Eine philosophische Perspektive
Es gibt viele Gründe, warum Menschen ihre Heimat verlieren. Der Autor beleuchtet das Phänomen Heimatverlust aus philosophischer Sicht. Tiefschürfend geht er auf Flucht und Vertreibung ein, aber auch auf die in rechten Milieus verbreitete Ausgrenzung des Fremden. Letztlich fragt sich, ob wir überhaupt je heimisch sein können in dieser Welt.
Text: Heidemarie Bennent-Vahle
Der Sehnsucht nach Heimat in der modernen Welt geht der Verlust von Heimat voraus. Flucht und Vertreibung stehen daher oft am Beginn eines geschärften Heimatverlangens. Die Unmöglichkeit der Rückkehr und die Verhinderung einer Neu-Beheimatung bedeuten daher eine dauerhafte Verletzung für die Entheimateten.
Aber auch diejenigen, die die Orte und Landschaften ihrer Kindheit nicht verlassen mussten, haben im Zuge der Industrialisierung, Zersiedlung und Zerstörung der natürlichen Umwelt Heimat verloren.
Dieses Buch ist insbesondere für ein lebensnahes Philosophieren von unschätzbarem Wert. Es arbeitet die emotionalen Bezogenheit des Menschen auf das Phänomen ‚Heimat’ in vielen Dimensionen aus.
Hierüber intensiv nachzudenken, ist heute wesentlich für jede Form zwischenmenschlicher Interaktion, insbesondere dann, wenn wir mit Menschen zu tun haben, die ein langjähriges Zuhause hinter sich lassen mussten.
Im (Rück)Blick auf die Orte seines Heranwachsens dient dem Autor das persönliche Erleben als Einstieg. Hier bereits wird ein zentrales Grundmotiv des Buches angestimmt: das unerfüllbare nostalgische Sehnen des Menschen nach Heimkehr an einen Ort der Geborgenheit.
Heimat ist eine Verlustfigur, ein Ideal, in dem sich das Verlangen nach existenziell-sinnlicher Geborgenheit und Vertrautheit spiegelt. Eindrucksvoll entfaltet Hirsch diesen Gedanken in Anlehnung an eine Vielzahl literarischer Quellen und führt ihn zugleich einer philosophisch-anthropologischen Vertiefung zu.
Menschen werden aus ihrer Heimat verbannt
Das erste Hauptkapitel bietet historische Einblicke in den Heimatdiskurs seit der Romantik. Im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung wurde Heimat zur Schimäre einer intakten Welt der Verbundenheit und Naturnähe, wurde zum Gravitationspunkt eines menschlichen Sehnens, das der kalten Realität der Moderne zu entfliehen suchte.
Die nationalsozialistische Ursprungsmystik von Blut und Boden wusste die Sehnsucht nach der intakten Welt zu vereinnahmen, gleichwohl betrieben die Nazis eine ‚Heimatvernichtung’ ungeheuren Ausmaßes. Auch heute bedient man sich im rechten Milieu wieder einer Idee der Blut- und Bodenhaftung, deren zentrales Merkmal darin liegt, bestimmte Bevölkerungsteile zu stigmatisieren und auszugrenzen.
Verfolgung, Vertreibung und Heimatverlust stehen im Fokus des zweiten Kapitels. Mit Nachdruck verdeutlicht der Autor, wie umfassend von Flucht betroffene Personen in ein „Niemandsland des Menschseins” verbannt werden. Durch Bezugnahmen auf literarische Beispiele werden die Beschädigungen durch Heimatlosigkeit in hohem Maße eindringlich gemacht.
Eigenes und Fremdes überlappen sich
In den Kapiteln III bis V wird die Möglichkeit eines Heimisch-Werdens in der Welt grundlegend hinterfragt. Insbesondere das Wohnen wird als Verankerungspunkt der Beheimatung thematisiert.
Gerade in diesem Teil wird unübersehbar – und dies macht die besondere Qualität des Buches aus –, dass politische Verantwortungsfähigkeit vor allem durch ein vorbehaltloses, philosophisch angeleitetes Nachdenken über unser Menschsein fundiert wird.
Mit Bezug auf Heidegger folgt eine differenzierte Betrachtung der Phänomene von Nähe und Ferne — der Dimension existenziell-sinnlicher Berührung, die Vertrautheit und Geborgenheit stiftet.
Die wechselseitige Bedingtheit von Vertrautheit und Fremdheit steht im Fokus des IV. Kapitels. In der Begegnung mit dem Fremden, auch dem uns fremdartig erscheinenden Migranten, konturiert sich das Eigene erst heraus.
Doch es wäre eine fatale Verkennung unserer menschlichen Situation, sich zur Bewahrung des Eigenen gegen Fremdes zu verschanzen. Denn es gilt zu bedenken, dass wir in gewisser Weise sogar uns selbst stets Fremde bleiben.
“Niemand hat mehr Recht an einem Ort der Erde zu sein als ein anderer”
Ohne Beschönigung benennt der Autor das doppelzüngige Agieren der europäischen Kultur, die trotz hochfliegender Proklamation allgemeiner Menschenrechte ohne Skrupel andere Kontinente in Besitz nahm, die Ureinwohner kolonisierter Länder dehumanisierte, versklavte und ausbeutete.
Im letzten Teil greift Hirsch das Thema der Rechtshistorie auf. Seine Kritik gilt einer fraglichen Politisierung des menschlichen Lebens, die kein fundamentales Recht auf Leben mehr kennt. Im Rückbezug auf Kant reklamiert Hirsch einen „Anspruch auf Hospitalität, der in der Tatsache gründet, dass – so Kant – „ursprünglich (…) niemand an einem Orte der Erde zu sein mehr Recht hat, als der andere.”
An dieser Stelle stellt der Autor eine überaus wertvolle Frage: „Warum gehen wir nicht hin und bestimmen das, was das Menschsein in seinem Kern ausmacht, nicht im Ausgang der ethischen Fähigkeit zur Empathie?”
In seinem „heimatlichen Schlussakkord” benennt Hirsch den positiven Wert des Heimwehs. Die hierin wirkende Sehnsucht nach Verbundenheit dürfe aber nicht „im Widerspruch zu einem großzügigen und offenen ‚Ankommenlassen’ der Fremden stehen.”
Dieser letzte Appell trägt der Einsicht Rechnung, dass ‚Heimat’ etwas „Ungreifbares und Fluides” bezeichnet — das Ideal eines Zuhause-Seins, welches niemandem verweigert werden kann.
Der Band beeindruckt aufgrund einer Vielfalt verwobener Aspekte. Sprachlich sensibel führt er die Ambivalenz einer Gefühlssphäre vor Augen, die uns als leiblich verankerten Wesen unaufhebbar anhaftet. Hierbei ist Hirschs Buch, das die Komplexität des Themas in sensibler und verständlicher Weise aufrollt, eine hilfreiche Inspirationsquelle.
Alfred Hirsch Heimatweh. Eine philosophische Erzählung. Verlag Karl Alber 2025
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