Sind wir nur eine Zuschauer-Demokratie?

fedorovekb/ shutterstock.com
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Ein Gespräch mit Jürgen Wiebicke

Wählerverachtung ist die falsche Antwort auf das Erstarken der AfD, sagt Jürgen Wiebecke, Philosoph und Moderator der Sendung „Das philosophische Radio“. Im Interview spricht er über die Krise der Demokratie, wo die Schwächsten sich nicht repräsentiert fühlen, den Verlust der Zuversicht und wie wir Selbstwirkamkeit und Engagement stärken können.

 

Jürgen Wiebecke hat jüngst das Buch „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“ veröffentlicht . Das Gespräch dazu führte Stefan Ringstorff.

Frage: Was war Ihre Motivation, das Buch „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“ zu schreiben?

Wiebicke: Ich kam darauf nach der Wahl von Trump. Ich beobachtete, wie sich auch in meinem Umfeld die Ohnmacht und der Pessimismus breit machten. Viele dachten, dass der Rechtspopulismus wie ein Verhängnis über uns kommen wird, dass man dagegen nichts machen kann. Und in der allgemeinen Bestürzung steckte auch eine gehörige Portion Arroganz mit drin. Gegenüber den Dummen, die ein solches Wahlergebnis hervorgebracht hätten.

Doch mir war klar, dass die Demokratie-Krise tiefer liegt und das gute Ergebnis bei der Bundestagswahl für die AfD nur Ausdruck dessen ist. Wählerverachtung ist in meinen Augen die falsche Antwort. Ich überlegte, wie man die Demokratie weiterbauen kann, denn demokratische Systeme sind immer unfertig – frei nach Hannah Arendt: Selbst nach den schlimmsten moralischen Zusammenbrüchen gibt es immer eine Gelegenheit, es besser zu machen.

Frage: Fühlten Sie sich nach der Bundestagswahl und dem guten Abschneiden der AfD an die Situation in den USA erinnert?

Wiebicke: Nein, hier ist die Sache anders gelagert. Und bei 13 Prozent sollte man nicht gleich Panik schieben. Was mich beunruhigt, ist die Verachtung gegenüber AfD-Wählern. Da haben manche noch nicht verstanden, dass hier Stimmzettel genutzt worden sind, um auf eigene Nöte aufmerksam zu machen.

In sozial schwierigen Quartieren hatten viele es schon längst aufgegeben, darauf zu vertrauen, dass man mit Wahlen Einfluss nehmen kann. Sie kommen aus der politischen Apathie, der Wahlenthaltung. Die Schwächsten haben sich nicht mehr repräsentiert gefühlt, ein schlimmes Versäumnis der politischen Linken. Jetzt haben sie eine Stinkbombe geworfen und merken, dass das registriert wird. Das kann ein Problem für die Demokratie werden.

Frage: Sie sprachen von Demokratie-Krise? Was genau meinen Sie damit?

Wiebicke: Wir haben kollektiv Zuversicht verloren, zum Beispiel in unsere Selbstwirksamkeit, also darin, dass das eigene Handeln eine Wirkung erzielt. Wir glauben nicht mehr, dass man etwas an schlechten Verhältnissen, an Stagnation verändern kann, wenn man sich Mitstreiter sucht. Dieser Verlust der Zuversicht ist für mich die eigentliche politische Krankheit unserer Zeit. Sie hat viele erfasst, sogar Menschen, die sich früher mit Elan für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft eingesetzt haben. Wahrscheinlich herrschte selten eine solche Visionsarmut wie heute.

Ich war in der letzten Zeit viel auf Lesereisen unterwegs: in West und Ost, in Nordrhein-Westfalen genau so wie in Berlin und Dresden. Erstaunlich fand ich die großen Unterschiede. Allein die Reaktionen in Berlin und Dresden auf die Demokratie-Debatte hätten unterschiedlicher nicht sein können. Man merkt, wie die Wahrnehmungen auseinanderfallen. Offenbar leben wir nicht mehr in einer gemeinsamen Wirklichkeit. Das ist auch das Einfallstor für Fake News.

Dazu kommen die sozialen Unterschiede, wobei klar ist, dass der Protest, der sich bei vielen Wählern in der AfD-Wahlentscheidung geäußert hat, beileibe nicht nur auf die Wohlstandsverlierer beschränkt, sondern auch in den wohlsituierten Mittelschichten zu finden ist. Die Menschen haben das Gefühl fehlender Selbstwirksamkeit über Klassengrenzen hinweg. Auch Manager fühlen sich häufig als Rädchen im Getriebe.

 

Talkshow reduziert Demokratie auf Unterhaltung

Frage: Aber woher kommt diese grassierende Politikverachtung?

Wiebicke: Wir erleben eine Vertrauenskrise, die wir Bürger allerdings mitverursacht haben. Ich nenne es die Zuschauerdemokratie, wir haben es uns auf der Couch gemütlich gemacht, ohne dazu beizutragen, Politik mitzugestalten. Talkshows im Fernsehen reduzieren die Demokratie auf eine Art Theaterspiel. Das Resultat ist bedenklich: Wir haben quasi eine Demokratie ohne Demokraten, und das kann nicht funktionieren. So untergraben wir die Substanz der Demokratie.

Was ich wirklich vermisse, ist das gesellschaftliche Engagement gerade derjenigen, die es leicht hatten, durch Bildung ins Establishment aufzusteigen. Die Generationen der Babyboomer, also die heute Ende 40 bis Mitte 60-Jährigen könnten sich überlegen, wie sie etwas zurückgeben, was sie mal bekommen haben. Aber sie verharren in Passivität und politischer Untätigkeit.

Aber auch die Jüngeren sind Konsumenten von Demokratie. So ist die Politik zur Unterhaltung verkümmert. Vielen reicht es offenbar, sich Freitagabends während der Heute-Show darüber kaputt zu lachen. Ja, manchmal verachtet man sogar diejenigen, die sich politisch engagieren oder im Politikbetrieb abmühen.

Und dann kommt das böse Erwachen: Der Wind bläst von rechts und wir spüren plötzlich, dass unsere Demokratie als Lebensform schnell labil werden kann. Das ist mir wichtig, Demokratie nicht nur als Regierungsform zu begreifen. Denn angenommen, es gäbe sie irgendwann nicht mehr, dann ginge es nicht nur im Berliner Reichstag anders zu, sondern in Familien, am Arbeitsplatz, einfach überall.

 

Die Jungen fit für die Demokratie machen

Frage: Viele von uns sind entpolitisiert, halten sich in Echokammern und Meinungsblasen auf. Wie können wir gegensteuern?

Wiebicke: Ich denke, wir sollten vor allem die junge Generation fit für die Demokratie machen. Die politische Bildung ist in der Schule verkümmert. Seit PISA sind alle Formen von Bildung abgewertet worden, die sich nicht gleich testen und messen lassen. Ich stelle mir so etwas wie Schulen der Demokratie vor, in denen junge Menschen zunächst einmal lernen, zwischen Meinen und Wissen zu unterscheiden. Es genügt ja nicht, eine Meinung zu haben, sondern man sollte sie auch begründen können.

Auf diese Weise erfahren sie, dass es unterschiedliche Standpunkte zu wichtigen gesellschaftlichen Themen gibt. Zur Demokratie gehört, dass wir in der Lage sind, abweichende Meinungen auszuhalten. Nach meiner Beobachtung gibt es immer mehr, die nur noch ihre eigene Meinung ertragen.

Für mich ist Brasilien ein Vorbild, wo Philosophie ein Pflichtfach ist. Mir hat die Begründung sehr gefallen: Philosophie sei nötig, wenn Menschen ihre bürgerlichen Rechte ausüben wollten. Philosophie für alle – das ist für mich eine schöne Zukunftsperspektive.

Frage: Und wie bringen wir die Erwachsenen dazu, sich zu engagieren?

Wiebicke: Ich probiere es in meinen Veranstaltungen mit einer Portion Aristoteles. Wir sollten uns klar machen, dass politisches Handeln nicht eine lästige Pflicht ist, die, weil unser Zeitbudget knapp ist, immer in Konkurrenz zu Tango, Yoga oder Weinverkostung steht. Nein, wir bringen eine neue Farbe in unser Leben, wenn wir nicht immer nur um uns selbst kreisen, sondern auch als political animals handeln.

Außerdem versuche ich darauf hinzuweisen, dass Politik nicht nur in Parteien und Parlamenten gemacht wird. Wer sich für Flüchtlinge engagiert oder im Sportverein die Kasse verwaltet, handelt auch politisch. Das beste Immunsystem gegen Rechtspopulismus ist eine aktive Zivilgesellschaft.

Weiter kann es helfen, sich klar zu machen, dass man als politischer Mensch nicht notwendigerweise stramme Überzeugungen braucht, was gerade kluge und sensible Menschen davon abhält, politisch aktiv zu werden. Der italienische Philosoph Gianni Vattimo hat den Begriff „schwaches Denken“ geprägt, das gefällt mir sehr. Es klingt zunächst vielleicht merkwürdig. Gemeint ist Folgendes: Das „starke Denken“ ist heute gerade das Problem, also der Fundamentalismus und Fanatismus von Identitären und Islamisten.

Als Gegenmaßnahme sollten wir unser Denken als schwach begreifen, d.h. wir wissen, dass unsere Meinungen, Ideen und Vorstellungen vorläufig sind, wir sind bereit, unseren Standpunkt zu revidieren, wenn sich andere Überzeugungen als tragfähiger erweisen. Mit anderen Worten: Wir nehmen uns selbst nicht so wichtig. Und die anderen natürlich auch nicht.

 

JÜRGEN WIEBICKE, Köln 01.03.2013, Fotografin Bettina Fürst-Fastré

© Fotografin Bettina Fürst-Fastré

Jürgen Wiebicke  studierte in Köln Philosophie und Germanistik. Im Anschluss daran volontierte er beim Sender Freies Berlin und war dort Redaktionsleiter. Seit 1997 arbeitet er als freier Journalist, vor allem für den Hörfunk. Bei WDR 5 moderiert er jeden Freitagabend »Das philosophische Radio«, die einzige interaktive Philosophie-Sendung im deutschsprachigen Hörfunk. 2012 gewann er den Medienethik-Preis META der Hochschule für Medien Stuttgart. Er gehört zu den Programm-Machern des internationalen Philosophie-Festivals »phil.Cologne«.

 

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Jürgen Wiebicke: Zehn Regeln für Demokratie-Retter. 112 Seiten. KIWI-Taschenbuch 2017

 

 

 

 

 

 

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