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Sollen wir mehr über Krankheit und Verluste sprechen?

Leire Cavia I Unsplash

Erfahrungen von Mona Kino

Mit zunehmendem Alter erleben Menschen mehr Krankheiten und Verluste. Doch oft weichen wir in Gesprächen aus und übergehen das Offensichtliche. Familientherapeutin Mona Kino rät, Schmerz und Verluste anzunehmen, damit zu verweilen und sich im Gespräch mitzuteilen.

Neulich bei einem 60. Geburtstag. Der Gastgeber hatte eine Regel eingeführt: Wer eines der Wörter Alzheimer, Eltern, Demenz oder Vorruhestand sagte, musste einen Schnaps trinken. Oder eine Jugendsünde erzählen, für die man sich schämt.

Eine schräge Idee, denn worüber reden wir denn sonst Mitte, Ende fünfzig wenn nicht über das, was uns betrifft: Eltern, die pflegebedürftig werden. Freundinnen und Freunde, die Diagnosen bekommen. Menschen, die einfach nicht mehr da sind.

In meinem Umfeld häufen sich Herzinfarkte, Krebs, Erschöpfung. Und immer wieder erlebe ich, wie vorsichtig die Gespräche werden, sobald das Wort „Krankheit“ fällt – als wäre es ansteckend. Oder als dürfe man darüber erst reden, wenn man offiziell alt ist. Aber, wann ist das? Und: sind wir das nicht längst? Mitte, Ende fünfzig das ist doch eher am Anfang des dritten Drittels, nicht davor.

Vielleicht fällt mir das so auf, weil ich schon früh erlebt habe, wie groß die Sprachlosigkeit wird, wenn der Tod in ein Leben tritt. Ich war 28, als mein Vater starb. Ein Autounfall. Als der Anruf von einem Polizisten kam, dass mein Vater verunglückt sei, funktionierte irgendetwas in mir einfach. Also sortierte ich Unterlagen, übergab Aufgaben, packte Koffer.

Am Abend war ich im Krankenhaus, da, wo er in der Nähe auf der Autobahn verunglückt war. Dann zehn Tage Koma. Eine Zeit zwischen Hoffen und Nicht-Wissen.

Müssen wir schnell damit fertig werden?

In diesen ersten Tagen riefen Kolleg:innen und Freunde noch an. Aber nach der Beerdigung? Keine Anrufe, keine Fragen, nur dieses betretene Schweigen, das schnell in Distanz kippt.

Eine Freundin sagte, als ich zurück nach Hause kam: “Wenn du willst, können wir ab und zu darüber reden – aber wenn´s geht nicht zu oft.“ Eine andere, weil ich daran dachte, in den Urlaub zu fahren: „Du trauerst ja gar nicht richtig.“

Ich war wütend. Und gleichzeitig ratlos. Wie trauert man „richtig“, wenn man das zum ersten Mal erlebt? Und ich verstummte.

Später lernte ich, dass Mitgefühl und Empathie manchmal von Menschen kommt, von denen man es nicht erwartet. Eine Frau, die ich kaum kannte, rief an und sagte: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich bin da, wenn du reden willst.“

Und der Vater eines Freundes stellte mir eine Frage, die mich bis heute begleitet: „Warum müssen wir eigentlich immer mit allem so schnell fertig werden?“ Ich weiß noch, wie perplex ich war.

Jemand, der mal nicht wollte, dass ich „damit schnell fertig“ werde. Das gab mir unbewusst eine Art „Erlaubnis“, dann darüber zu sprechen, wenn mir danach war, und wenn nicht, zu schweigen.

Manchmal frage ich mich, ob das Schweigen über Krankheit und Sterben in unserem Alter deshalb eine Mischung aus kollektiver Selbsttäuschung und ungenügendem Sprachschatz ist? Ein letzter Versuch, jung zu bleiben, indem wir über das Altern Witze machen und Tabu-Wörter mit Alkohol übergießen?

Wir reden lieber über Reisen als über das, was schmerzt

Krankheiten kommen nun einmal, gerade mit zunehmendem Alter. Das Problem ist eher, dass wir verlernt haben, bei Schmerz und Endlichkeit zu verweilen. Wir trösten dann, anstatt zuzuhören.

Oder wir wechseln das Thema, reden lieber über Reisen, Projekte und Pläne, als über den Körper, der nicht mehr mitspielt, oder über Eltern, die ihre Kinder nicht mehr erkennen.

Und wenn wir doch mal ehrlich über Krankheit oder Sterben sprechen, entschuldigen wir uns fast dafür als ob wir damit die Stimmung ruinieren.

Was, wenn Trauer, Krankheit, Altern gar nichts sind, mit denen man „fertig“ werden muss? Vielleicht dauert das Trauern und die Angst vor der eigenen Endlichkeit auch ein Leben lang?

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Wir sollten uns um unsere Trauer kümmern

Was ist daran schlimm, hin und wieder von dem Gefühl überrumpelt zu werden, weil ich ein Händedrücken von meinem Vater ganz plötzlich vermisse? Oder es mich einfach beschäftigt, dass ich möglicherweise auch Parkinson bekomme, wie meine Mutter? Ganz ehrlich? Es ist okay, Teil des Lebens. Und ich kann es bewältigen.

Vielleicht sollten wir die Regeln ändern! Kein Schnaps, weil jemand „Demenz“ sagt, sondern obwohl. Denn wer über Krankheit und Sterben spricht, spricht aus meiner Sicht nicht über das Ende, sondern über das, was ihn jetzt bewegt.

Und am Ende plädiere ich meistens sowieso dafür: Einfach mal ausprobieren, wohin das Gespräch führt. Und sich trauen zu sagen, wenn es einem zu viel wird: „Heute ist mir einfach nicht nach Geschichten über Altern und Krankheit. Lass uns mal über etwas Lustiges reden.“

Denn natürlich gibt es auch diejenigen, die nur noch über Krankheiten und Verluste reden. Vielleicht brauchen einige die Unterstützung von einem Experten. Jemand, der dabei behilflich ist, das zu verarbeiten, was einem mit jeder Krankheit und jedem Tod eines geliebten Menschen unweigerlich begegnen kann.

Und wir können auch unseren Sprachschatz erweitern, Worte dafür finden. Denn Krankheiten sind auch Verluste: nämlich von der Vorstellung von sich selbst mit zunehmendem Alter. Und um diese Trauer sollten wir uns kümmern.

Foto: privat
Foto: privat

Mona Kino

ist Drehbuchautorin, Familientherapeutin und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Sie lebt in Berlin und begleitet deutschlandweit Eltern in ihren pädagogischen Fragen sowie Teams beim Teambuilding. 2020 ist ihr Buch „Zeit für Empathie- Fünf Wege Fünf Wege zu innerer Balance“ im Beltz-Verlag erschienen. 

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