Hilfe, wo sonst keine Hilfe ankommt
Im Sudan leisten die “Emergency Response Rooms” freiwillige humanitiäre Hilfe – und zwar inmitten der Gewalt. „Man kann uns nicht aufhalten, zu helfen“, sagt einer von ihnen. Am 4. Dezember 2025 wurden die Helfer, die ihr eigenes Leben riskieren, mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt. Eine Geschichte über Mut und Menschlichkeit.
Manchmal ist es unerträglich zu sehen, was Menschen Menschen antun. So wie in den letzten Wochen in El Fashir, einer Stadt in der von Bürgerkrieg und Gewalt gezeichneten sudanesischen Provinz Dafur:
Satelliten-Bilder ließen Massenmorde vermuten, nachdem die arabisch dominierten ‚Rapid Support Forces‘ die jahrelang belagerte Stadt eingenommen hatten. Es droht ein Genozid an ethnischen Gruppen, die sie als “schwarz”, “afrikanisch” bezeichnen.
Doch die politische Welt schlägt die Augen nieder und schaut weg, internationale Gremien fordern nur halbherzig ein Ende des Blutvergießens. Das Morden, Aushungern, Vergewaltigen geht weiter. Hilfsgüter werden nicht durchgelassen. Wer bislang überlebte, droht zu verhungern.
Es ist immer wieder ein Wunder, dass inmitten des Grauens, Mordens und Aushungerns Kräfte der Selbsthilfe wachwerden, die sich todesmutig und ohne Waffen der Vernichtung entgegenstellen.
In der Region Dafur sind es ganz normale Bürger, die sich zu den ‚Emergency Response Rooms‘, ERR (dt. Notfallräumen), zusammentaten, um Menschen irgendwie zu versorgen, die Verletzten in Krankenhäuser zu bringen, Sanitäter-Not-Teams zusammenzustellen und sich um verwaiste Kinder zu kümmern.
Der Begründer des alternativen Nobelpreises, Jakob v. Uexcüll, nennt solche Helden, die in krasser Not das Menschenmögliche tun, Possibilisten, weil in solchen Krisen weder Optimismus noch Pessimismus etwas nützt.
Am 4. Dezember 2025 werden die Menschenretter von Dafur in Stockholm mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt, dem bedeutendsten zivilgesellschaftlichen Preis für „den Aufbau eines widerstandsfähigen Modells der gegenseitigen Hilfe inmitten von Krieg und Staatszerfall, das Millionen von Menschen ein Leben in Würde ermöglicht.“
„Gegenseitige Hilfe ist wie Wasser: Du kannst sie nicht aufhalten“
Die ‚Notfallräume‘ sind ein sudanesisches Basisnetzwerk unter der Leitung von lokalen Gemeinden, das sich inmitten von Krieg, Vertreibung und Staatszerfall zum Rückgrat der humanitären Hilfe des Landes entwickelt hat.
„Wir helfen unseren Leuten“, sagt Hanin Ahmed, eine der ersten Organisatorinnen von ERR. „Wir retten sie. Wir bringen ihnen Essen. Wir bieten ihnen Schutz. Wir haben Frauenhäuser und Traumazentren. Wir bieten Kindern alternative Bildungsmöglichkeiten und Schulen.“
Aufbauend auf lokalen Traditionen der gegenseitigen Hilfe sind sie in allen 18 Bundesstaaten des Sudans tätig und stellen Gesundheitsversorgung, Nahrungsmittelhilfe, Bildung, Zivilschutz und psychosoziale Unterstützung bereit – und zwar dort, wo viele internationale Hilfsorganisationen nicht hinkommen.
„Gegenseitige Hilfe ist wie Wasser“ erklärt der ERR-Aktivist Hajooj Kuka: „Sie fließt überall hin und verteilt sich und Du kannst sie nicht aufhalten. Man kann uns nicht ausschalten. Wir sind so viele – wir sind die Gemeinschaft“.
Diese Arbeit hat Millionen Menschen unterstützt und fördert ein Modell der dekolonialisierten humanitären Hilfe, das den lokalen Gemeinschaften ihre Würde und Entscheidungsgewalt zurückgibt.
Mit einem radikalen ‚Bottom-up-Ansatz‘ versucht die Organisation, internationale Hilfe für die Menschen im Sudan direkt zu den ‚Notfallräumen‘ zu bringen, anstatt viel Geld in Verwaltung und Korruption zu verlieren.
„Dieses Drehbuch haben wir auf den Kopf gestellt“, sagt Alanosi Adam, Pressesprecher der Initiative im kenianischen Exil: „Jeder Dollar der gespendet wird, kommt auch bei den Leuten an.“
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Die Helfer denken weit in die Zukunft
Als nach dem kurzen Frühling der Demokratie im April 2023 der Bürgerkrieg im Sudan ausbrach und weite Teile des Landes in eine Hölle verwandelten, weiteten die ‚Notfallräume‘ ihre Aktivitäten aus.
Sie füllten damit die kritischen Lücken, die durch den Zusammenbruch der Wirtschaft und der staatlichen Institutionen entstanden waren. Mit fast 26.000 Freiwilligen evakuieren die ERRs Zivilisten, betreiben Krankenhäuser und unterstützen Überlebende von konfliktbedingter sexueller Gewalt.
Über die Rettung von Menschenleben hinaus pflegen die Helferinnen und Helfer eine Kultur der Mitmenschlichkeit und Solidarität, die die Grundlage für die zukünftige Zivilgesellschaft und die demokratische Erneuerung des Sudan bildet (www.lccsudan).
Die Arbeit der ‚Emergency Response Rooms‘ ist mit großen persönlichen Risiken verbunden: Mitglieder wurden wegen ihres Engagements für den Schutz von Zivilisten inhaftiert, gefoltert und getötet.
Erst Ende Oktober 2025 bestätigten sudanesische Exil-Medien den Tod der Frauenrechtlerin Siham Hassan. Hassan, Aktivistin der sudanesischen Demokratiebewegung, hatte in Al-Faschir monatelang eine ERR-Gemeinschaftsküche geleitet. Dann wurde sie von Paramilitärs exekutiert.
Trotz aller Bedrohungen hat sich bislang das dezentrale, von Freiwilligen getragene Modell der ‚Notfallräume‘ als widerstandsfähig, effizient und vertrauenswürdig für die im Zerfall des Staates alleingelassenen Gemeinden erwiesen.
Und sie hoffen auf die Zukunft: „Der Geist des Widerstands hat es möglich gemacht, Aufgaben lokaler Regierungsführung zu übernehmen und inklusive Teilhabe der Bürger möglich zu machen“, sagt Alsanosi Adam, Pressesprecher der ‚Emercency Response Rooms‘. „Und wenn der Krieg endet, werden wir uns weiterentwickeln, denn dies ist ein Marathon, kein Sprint.“
Dr. Geseko von Lüpke
ist freier Journalist und Autor von Publikationen über Naturwissenschaft, nachhaltige Zukunftsgestaltung und ökologische Ethik. Er studierte Politikwissenschaft und Ethnologie und leitet seit über 20 Jahren tiefenökologische Fortbildungen.
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