinem Sohn.
Die Kamera verweilt bei Nebelschwaden, bei jungen Bäumen, die aus Totholz wachsen, vor allem aber bei den Bewohnern des Waldes: Wir sehen Uhus, auch Jungtiere, die die ersten Flugversuche unternehmen, nachtaktive Eulen, Zaunkönige, die auf den Ästen tanzen, Wildschwein-Babies, die noch etwas verloren umherrennen.
Aber es ist kein kitschiger Naturfilm. Nicht nur das Schöne wird gezeigt, auch beispielsweise ein erbitterter Kampf von Hirschen, deren Geweihe aneinander krachen, ein Luchs, der seine fette Beute wegträgt. Die Tiere sind so nah, wie man es selten in Filmen sieht. Die Kamera verweilt lange, es gibt wenig Schnitte.
Und immer wieder, wenn man fast schon ein wenig müde wird, weil so wenig passiert, geschieht etwas Überraschendes: Eine Rehmutter mit ihrem Kitz durchquert in aller Ruhe einen See im Morgennebel. Oder ein riesiger Vogelschwarm zieht über das Land.
Beeindruckend sind auch die Geräusche der Wildnis: die Stille wird immer wieder unterbrochen vom Zwitschern der Vögel, dem Rufen der Kraniche, dem Röhren der Hirsche. Stellenweise wird Klavier- und Violinenmusik von Warren Ellis begleitet, eigenes für diese Doku komponiert.
Die Natur als Subjekt
Dann wieder werden die drei Wanderer gezeigt. Sie haben eine Hütte im Wald, wo sie sich aufwärmen, essen, miteinander reden: über ihre Erfahrungen in der Natur und die Trauer über den Verlust der Arten. Großvater Michel erzählt von seiner ersten Begegnung mit einem Auerhahn, ein Vogel, der vom Aussterben bedroht ist.

Aus den Vogesen, wo er ihn zum ersten Mal sah, ist er bereits verschwunden – innerhalb seiner Lebensspanne. Die drei machen sich dann auf in einen norwegischen Wald, um den Auerhahn zu suchen und zu filmen. Die Aufnahmen dieses imposanten Vogels sind spektakulär.
Der Auerhahn steht auch für die ökolgische Dimension des Films: die bedrohte Schönheit. Doch Munier kommt ganz ohne Aufrufe und Appelle aus, man versteht die Tragweite durch die unmittelbare Anschauung.
Was diesen Film so einzigartig macht, ist die Perspektive: Munier macht die Natur, die Bewohner des Waldes nicht zu Objekten. Er begegnet ihnen voller Demut und Respekt. Er verweilt, wartet, empfängt. So wirkt die Natur auf ihn, auf uns, jenseits von Kategorien wie „schön“ oder „schrecklich“. Teilweise ist es gerade die Fremdheit der Tiere, die berührt. Im Abspann werden die Tiere auch als Mitwirkende genannt.
Die Zuschauenden brauchen etwas Geduld, denn Langsamkeit bishin zur Langeweile ist beabsichtigt. Denn so können sich die Eindrücke von den Bewohnern des Waldes entfalten. Man spürt noch Tage später, wie die Bilder von den Tieren nachwirken und irgenwie lebendig bleiben. Und damit hat Munier sein Ziel erreicht: die Natur als ein Gegenüber zu sehen, das geachtet wird.
Birgit Stratmann
Dokumentarfilm „Das Flüstern der Wälder“, Vincent Munier, 2026
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