Sorgearbeit – ein Feld der Philosophie

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Über Philosophical Care

Philosophical Care ist die sorgende Begleitung von Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Das Besondere: Die Gespräche werden offen geführt, ohne ein festes Programm oder Weltbild. Zentral ist die Sorge um den Menschen mit Hilfe einer Philosophie, die auf das Leben antwortet.

„Philosophical Care” ist ein neuer Begriff für eine schon alte Tradition. Denn Philosophie ist mehr als ein akademisches Fach, sie ist auch eine Lebensform und damit eine bestimmte Form des Tätigseins.

„Philosophical Care“ beschreibt eine professionelle zwischenmenschliche Form der Begleitung durch Kommunikation, die sich durch die Philosophie selbst begründen lässt. Sie ist eine bestimmte Form der Zuwendung – sich selbst sowie der Mitwelt gegenüber.

Während Begriffe wie Seelsorge oder „Spiritual Care“ meistens mit religiösen und spirituellen Praktiken verbunden werden, ist Philosophical Care eine Form der Zuwendung, die sich philosophisch gestalten lässt. Das bedeutet, die Philosophie nimmt als Inhalt der Gespräche, als Methode in der Gesprächsführung und als Ansatz einer Haltung eine zentrale Stellung in der zwischenmenschlichen Begleitung ein.

Anders als die „Philosophische Praxis“ geht Philosophical Care auch nicht vor allem in einer Beratungsform auf. In der Beratungssituation gibt es eine Hierarchie zwischen denjenigen, die beraten und den anderen, die beraten werden. Zudem finden viele Beratungen in sehr spezifischen Settings statt und sind nicht für alle Menschen einfach so zugänglich.

Philosophical Care setzt sich ein anderes Ziel. Es geht ihr darum, Menschen in schwierigen Situationen wie bspw. in Krankenhäusern, Hospizen, Psychiatrien oder Gefängnissen zu besuchen und sie dort direkt vor Ort zu begleiten, sofern es gewünscht wird. Philosophical Care ist daher ein Angebot und frei von jedem Zwang.

„Care“ antwortet auf die Situation eines Menschen

Ist Philosophical Care also eine Art der Seelsorge? Und weshalb muss man dafür einen englischen Ausdruck verwenden? Könnte man nicht beispielsweise auch von „Philosophischer Sorge“ oder „Philosophischer Wohl- oder Fürsorge“ sprechen?

Der Care-Begriff ist bewusst gewählt. Es handelt sich nicht um eine Modeerscheinung. „Care“ als Wort hat seinen Ursprung beim Ruf (althochdeutsch: karo), anders als die Caritas, deren Ursprung beim lateinischen Wort „carus“, also teuer, liegt.

„Care“ impliziert, dass man auf einen Ruf reagiert. Care ist somit ein Antwortgeschehen. Man versucht, auf den Ruf zu antworten, die Bedürfnisse, Wünsche, Ansprüche zu erkennen, die im Ruf vermittelt werden.

Genau dieses Antwortgeschehen steht im Zentrum von Philosophical Care. Es geht nicht darum, mit einem voraus erarbeiteten Programm oder einem fest etablierten Weltbild an andere Menschen heranzutreten, sondern sich auf die jeweilige Situation einzulassen und sich bis zu einem gewissen Grad auch diesem Ruf auszuliefern.

Man muss mit dem Fremden, Unerwarteten und dem vielleicht Unverständlichen umgehen. Für Menschen in belastenden Situationen kann dies hilfreich sein, dabei von Menschen begleitet zu werden, die sich auf genau jene Situationen einlassen.

Care ist dabei nicht einfach eine Wunsch- oder Bedürfniserfüllung. Oft ist dies zwar der Fall. Das Antwortgeschehen lässt sich aber nicht darauf reduzieren. Antworten heißt auch, sich mit der Ohnmacht, mit eigenen Grenzen und Handlungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen. Nicht alles kann und soll erfüllt werden. Situationen auszuhalten und dabeizubleiben, auch wenn etwas unerfüllbar ist, ist daher ein erster Schritt in Richtung philosophischer Care-Arbeit.

Was ist daran philosophisch?

Philosophical Care ist philosophisch, weil sie sich einerseits aus der Philosophie selbst heraus begründen lässt. Wenn man Philosophie, so wie sie früher in der Antike verstanden wurde, als Lebensform versteht, geht es immer um die Sorge um sich sowie um die Mitwelt.

Philosophie ist so nicht einfach ein Selbstzweck oder ein unterhaltsames Gedankenspiel für gelangweilte Geister. Die Philosophie beabsichtigt eher, das Leben bewusst und aufmerksam zu gestalten, indem man sich immer wieder darin übt, sich mit Hilfe der Philosophie den Herausforderungen des Lebens zu stellen.

Andererseits wird so die Philosophie auch zu einem konkreten Anwendungsfeld in der professionellen Care-Arbeit. Wenn Menschen sich in schwierigen, belastenden Situationen befinden, so werden auch große Fragen nach Sinn, Leben, Tod, Freiheit oder Autonomie auf einmal dringend. Das sind alles Themen, über die man gemeinsam philosophieren kann.

Philosophieren ist dann selbst Teil und Inhalt der Tätigkeit. Philosophical Care bietet hierbei eine Begleitung, ohne im Vorab zu bestimmen, wie ein klares Ergebnis des gemeinsamen Philosophierens aussehen soll. Daher sieht Care in jeder Situation auch anders aus und ist nicht einfach standardisierbar. Vielmehr geht es darum, auf das konkrete Gegenüber und dessen Ruf in der jeweiligen Situation einzugehen.

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Philosophical Care in der Praxis

Philosophical Care lehnt sich an eine alte antike Auffassung von Philosophie an, die durch die Akademisierung und wissenschaftliche Entwicklung der Disziplin immer mehr in Vergessenheit geraten ist. Ein erster Schritt besteht darin, sich zu erinnern, was Philosophie alles vermag.

Philosophical Care belebt aber nicht einfach eine alte Tradition und hält an dieser fest, sondern es wird versucht, auf die Ansprüche, Bedürfnisse und gesellschaftlichen Zustände der heutigen Zeit entsprechend zu reagieren. Dieses Antwortgeschehen muss selbst zeitgemäß sein. Darin nimmt Philosophical Care auch einen ethischen Anspruch für sich wahr.

Ein weiterer Schritt besteht in der theoretischen Entwicklung und praktischen Ausübung dieser Tätigkeit. Erste Projekte fanden im deutschsprachigen Raum in verschiedenen Institutionen statt (Psychiatrie, Hospize, Sozialpädagogische Institutionen).

Weitere Projekte laufen schon und sind in Planung. Auch andere Berufsfelder öffnen sich für Ansätze von Philosophical Care: Immer mehr Menschen versuchen, Philosophie in die eigene Care-Arbeit zu integrieren – mag dies professionelle Care sein oder andere Formen von Care-Tätigkeit.

Auch sind neue Aus- und Weiterbildungen geplant, um sich mit diesem Ansatz vertieft auseinanderzusetzen. Für die Ausbildung ist es wichtig, sich nicht nur mit den philosophischen Inhalten und Methoden auseinanderzusetzen, sondern sich ebenfalls in der Beziehungsgestaltung und bei den Selbst- und Rollenverständnissen für die Praxis zu sensibilisieren.

Nur so kann Care professionell sein. Philosophical Care lebt dabei vom Austausch mit der Philosophie selbst wie auch von interdisziplinären Verbindungen und Diskussionen. Letztlich muss sich Philosophical Care selbst immer auch reflektieren können. Ansonsten wäre sie kein Antwortgeschehen und ohne die Erkundung der eigenen Möglichkeiten und Grenzen wäre sie auch nicht wirklich Philosophie.

Foto: privat

Dr. Omar Ibrahim ist im Bereich Philosophical Care in Forschung, Lehre und Praxis tätig. https://www.philosophical-care.ch/

Kontakt: omar.ibrahim@philosophical-care.ch

Buchveröffentlichung: Lehrbuch Philosophical Care: Grundlagen und Praxis der philosophischen Beratung, Begleitung und Sorge. Hogrefe 2026

 

 

 

Foto: privat

Dr. Caroline Krüger ist tätig als Fachbereichsleiterin Diversität und Teilhabe der Paulus Akademie und freiberuflich als Philosophin.

Kontakt: philocarepraxis@gmail.ch

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