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Über den Aufstieg von TikTok

Foto: Piper Verlag

Eine App zwischen Profit und staatlicher Kontrolle

TikTok ist weltweit die erfolgreichste App. Das Buch zeichnet ihren Aufstieg nach. Dabei geht es um staatliche Einflussnahme in China, die mögliche Manipulation der Algorithmen und wie die App trotzdem auch im Westen Fuß fassen konnte. 

Eine Handy-App. Eine Plattform für unterhaltsame Kurzvideos im Hochformat. Katzen-, Tanz- und Modevideos. TikTok. 1,6 Milliarden Nutzer weltweit. Und das in nur wenigen Jahren.

Der neue Shooting Star hat alle bisherigen Platzhirsche wie Facebook, Instagram und Youtube weit hinter sich gelassen und stammt ausgerechnet aus der Volksrepublik China. Die reinste Unterhaltung.

Allerdings arbeitet in dieser App ein Algorithmus, der nicht nur seine Benutzer süchtig macht, sondern sich auch für politische Zwecke missbrauchen lässt. Jede Regung, jede Reaktion wird registriert und sofort ins Profil eingeschrieben.

Die App weiß scheinbar alles über ihre Benutzer und kann Vorhersagen treffen, was sie als nächstes sehen und erfahren möchten. Diese arglose App ist hochpolitisch.

Von daher nimmt es nicht Wunder, dass nun auch eine seriöse Untersuchung darüber in Buchform erscheint: „TikTok Time Bomb“ oder im etwas aussagekräftigeren Original: „Every screen on the planet. The war over TikTok“ (Jeder Bildschirm auf dem Planeten. Der Krieg um TikTok).

Emily Baker-White ist studierte Juristin und schreibt seit Jahren über die Geschäftspraktiken von TikTok und anderen Social Media Plattformen. Sie hat ein klares Urteil, kann anschaulich und packend erzählen und verliert trotz unzähliger Details nicht den roten Faden aus den Augen.

Der rote Faden ihres Buchs “TikTok Time Bomb” ist ein politisch ernstes Thema, das sie im Laufe von 525 Seiten aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus beleuchtet: Sie schreibt über den Spagat eines Verbunds von Techunternehmen zwischen wirtschaftlichem Erfolg einerseits und staatlicher Kontrolle andererseits.

Sie zeichnet den kurzen, aber turbulenten Werdegang dieser ungewöhnlichen App nach und wirft Schlaglichter auf das Firmengeflecht um ByteDance herum, der Mutterfirma, die mit der Kommunistischen Partei Chinas eng verwoben ist.

Die Verbindung zur Kommunistischen Partei Chinas

Der Gründer von TikTok, Zhang Yiming, ein visionärer Software-Ingenieur und Unternehmer, wurde früh mit der Tatsache konfrontiert, dass er keinen Erfolg haben konnte, wenn er sich nicht auf die Forderungen der Einheitspartei einließ.

Er musste zulassen, dass seine ersten kleinen Firmen von Parteikadern infiltriert wurden und dass seine diversen Plattformen auch staatliche Propaganda verbreiteten. Schließlich hatte er selbst in die zweite Reihe zu treten, weil die Partei keine Unternehmer duldete, die zu einflussreich und mächtig wurden.

Zhang Yiming ist heute so etwas wie die graue Eminenz in der chinesisch-stämmigen IT-Welt und hat mehrmals Rochaden vollzogen, indem er offiziell seine Führungsaufgaben abgab, um im Hintergrund die Fäden zu ziehen.

Er steht auch hinter den aktuellen Bemühungen der Volksrepublik, im Wettlauf um die KI mit den Vereinigten Staaten einigermaßen Schritt zu halten. Aber damit sind wir schon im letzten Teil des Buches.

Emily Baker-White beschreibt das Ringen der TikTok-Macher um unternehmerische Unabhängigkeit. Auch die Kommunistische Partei erkannte irgendwann, dass sie Freiheit in gewissem Umfang zulassen musste, um das kreative Unternehmertum in ihrem Reich nicht abzuwürgen.

Dieses Dilemma der staatlichen Führung schien sich wiederum Zhang Yiming zunutze zu machen, um zunächst innerhalb der Volksrepublik und später auf den internationalen Märkten zu expandieren.

In einer packenden Darstellung skizziert die Autorin, wie sich die ambitionierten TikTok-Mitarbeiter gegen die schleichende, fast allgegenwärtige Einflussnahme seitens der Partei und ihrer Handlanger zu wehren suchten.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Wie wehrt man sich gegen politische Einflussnahme?

Eine herausragende Stellung nimmt das sogenannte “Project Texas” ein. Vertreter von TikTok mussten im US-Senat Rechenschaft darüber ablegen, ob die auch in den Saaten immer erfolgreichere Plattform weiterhin von ByteDance und der KPCH gesteuert wurde.

TikTok erklärte sich bereit, seine Daten von US-Bürgern auf Servern in Texas (Oracle) und gespiegelt in Singapur vorzuhalten. Doch das Unternehmen musste auch darlegen, wie es verhindern wollte, dass Mitarbeiter von ByteDance auf diese teils sensiblen Daten zugreifen konnten.

Das Problem bestand nicht nur darin, dass TikTok rechtlich noch zu ByteDance gehörte, sondern dass unter den Mitarbeitern niemand wusste, wie die Datenströme innerhalb des Unternehmens genau flossen und welche Funktionen bestimmte Apps hatten.

Die technische und organisatorische Struktur innerhalb von TikTok war gewollt instransparent, was dazu führte, dass Präsident Donald Trump in seiner aktuellen zweiten Amtszeit beschloss, TikTok müsse doch verkauft und von einem US-amerikanischen Konsortium übernommen werden.

Dieser letzte Akt ist nicht mehr Gegenstand des Buches, dessen Erscheinen sich mit den jüngsten präsidialen Entscheidungen überschnitt. Aber das mindert nicht die Qualität und Aktualität der Darstellung.

Emily Baker-White weiß nicht nur, packend zu erzählen. Sie stellt auch unter Beweis, dass man sogar über die aktuelle Techbranche seriös und strukturiert berichten kann.

Der Fall TikTok ist nur ein Paradebeispiel für das Dilemma von miteinander konkurrierenden Staaten und großen Unternehmen. Wir können die gleichen Konflikte innerhalb von Facebook, X oder OpenAI beobachten. Der Fall von TikTok verlief nur viel rasanter und spektakulärer. Fazit: eine klare Leseempfehlung!

Sven Precht

Emily Baker-Whiste: “TikTik Time Bomb”, Piper Verlag 2025, 525 Seiten, 25,00 €.

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Sven Precht

Sven Precht hat Philosophie und Literatur studiert und unterschiedliche Berufe und Tätigkeiten ausgeübt: Redakteur (Zeitschriften, Online-Portale) , Autor, Projektleiter, IT-Sicherheitsbeauftragter, Podcaster (!auf ZENdung!). Er praktiziert seit 2004 formale Zen-Meditation nach der koreanischen Tradition. In Ravensburg leitet er eine Zen-Gruppe.

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