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Interview: Überholte Männerbilder und Krieg

Illustration: Silvio Sabia / italic visual design

Wie autoritäre Muster Gewalt befördern

Warum gibt es Kriege? Einer neuen Studie von Alexander Yendell zufolge spielen starre Männlichkeitsbilder und autoritäre Prägungen eine große Rolle für Krieg und Gewalt. Das betrifft nicht nur einzelne Führungspersonen, sondern ganze Gesellschaften. Der Ausweg: Empathie, Prävention und Hilfe für Menschen mit Gewalterfahrungen.

 

Das Gespräch führte Kirsten Baumbusch

Alexander Yendell arbeitet als Soziologe am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Leipzig. Für seine 2025 erschienene Studie zu Rechtsextremismus, Rassismus und Fragen zum Krieg hat er mit David Herbert von der Universität Bergen in Norwegen die Antworten von mehr als 1000 online befragten Personen in Großbritannien ausgewertet. Er fand heraus, dass territoriale Interessen und Sicherheit nicht die einzigen Motive sind, Krieg zu führen. Dahinter stehen auch psychologische Dynamiken, vor allem starre Männlichkeitsideale und autoritäre Muster.

Das Gespräch führte Kirsten Baumbusch

Frage: Zuletzt sorgten Sie für Aufmerksamkeit mit einer neuen Studie zu Männlichkeitsidealen und Krieg. Was kam da heraus?

Yendell: Die Studie ergab, dass Männlichkeitsvorstellungen, die Gewalt legitimieren, der stärkste Faktor bei der Befürwortung von Krieg ist. Wer glaubt, Männer sollten ihre Familien mit Gewalt schützen oder für Ehre kämpfen, stimmt Kriegen häufiger zu. Autoritäre Unterordnung und sadistische Charakterzüge tragen ebenfalls zur Befürwortung von Krieg bei.

Was steckt dahinter?

Yendell: Wer in der Kindheit Gewalt erlebt hat, verinnerlicht das häufig als Muster, so dass Härte, Demütigung und Drill zur Normalität werden. Das heißt für uns: Kriege sind nicht nur strategische Entscheidungen, sondern spiegeln tiefsitzende psychische Strukturen wider. Und das nicht nur bei den Anführenden, sondern ebenso in der Gesellschaft.

Schien es nicht eine Zeitlang, als könnte eine liberalere, gleichberechtigtere Erziehung, in der auch Jungen Gefühle zeigen dürfen, eine andere Art von Männerbild erzeugen?

Yendell: Sicher, wir haben Fortschritte gemacht, aber weniger als wir dachten. Es gibt auch heute noch viele Formen gewalttätiger Erziehung. Das kann auch psychischer Natur oder Vernachlässigung sein.

Außerdem herrscht in weiten Teilen der Bevölkerung ein starkes Gefühl der Ohnmacht. Und wir haben viele Menschen bei uns, die in ihrer Kindheit unter diktatorischen Regimen mit fürchterlichen Erziehungsidealen gelebt haben.

Dazu kommen immer neue Krisen. Wir erleben derzeit eine Art Massenregression: Ganze Gruppen und Gesellschaften fallen in autoritäre Muster zurück. Sie fühlen sich als Opfer und bestimmte Parteien machen das zu ihrer Politik. Das Gefährliche dabei: aus der Opferrolle heraus ist man immer moralischer Sieger und kann Gewalthandlungen legitimieren.

Was ist schiefgelaufen?

Yendell: Wir haben zwar aus dem Nationalsozialismus gelernt, aber nicht begriffen, welche Auswirkungen Grausamkeit in der Kindheit haben. Das wird noch immer tabuisiert, weil so viele betroffen sind.

Empathiebildung ist auch Demokratiebildung.

Was macht die Faszination von Menschen wie Wladimir Putin aus, die sich als Krieger, beim Kraftsport, in der Wildnis oder halbnackt auf dem Pferd inszenieren?

Yendell: Es ist nicht der Anführer allein, der den autoritären Charakter hat, sondern auch die Gesellschaft. Die Kontrollmacht über die Anderen, das macht die Faszination aus.

Dazu kommt das Thema Sexualität. Es gibt keinen Krieg ohne Vergewaltigung, das spielt eine riesige Rolle. Und im Krieg Russlands gegen die Ukraine werden trotz des verbreiteten Hasses auf Homosexuelle auch viele Männer vergewaltigt.

Ihr Fazit lautet: Wer Kriege verstehen und verhindern will, muss die psychologischen Wurzeln sehen. Wie könnte das gelingen?

Yendell: Wir müssen als Gesellschaft viel mehr sprechen und überlegen, wie wir verhindern, dass solche narzisstischen, gewalttätigen und paranoiden Persönlichkeiten in Führungspositionen kommen. Das sind alles Menschen mit fragilem Selbstwert, die ihrer Angst nur mit Härte begegnen können.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Wir sollten Dominanzstrukturen in Frage stellen.

Wäre eine Gesellschaft, in der Frauen in allen Bereichen mehr Verantwortung tragen, ihrer Ansicht nach besser aufgestellt, um autoritäre Muster und Strukturen zu durchbrechen oder kann man das so allgemein nicht sagen, weil eben auch Frauen autoritäre Haltungen haben können?

Yendell: Eine Gesellschaft, in der die Verantwortung, die Frauen ohnehin tragen, stärker anerkannt wird, und in der weder Männer Frauen unterdrücken noch Frauen autoritäre Muster mittragen, wäre sicherlich demokratischer – und Demokratien sind weniger angriffslustig.

Emanzipation darf jedoch nicht heißen, autoritäre oder hierarchische Männlichkeitsmodelle zu kopieren. Stattdessen sollten wir Dominanzstrukturen grundsätzlich infrage stellen. Wir sollten anerkennen, dass Männer nicht nur in Machtpositionen Wert schaffen, sondern auch in der Fürsorge. Die emotionale Präsenz von Vätern ist dabei genauso wichtig wie die der Mütter und wirkt als Schutzfaktor gegen autoritäre Prägungen.

Gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung macht?

Yendell: Es gibt in der Prävention viele Programme und Projekte, die leider immer nur sehr kurzfristig finanziert sind. Die Politik hat nicht erkannt, dass Empathiebildung auch Demokratiebildung ist.

Ich habe ein Projekt in Leipzig, da geht es um Klimaanpassung. Dort sehe ich, dass wenn Menschen aus der Zivilgesellschaft gemeinsam an einer Sache arbeiten und sich begegnen, viel geschehen kann.

Menschen, die aus dem Extremismus ausgestiegen sind, erzählen, wie wichtig es für sie war, dass jemand – beispielsweise aus der Sozialarbeit – drangeblieben ist und an sie geglaubt hat.

Wir dürfen uns nichts vormachen: Menschen mit autoritären Mustern geht es nicht gut, die sind nicht glücklich. Damit es erst gar nicht so weit kommt, müssen wir die Bedürfnisse von Kindern stärker beachten. Sie brauchen das Gefühl gesehen und gehört zu werden. Aber grundsätzlich ist der Mensch auf Verbundenheit und Beziehung ausgelegt. Davon bin ich überzeugt.

Foto: privat

Dr. Alexander Yendell ist Soziologe und forscht am Leipziger Standort des Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt zu den Themen religiöse Pluralität, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Rechtsextremismus, politischer Protest, Gewalt und soziale Ungleichheit. Yendell wurde an der Universität Münster mit der Dissertation „Soziale Ungleichheiten in der beruflichen Weiterbildung“ promoviert. In Leipzig ist er als Mitarbeiter und Projektleiter an Forschungsprojekten zu verschiedenen soziologischen Forschungsthemen beteiligt, vorher war er zeitweise in England, Kanada, Österreich und der Schweiz tätig.

Neue Studie: Alexander Yendell & David Herbert: Authoritarianism and the Psychology of War: Exploring Personality Traits in the Legitimation of Military Conflict, in: Politics & Governance, Vol. 13, 2025 (Open Access). https://www.cogitatiopress.com/politicsandgovernance/article/view/10292

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