Vaude: Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit

Foto Vaude
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Portrait eines Familienunternehmens

Der Outdoor-Ausrüster Vaude steht für Naturverbundenheit und setzt dies konsequent im eigenen Unternehmen um: Vaude ist klimaneutral, setzt auf umweltfreundliche Materialien und sorgt für transparente Lieferketten. 40 Prozent der Führungskräfte sind weiblich. Stefan Ringstorff sprach mit Geschäftsführerin Antje von Dewitz.

In Tettnang in der Nähe des Bodensees, weitab der großen Städte, wo vieles noch ruhig und beschaulich erscheint, ist das Unternehmen Vaude angesiedelt. Sehr passend für einen Betrieb, der in Europa führend in der Herstellung nachhaltig produzierter Outdoor-Ausrüstung ist.

Geschäftsführerin Antje von Dewitz, 43, verkörpert die Marke, die für Naturverbundenheit steht, auf ungewöhnliche Weise. Sie wirkt bodenständig, kommt mit dem Fahrrad zur Arbeit, und ist gleichzeitig visionär, gesellschaftlich engagiert und aufgeschlossen für Neues.

Das Besondere bei Vaude? Das Unternehmen ist konsequent auf den Gleichklang ökonomischer, sozialer und ökologische Nachhaltigkeit in allen Unternehmensbereichen ausgerichtet. Woran liegt dieses konsequente Eintreten für die Nachhaltigkeit? In der Textilbranche, die durch skandalöse Arbeitsbedingungen in Asien, intransparente Lieferketten und giftige Inhaltsstoffe von sich reden macht, regiert bei Vaude ein anderes Verständnis. Nachhaltigkeitsziele sind Unternehmensziele. Hier soll jeder um Nachhaltigkeit wissen und sich dafür einsetzen.

Bonuszahlungen der Mitarbeiter sind teilweise von der Erreichung der Nachhaltigkeitsziele abhängig. Es ist die Maxime „Werteorientierung statt Gewinnmaximierung“, die das Nachhaltigkeitsverständnis leitet: „Um diesen Gleichklang der Nachhaltigkeit zu erfüllen, müssen wir uns jeden Tag mit diversen Zielkonflikten auseinandersetzen. Das ist ungeheuer komplex. Wir trainieren uns, bewusst in Lösungen zu denken“, berichtet Antje von Dewitz im Gespräch mit Ethik heute.

Der Schlüssel zum gelebten Selbstverständnis liegt auch in der Geschichte des Unternehmens, das sich zu 100 Prozent im Familienbesitz befindet. Antje von Dewitz ist die Nachfolgerin ihres Vaters Albrecht, von dem sie die 2009 die Geschäftsführung übernahm. Sie führt den Weg ihres Vaters fort, der das Unternehmen 1974 gründete und 1980 eine eigene Produktionsstätte in Tettnang am Bodensee aufbaute.

„Wir pflegen ein positives Menschenbild“

Im Mittelpunkt der Philosophie der von Dewitzs steht das Thema Verantwortung – für die Region, für die Mitarbeiter, für die Umwelt. „Wir pflegen ein positives Menschenbild bei Vaude. Als Arbeitgeber haben wir Vertrauen in die Kolleginnen und Kollegen und gehen davon aus, dass die Menschen einen guten Job machen wollen. Dafür stellen wir die Rahmenbedingungen zur Verfügung“, sagt von Dewitz.

Und die Rahmenbedingungen sind ungewöhnlich: Die Mitarbeiter können von zu Hause aus arbeiten. In vielen Bereichen wurde Vertrauensarbeitszeit eingeführt. Führungsaufgaben werden auch in Teilzeit erledigt. Es gibt eine gut organisierte Kinderbetreuung auf dem Firmengelände. Über 50 Prozent der Mitarbeiter arbeiten in Teilzeit, fast 40 Prozent der Führungskräfte sind weiblich – hier zeigen sich die Vorzüge einer modern organisierten Arbeitskultur in einem Unternehmen mit 500 Mitarbeitern.

Seit 2008 fasst Vaude sein soziales und ökologisches Engagement in einem Nachhaltigkeitsbericht zusammen. Seit 2014 berichtet das Unternehmen nach dem internationalen GRI-Standard (G4) – hier sind die Anforderungen strenger geworden. Es wird eine umfangreiche Wesentlichkeitsanalyse gefordert, also wichtige Aspekte, die in der jeweiligen Branche besonders relevant sind. Das soll Greenwashing verhindern und die Glaubwürdigkeit erhöhen. Kein anderer Outdoor-Ausrüster hat sich bisher diesem Standard unterworfen.

Vielleicht auch deshalb, weil der Outdoorbereich in Sachen Nachhaltigkeit kein einfacher Markt ist. Denn die Verwendung umweltfreundlicher Materialien ist aufgrund der hohen Anforderungen an die Bekleidung schwierig und teuer. Bei Vaude werden Lösungen erarbeitet, diesen Ansprüchen auf umweltfreundliche Art und Weise zu begegnen. So hat sich die Firma verpflichtet, bis 2020 komplett auf die besonders schädlichen PFC (poly- und perfluorierten Kohlenwasserstoffe) zu verzichten und umweltschonende Alternativen einzusetzen, um die Produkte wasserabweisend zu machen.

Umweltverbände wie der WWF ziehen den Hut: „Was uns aber bei Vaude gefällt, ist, dass von der Firmenleitung bis zur Mitarbeiterebene alle das Thema Nachhaltigkeit sehr offen angehen und offen für Verbesserungen sind“, so Bernhard Bauske, beim WWF Deutschland zuständig für Zusammenarbeit mit Unternehmen in einem Artikel der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Ökologischer Fußabdruck verringert

Auch im idyllischen Obereisenbach im Bodensee-Hinterland merkt man dies. So ist der Firmenhauptsitz einschließlich der Produktion vor Ort klimaneutral. Dabei ist Vaude drei Schritte gegangen: Zuerst wurden alle Verbräuche gemessen. Nächster Schritt war die Reduzierung der Verbräuche und damit auch der Treibhausgas-Emissionen. Seit 2011 konnten 20 Prozent Kohlendioxid-Emissionen eingespart werden. Alle nicht vermeidbaren Emissionen kompensiert Vaude seit 2012 durch eine Ausgleichszahlung an ein Klimaschutzprojekt der Nicht-Regierungsorganisation (NGO) myclimate.

Seit Jahren wird der ökologische Fußabdruck der Unternehmensprodukte minimiert. Im Textilsegment gibt es dafür noch keinen einheitlichen Maßstab. Daher hat Vaude das „Green Shape-Bewertungssystem“ für seine Produkte eingeführt – mit strengen und transparenten Kriterien. 87 Prozent der Produkte aus der aktuellen Bekleidungs-Kollektion tragen das Green Shape-Label.

Im sozialen Bereich ist Vaude seit 2010 Mitglied der Fair Wear Foundation, die sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion einsetzt. Es gibt einen strengen Code of Labour Practice. Die Fair Wear Foundation ist eine internationale NGO im Textilbereich. Die Lieferanten, mit denen Vaude zusammenarbeitet, werden kontinuierlich begleitet und in Audits regelmäßig inspiziert und die Arbeiterinnen und Arbeiter befragt. Es gibt eine Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, Unternehmensverbänden und Menschenrechtsgruppen vor Ort.

CSR- und Umweltbeauftragte Hilke Patzwall erklärt: „Das Ziel ist, die Bedingungen gemeinsam und langfristig zu verbessern, statt kurzfristig den Produzenten zu wechseln, wenn etwas nicht so gut klappt. Das kostet mehr Zeit und Energie, ist aber einfach nachhaltiger für alle Beteiligten.“

Überzeugendes Engagement

Ehrgeiz gehört eben mit dazu, wenn man der Beste sein will. Bei den von Dewitzs scheint er ausgeprägt zu sein. „Geht nicht – das gab es bei uns daheim nicht“, so Antje von Dewitz. Das habe ich von meinem Vater gelernt. Diese Maxime setze ich beim Erreichen von ökologischen und sozialen Zielen im Unternehmen konsequent ein“.

Durch und durch konsequent, dadurch besticht von Dewitz auch im Gespräch. Ihr Engagement für die Nachhaltigkeit erscheint lückenlos und überzeugend. Dabei ist sie unprätentiös, sie schmückt sich nicht mit dem Erreichtem, sondern betont die Herausforderungen, auch die noch nicht gelösten.

Die nächsten Ziele stehen an. Die größte Weiterentwicklung für die Lieferkette ist der Aufbau eines Umweltmanagementsystems mit Schwerpunkt auf Chemikalien- und Abwassermanagement. Ziel ist die Erhöhung der Transparenz in der Lieferkette und die Aufrechterhaltung des Leader Status bei der Fair Wear Foundation. In von Dewitzs derzeitigem Lieblingsprojekt werden alle Lieferanten in der gesamten Wertschöpfungskette im Bereich Umweltmanagement geschult.

All diese Aktivitäten gehen einher mit ökonomischem Erfolg. In einer Branche, in der die fetten Jahre vorbei sind, erwirtschaftet Vaude kontinuierlich Gewinne – ohne Einbrüche. Muss es auch, denn das Unternehmen ist von Banken finanziert und hat keine großen Geldgeber im Hintergrund wie etwa der Konkurrent Jack Wolfskin. Und somit ist auch die ökonomische Nachhaltigkeit erreicht.

Der Verbraucher honoriert dieses Bemühen. Die glaubwürdige Marke Vaude wird auch gekauft, wenn sie ein wenig teurer ist. Ende letzten Jahres wurde das Unternehmen als Deutschlands nachhaltigste Marke von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung ausgezeichnet. Bei Umfragen im Fachhandel und von Outdoor-Magazinen ist Vaude schon länger die Nr. 1.

Es gab auch Kritik am Unternehmen. Daran, dass Vaude seine Produkte über Amazon, den wegen seiner Arbeitsbedingungen in die Kritik geratenen Online-Händler, vertreibt. Doch von Dewitz kann und will sich nicht gegen gewisse Marktentwicklungen stellen, ist aber immer wieder im Austausch mit Amazon über dieses kritische Thema. Die Zunahme des Online-Handels ist jedoch Fakt und Vaude muss dabei sein, um zu überleben. Der Anteil des Online-Handels steigt und von Dewitz kann diese gesellschaftlichen Entwicklungen  nicht aufhalten.

Dagegen habe Sie sich über den Beschluss beim Weltklimagipfel in Paris oder die Einrichtung des Textilbündnisses ganz besonders gefreut, so Antje von Dewitz. Sie brauche für ihr ambitioniertes Unternehmen fördernde politische Rahmenbedingungen, verlässliche Gesetze und ein gesellschaftliches Umfeld, in dem ökologische und soziale Ziele formuliert und von den Verbrauchern auch gefordert werden: „Für wirklich grundlegende Veränderungen müssen alle an einem Strang ziehen.“

Stefan Ringstorff

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