Über das preisgekrönte Start-up Bridge & Tunnel

Die Firma Bridge & Tunnel verbindet nachhaltige Mode und soziales Engagement. Sie verarbeitet getragene Jeanshosen zu neuwertigen Produkten und beschäftigt viele Migrantinnen und Migranten, die ausgezeichnet nähen können, aber keine Zertifikate haben. Hier finden sie das, was sie am meisten brauchen: Anerkennung und Wertschätzung.

Hanna Charlotte Erhorn und Constanze Klotz machen Mode, aber nicht irgendeine. Sie verarbeiten in ihrem Unternehmen Bridge & Tunnel getragene Jeans-Hosen zu Kleidung, Taschen und Einrichtungsgegenständen. Und sie haben mit ihrem Sozialunternehmen im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg Menschen Einkommen und Würde verschafft, denen es sonst schwer gefallen wäre, beides zu bekommen.

2013 haben die beiden Frauen die Leitung des Co-Working-Raumes „Stoffdeck“ in Hamburg-Wilhelmsburg übernommen. Diese Werkstatt können bis heute Mode- und Textildesigner gemeinschaftlich nutzen. Aber auch Menschen, die in ihrer Freizeit gern mit Textilien werken, kommen hier regelmäßig her.

Wilhemsburg ist ein vielfältiger Stadtteil Hamburgs. Ein Ort der Kreativen, die hier Freiraum für Experimente haben, aber auch ein Ort mit vielen sozialen Problemen. Viele Migrantinnen und Migranten habe hier ihre neue Heimat gefunden. Sie leben hier teilweise in dritter Generation. Mit der Öffnung der Grenzen 2015 haben in Wilhelmsburg viele Geflüchtete einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden.

2015 waren Hanna Charlotte Erhorn und Constanze Klotz auf der Suche nach Ideen, wie sie ihre Arbeit im Stoffdeck erweitern konnten, zum Beispiel mit einem eigenen Produkt.

Mit einem Unternehmen immaterielle Werte schaffen

Beide beschäftigte aber auch die soziale Realität im Stadtteil. Probleme, die auch ihren Bereich der Textilproduktion betrafen: Hier gibt es viele Menschen mit Migrationshintergrund, die sehr gut nähen können, dies aber nicht durch Zertifikate oder Ausbildungen nachweisen konnten. So trifft sich zum Beispiel immer mittwochs ein Näh-Klub türkischer Frauen in einer Moschee mit selbst mitgebrachten Nähmaschinen. Die beiden Unternehmerinnen luden die Frauen ein, sich im Stoffdeck zu versammeln und die dortige Infrastruktur zu nutzen.

„Das war für uns wie ein Erweckungsmoment. Wir fragten uns, wie kann es nur sein, dass diese handwerklich geschickten Frauen langzeitarbeitslos sind“, erklärt Constanze Klotz. Dieser Moment war ausschlaggebend für die Gründung von Bridge & Tunnel im Stoffdeck.

Mit einem eigenen Unternehmen bezahlte Arbeit für Menschen schaffen, für die der Arbeitsmarkt keinen Platz findet, war nun fortan das Ziel. Dass das Einkommen für die Beschäftigten gar nicht das Entscheidende ist, stellten die beiden Unternehmerinnen erst später fest. Wichtiger noch sei die Würde, die es den Menschen zurückgebe; ganz einfach für das was sie können, wertgeschätzt zu werden.

Constanze Klotz führt diesen Punkt noch weiter aus: „Alle reden über Work-Life-Balance. Aber was ist denn, wenn man keine Arbeit hat. Der immaterielle Wert der Arbeit ist immens: Man fühlt sich gebraucht, man fühlt sich wertgeschätzt. Gerade wenn man neu in einem Land ist: Überall ist man erst einmal Anfänger, doch hier bei der Arbeit sind die Leute von Anfang an Profis.“

Eine Aufenthaltserlaubnis für Sayed

Heute arbeiten bei Bridge & Tunnel neun Frauen und ein Mann, alle in Teilzeit. In der Produktion haben alle einen Migrationshintergrund und kommen gebürtig aus Indien, der Türkei, Russland und Afghanistan. Die Auseinandersetzung mit der Behörden und der Bürokratie sei eine große Aufgabe für das Management bei Bridge & Tunnel.

Der Afghane Sayed Mohabatzadeh ist hier beschäftigt. Foto: Bridge and Tunnel

Sayed Mohabatzadeh ist dafür ein Beispiel. Er flüchtete 2013 Jahren mit seiner Familie aus dem Irak, wo der gebürtige Afghane als Herrenschneider gearbeitet hat, nach Hamburg. 2016 absolvierte er wie einige andere Geflüchtete aus der Textilproduktion ein Praktikum bei Bridge & Tunnel und wusste so zu überzeugen, dass niemand ihn fortan missen wollte. Aus einer Arbeitserlaubnis wurde dank des monatelangen beharrlichen Engagements der beiden Unternehmerinnen eine Aufenthaltserlaubnis.

Bridge & Tunnel gehört von Beginn an der gemeinnützigen GmbH Passage und hat die Aufgabe, innerhalb von sieben Jahren kostendeckend zu arbeiten. Das Startkapital von 250.000 Euro ist durch einen Sponsor, einen Investor und weitere Fundraising-Maßnahmen zur Verfügung gestellt worden.

Hanna Charlotte Erhorn und Constanze Klotz gewannen mit ihrer Unternehmensidee ein Social Impact Stipendium, das sie in ein Netzwerk Gleichgesinnter und ein Coaching-Programm einband. Unternehmerisch handeln und gesellschaftlich wirken, das ist das Ziel der beiden und wesentlicher Grundpfeiler sozialen Unternehmertums. Das Motto bei Bridge & Tunnel: „We design society“.

Aus alt wird neu

Ökologisch nachhaltig zu denken, war der andere Pfeiler ihrer Gründungsidee. Hier kommt die Jeans ins Spiel. Lifestyle- und Massenprodukt zugleich landet dieses selten fair und nachhaltig produzierte Stück Baumwollstoff oft nach nur einer Saison schon auf dem Müll oder in der Kleiderspende. Einer der Nachbarn im Gewerbehof von Bridge & Tunnel ist die Kleiderkammer Wilhelmsburg. Hier werden massenhaft Jeans abgegeben.

Brigde and Tunnel

Bridge & Tunnel produziet nach dem Prinzip des Upcycling. Es werden Materialüberschüsse aus der Textilproduktion größerer Unternehmen und Alttextilien aus dem privaten Gebrauch, die nicht mehr zum Second-Hand-Einsatz taugen, zu neu designten Mode-Produkten, wie Taschen und Rucksäcke verarbeitet. Viele schicken mittlerweile ihre eigene abgelegte Jeans zu Bridge & Tunnel, damit daraus etwas Neues entsteht. Doch nicht alles passt, der Elasthan-Anteil darf nicht zu hoch sein, die Skinny-Jeans bietet zu wenig Stoff am Bein, usw. Am liebsten ist den Näherinnnen noch die gemütliche XL-Herrenjeans mit breitem Bein.

Das Unternehmen lebt aber nicht nur vom Verkauf der eigenen Produkte, sondern auch von der Erlösen aus den beiden anderen Wirtschaftszweigen. So bieten sie als Zwischenmeisterei Fertigungsarbeiten für kleinere Labels an, denen ebenfalls eine faire und lokale Produktion am Herzen liegt. Und mit dem Thema Eco-Design hilft Bridge & Tunnel Unternehmen dabei, ihre Resttextilien in hochwertige Designprodukte zu überführen, Teilweise sind 15 % einer Produktion Überschüsse, die durch Verschnitt oder als Musterstoffe anfallen. Bridge & Tunnel nutzt diese Resttextilien.

Nachhaltigkeit, soziales Engagement und Ästhetik

Alles wirkt so, als wäre die Gründung reibungslos verlaufen – und das obwohl Wirtschaft hier auf den Kopf gestellt wird. „Wir führen hier sehr viele Stränge zusammen und versuchen alle Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. Das ist eine besondere Herausforderung in unserer Arbeit,“ so Constanze Klotz über die Schwierigkeiten im Alltagsgeschäft.

Auszeichnung für Firmengründerinnen Hanna Charlotte Erhorn und Constanze Klotz. Foto Bridge and Tunnel

Die unterschiedlichen Welten verbinden sich auch im Profil der beiden Frauen bei Bridge & Tunnel: Sie nennen sich zugleich Generalisten und Spezialisten. Als diplomierte Textildesignerin ist Hanna Charlotte Erhorn die Expertin für das Design und die Produktion. Constanze Klotz ist als promovierte Kulturwissenschaftlerin mit Kommunikation, Fundraising und Kooperationen befasst.

Die Quintessenz ihres Unternehmens drückt Constanze Klotz so aus: „Der Wunsch ein nachhaltiges Label zu schaffen und Menschen einen Job zu geben, kamen auf ganz neue Weise zusammen. Wir finden es gerade spannend, diese beiden Welten, die sonst eher weniger Berührungspunkte haben, miteinander zu “vernähen”.“

Im Gespräch nennt Constanze Klotz einen Punkt, die Verbindung von Ethik und Ästhetik: „Wir möchten nur so produzieren und nicht anders. Wir lieben es aber auch, mit dem Endprodukt am Design bzw. an der Ästhetik zu arbeiten. Es adelt das ethisches Tun, wenn man am Ende ein ästhetisches Produkt vorweisen kann.“

Hier haben die beiden Unternehmerinnen einen Strategiewechsel vollzogen. Nicht nur ökologisch und sozial nachhaltig sollen die Produkte sein. Den Kunden müsse vor allem das Produkt gefallen, der „Look“ müsse passen, sonst würden sie es nicht kaufen. „Für uns ist es auch interessanter in Mainstream-Modegeschäften vertreten zu sein, denn der Hebel für den sozial-ökologischen Wandel ist dort einfach größer als bei den ohnehin schon informierten, die unsere Produkte im Fair-Fashion-Shop kaufen. Dafür zeigen wir detailliert, wie sich unsere Preise für das jeweilige Produkte zusammensetzen.Wir können im Mainstream offen darlegen, warum nicht wir zu teuer, sondern herkömmlich zu günstig ist.“

Stefan Ringstorff

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