Neu: Ethik Quiz – Testen Sie Ihr Wissen

Sommer auf dem Balkon

Febiyan/ Unsplash

Über die Grenzen der Bequemlichkeit

Ein entspannter Lesemoment auf dem Balkon wird zur Lektion über die Gefahr des Rechtspopulismus. Antje Boijens erzählt, wie ein Roman über eine jüdische Familie im faschistischen Italien der 1930er Jahre eine drängende Frage aufwirft: Was unternehmen wir zum Schutz der Demokratie? Ein Plädoyer gegen Tatenlosigkeit und passiven Humanismus, für das politische Engagement.

 

Im Sommer erlaube ich mir, wann immer ich Zeit habe, die Zeit in der Hängematte auf dem Balkon zu verbringen. Darin ruhend wiegt sie mich in einer fast unmerklichen Bewegung, die eine fast ebenso unmerkliche ständige Anpassung meiner Haltung hervorruft. Nichts bewegt sich, während sich ständig alles bewegt. Besonders außerhalb der Wohlfühloase.

Außer zum Schlafen ist die Hängematte vor allem zum Lesen gut. Die Lektüre dazu finde ich in nahegelegenen Bücherschränken. So fiel mir kürzlich Giorgio Bassani‘s Roman „Der Garten der Finzi Contini“ (1962) in die Hände.

An den gleichnamigen Film von Vittorio de Sica erinnerte ich mich sofort, ich hatte ihn vor Urzeiten gesehen. Bilder aus den 1930er Jahren fetzten mir durchs Gehirn: eine italienische Villa mit prächtigem Garten, junge Leute, Lachen und Flirten, die sommerliche Atmosphäre, der jugendliche Helmut Berger, der Tennis spielt, aber auch die ständige Bedrohung im Hintergrund.

Das großbürgerliche Anwesen gehört Juden, und erzählt wird ihre Geschichte zwischen 1936 und 1939. Die 350 Taschenbuch-Seiten habe ich in zweieinhalb Tagen weggeputzt.

Dabei lese ich eher langsam und unterbreche gerne, um Sätze wirken zu lassen, vielleicht um dann noch gebannter dem Text zu folgen. Begleitet von den minimalen Schwingungen in der Hängematte begann so für mich im Garten der Finzi Contini ein Wachstumsprozess, der meine Wahrnehmung der Gegenwart, aber auch mein Bewusstsein vom Sein in dieser Welt gründlich verändert hat.

Gibt es Normalität in Zeiten der Gewalt?

Die Finzi Contini waren eine angesehene jüdisch-italienische Adelsfamilie, die schon lange in Ferrara lebte. Nun muss sie vor der eigenen Haustür die Umsetzung der Rassengesetze und die Bedrohung durch die Faschisten miterleben.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht aber nicht das Grauen, sondern das fortdauernde Leben im Haus der Familie, der Versuch der Normalität „intra muros“.

Die unerfüllte Liebe des Erzählers (auch er jüdischen Glaubens) prägt das Geschehen im Roman. Die Auserwählte ist Micol Finzi Contini, die Schwester seines Schulfreunds Alberto.

Nachdem die Juden in Italien von aller öffentlichen Teilhabe ausgeschlossen sind, bleibt zum Treffen schließlich nur noch der Garten der Finzi-Contini. Doch das Unheil nimmt seinen Lauf: 1943 wird die ganze Familie ins KZ deportiert und ermordet. Ihre Gräber sind unbekannt.

Die faschistische Bedrohung ist da

Der Sog, der von Bassanis Erzählung ausgeht, entsteht weniger aus der Handlung, als aus der Atmosphäre dieser Jahre. Von außen ist die Welt der Jugendlichen unbeschwert, Sie spielen Tennis.

Nur gelegentlich sprechen sie davon, wie sie das berührt, was außerhalb der Gartenmauer in Ferrara geschieht. Zum Beispiel, wenn sie alle in einem Brief vom Präsident des Tennisclubs mitgeteilt bekommen, dass sie, die jungen hoffnungsvollen Spieler, ab sofort dort unerwünscht sind. Na gut, dann spielen sie halt auf dem Tennisplatz der Finzi Contini weiter.

Die faschistische Bedrohung wabert nur wie eine dunkle Wolke über ihnen, präsent, aber, so denkt man manchmal, eine kräftige Brise könnte alles einfach vertreiben. Doch nichts ändert sich, die Nazis kommen und machen die Bedrohung nur schlimmer, tödlicher, endgültig.

So wird der Garten zum Symbol des Nebeneinanders von Paradies und Gefängnis, verlockendem Glück und Isolation. Er gewährt auch Schutz, der jedoch den Bedrohungen der Außenwelt letztlich nicht standhalten kann.

Abwarten und Tee trinken?

Das großbürgerliche Leben hinter Mauern verdrängt die Realität. Weil man glaubt, es sich leisten zu können, wird die tödliche faschistische Gefahr von der vermögenden, jüdischen Akademikerschicht von Ferrara kaum wahrgenommen und manchmal sogar schöngeredet.

Der Historiker Frank Stern1 bezeichnet diese Haltung als „passiven Humanismus“ und als „fatale, aber auch charmante Orientierungslosigkeit“. Ist das die bürgerliche Antwort auf eine Welt, die immer brüchiger wird?

Und was tue ich heute? Im fiktiven Garten der Finzi Contini kann ich bei mir aus der Hängematte durch die Bäume in den blauen Himmel schauen, mich an meinem Urlaub auf dem Balkon erfreuen. Klar, täglich höre oder lese ich die Nachrichten: vom Aufstieg der AfD und dem Erstarken des Rechtspopulismus, von Trumps Dekreten, mit denen er die Demokratie aushöhlt. Ich kann analysieren, vielleicht mal schimpfen, ansonsten lesen und ….abwarten?

Die gutbürgerliche Tatenlosigkeit im Vorfeld der Katastrophe macht den „Garten der Finzi Contini“ zu einer Art Zen-Geschichte. Sie schreckte mich auf und sprengte meinen eigenen passiven Humanismus in kurzer Zeit.

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Gegen die Gleichgültigkeit unserer Zeit

Einfach nur wahrzunehmen, wie die Demokratie demontiert wird, während man sich im Innen vor allem bemüht, die Fassung zu wahren, ist sinnlos. Der Garten der Finzi Contini stellt die Frage nach Widerstand, nach einem entschlossenem, achtsamen Handeln, das die Verhältnisse verändert, statt sie nur zu betrachten.

Man wird mich also ab sofort öfter mal zu Protesten auf der Straße treffen. Es kann nicht sein, dass eine als verfassungswidrig eingestufte Partei wie die AfD in Deutschland 2025 immer stärker wird und ohne spürbare Gegenwehr ihre menschenverachtende Politik im Bundestag propagieren kann.

Der Song der „Omas gegen rechts“, der während des ZDF-Sommerinterviews mit Alice Weidel das Gespräch übertönte, weist einen Weg. Kreativität ist stärker und ein gutes Gegengewicht zur Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit unserer Zeit.

Ohne mutige Gegenbewegung ist der Sommer auf dem Balkon eine Illusion. Das bisschen Schaukeln reicht einfach nicht.

1 Eine Einführung zum Film “Der Garten der Finzi Contini”

Foto: privat

Antje Boijens hat Russisch, Politikwissenschaften und Freie Kunst studiert und war seit 1996 selbständig tätig als Management-Trainerin, Beraterin und Coach. Sie ist Langzeitmeditierende und besonders der Tradition des Mountains and Rivers Order (John Daido Loori) verbunden. Für Ethik heute hat sie Seminare zu Dialog und Weisheit durchgeführt; jetzt, im (Un-)Ruhestand, verbringt sie ihre Zeit v.a. mit ehrenamtlicher Arbeit, Lesen und Schreiben. Buchveröffentlichung: Requisiten für die Trauer, 2021, Dielmann Verlag

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