Versöhnung mit der Endlichkeit

Foto: Christof Spitz

Wandel wirklich bewusst akzeptieren

Wir sind gut darin, die Veränderlichkeit des Lebens zu übergehen. Doch das Offensichtliche zu leugnen kann Leiden nicht vermeiden. Der Philosoph Ludger Pfeil lädt dazu ein, sich der Endlichkeit mutig zu öffnen und sie umarmend ins Bewusstsein zu nehmen. So könne man flüchtige Momente des Lebens erkennen, schätzen und ergreifen.

 

Dies ist die Fortsetzung des früheren Artikels mit dem Titel „Der blinde Fleck: Veränderung“ und der Frage: Könnte der Widerstand gegen Heraklits „Alles fließt“ in der westlichen Philosophie begründet sein?

Der allgegenwärtige und sich beschleunigende Wandel lässt sich nicht leugnen, sobald wir den Blick weg von abstrakten Theorien und Unendlichkeitsphantasien auf die lebendige Welt wenden. Doch wir haben lange geübt, Veränderungen zugunsten eines gedachten, angeblich wahren unveränderlichen Seins zu entwerten und in unserer Aufmerksamkeit zu vernachlässigen.

Wenn wir diese Erblast unserer europäischen philosophischen Tradition überwinden und ständigen Wandel bewusst wahrnehmen, ihn wirklich akzeptieren, besser verstehen und zu einer Grundlage unseres Erlebens und Handelns machen wollen, bleibt es uns nicht erspart, seine Bedeutung für unser eigenes Leben zu Ende zu denken.

Und das heißt vor allem, den Begriff der Endlichkeit in seiner ganzen Tragweite in unser Bewusstsein zu lassen. Die Abwehrmechanismen sind nicht zu unterschätzen – wir sind Routiniers der Vermeidung, nicht nur durch Wegsehen und Ablenkung, sondern auch durch begriffliche Umdeutung.

Ein Beispiel: Harald Welzer weist in seinem Buch “Nachruf auf mich selbst” darauf hin, dass unser Sprechen von „Krisen“ – so deutlich es beispielsweise bei der Klimakrise das dramatische Ausmaß des Wandels zum Ausdruck bringen will – sich doch das falsche Bild aus seinem medizinischen Kontext borgt:

Eine gesundheitliche Krise beginnt oft harmlos, steigert sich dann zu einem Höhepunkt, kann mit entsprechenden Maßnahmen meist überwunden werden und schwingt wieder in den vorherigen Normalzustand aus.

Dieses Muster erzeugt für viele Entwicklungen jedoch ein Trugbild. Bei der Erderwärmung handelt es sich kaum um ein in absehbarer Zeit abflauendes Höhepunktgeschehen. Vielmehr haben wir es mit einer exponentiellen Entwicklung zu tun, die sich unter Aufbietung aller Kräfte höchstens bremsen und abflachen lässt und in mehrfachen Hinsichten mit „Endlichkeitsphänomenen“ verbunden ist. Wir werden uns von vielem für dauerhaft selbstverständlich Gehaltenen verabschieden müssen.

Wäre ein „ewiges“ Leben erstrebenswert?

Auch für unser Leben wird einmal eine „Krise“ die letzte sein, von der wir uns nicht mehr erholen. Zyklische Zeitmodelle wie im altchinesischen Buch der Wandlungen, die die Wiederkehr und die natürlichen Rhythmen betonen, scheinen hier auf den ersten Blick nur einen schalen Trost zu bieten.

Denn unsere Sterblichkeit beruht nach einem dunklen, aber anregenden Wort des antiken Arztes und Pythagoras-Schülers Alkmaion darauf, dass die Menschen eben nicht in der Lage seien, das Ende mit dem Anfang zu verknüpfen.

Selbst der Glaube an pythagoreische Seelenwanderung oder eine unsterbliche Seele mit einem Weiterleben im paradiesischen Elysium vermögen seit der Antike kaum, die tiefsitzende menschliche Angst vor dem physischen Ableben vollkommen auszulöschen.

Auswege suchen die sogenannten „Immortalisten“ unter den Transhumanisten, indem sie biologische Unsterblichkeit durch Ausschaltung aller Alterungsfaktoren anstreben – mit mäßigem Erfolg.

Individuelle Immortalität scheint aber nicht nur Simone de Beauvoir, die die Konsequenzen in ihrem Roman “Alle Menschen sind sterblich” durchexerziert hat, grundsätzlich keine gute Idee. Sie würde uns nicht vor Kummer und Verlusten schützen, sondern diese eher noch verlängern und vermehren.

Abschiedlich leben und das Leben wertschätzen

„Abschiedlich“, also angesichts der omnipräsenten Vergänglichkeit im permanenten Modus des Sich-Verabschiedens zu leben, wie Wilhelm Weischedel es im Anschluss an antike Skeptiker und Stoiker vorschlägt, könnte eine abgeklärte Haltung darstellen.

„Nicht-Anhaften“ nennen das die östlichen Denker. Doch sogar in dieser Tradition ist es nicht einfach, Verlusten zu begegnen, wie der japanische Haiku-Dichter Kobayashi Issa (1763-1828) nach dem frühen Tod seines letzten verbliebenen Kindes beklagt:

Es ist wahr/ Dass diese Welt des Taus/ Eine Welt des Taus ist/ Aber selbst dann …

Dem Leben ständig mit dem Gedanken „Auch das geht vorüber“ zu begegnen, droht überdies alle Erlebnisse im Nu zu entwerten und langfristig in tiefe Depression zu führen. Die Kunst bestünde darin, abschiedlich zu leben, ohne dabei das Leben geringzuachten.

Eine tragfähige Versöhnung mit Verlusten kann nur gelingen, wenn wir die Trauer selbst als etwas Wertvolles würdigen, nicht nur als Anzeiger dafür, dass uns etwas wertvoll war. Die tröstende Umarmung Mittrauernder liefert uns den Hinweis: Wir müssten die Trauer selbst umarmen.

Das Sterblichsein verbindet uns mit anderen

Die buddhistische Geschichte einer Mutter, die den Tod des Kindes auf ihrem Arm nicht wahrhaben will, veranschaulicht, um was es geht. Sie bittet den Erleuchteten um eine Medizin, die zum Leben wiedererweckt.

Der Buddha schickt sie auf die Suche nach einem Senfkorn. Das gibt es in Asien in jedem Haushalt, doch es soll aus einem Haus stammen, indem noch nie ein Kind starb. In ihrer von Tür zu Tür stets abschlägig beschiedenen Frage erkennt die trauernde Mutter die Allgegenwärtigkeit des Leids und der unstillbaren Sehnsucht.

Mit schmerzlichen Veränderungen einhergehende Verlusterfahrungen und Kummer teilen wir mit anderen. Die Sterblichkeit ist eine Rahmenbedingung allen Menschseins. Sie verbindet uns zu einer Gemeinschaft von Trauernden, in der es leichter fällt, das Verlorene oder in Zukunft zu Verlierende (einschließlich des eigenen Lebens) wehmütig, doch nicht verzweifelt, sondern mit Dankbarkeit im Herzen zu verabschieden.

 

Nachgefragt: Kurzes Interview mit Dr. Ludger Pfeil auf Youtube: 

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Kairos – den günstigen Zeitpunkt ergreifen

Was es in der illusionslosen Betrachtung zu retten gilt, weil es darauf für unsere Sinnerfahrung im Wandel ankommt, ist das Bewusstsein unserer Selbstwirksamkeit. Es erwächst, wenn wir darüber reflektieren, welche Spuren wir mit einem vom Leid wissenden Mitmenschsein und dem daraus resultierenden mitmenschlich Handeln bei anderen hinterlassen – zuweilen auf verschlungenen Pfaden bis tief in weitere Generationen.

Der Kairos ist in der griechischen Mythologie der Gott der günstigen Gelegenheit. Dargestellt wird er häufig mit Flügeln und einem punkigen Haarschopf, an dem es ihn zu packen gilt, wenn er gerade vorbeieilt.

Er symbolisiert den passenden Moment zum einem Einflussnehmen, das alles zum Besseren wendet. Schwebende Aufmerksamkeit für innere und äußere Entwicklungen erhöht die Chance, ihn wahrnehmen und ergreifen zu können.

Die Versöhnung mit unserer eigenen Endlichkeit kann nur gelingen, wenn wir uns in überindividuellen Wirkungsketten verknüpft begreifen. Die Zyklen der Generationen, der sich stetig erneuernden Menschheit und des Lebens insgesamt gehorchen nicht dem Gesetz der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Sie beinhalten Evolution, Weitergabe intellektueller und emotionaler Vermächtnisse, sogar moralische Fortschritte. Jede:r Einzelne vermag einen Unterschied zu machen.

Unsere Lebenszeit ist endlich, aber was wir mit ihr anfangen, ist deshalb nicht belanglos oder vergeblich. Lässt sich aus der Langzeitperspektive des ewigen Wandels nicht auch der flüchtige Moment des eigenen Daseins als ein günstiger Augenblick, ein Kairos verstehen, den es zu erkennen, zu schätzen und zu ergreifen gilt?

Zum Nach- und Weiterlesen:

  • Simone de Beauvoir: Alle Menschen sind sterblich. Reinbek bei Hamburg 2004
  • Susan Cain: Bittersüß. München 2022
  • Verena Kast: Seele braucht Zeit. Freiburg 2013
  • Wilhelm Weischedel: Skeptische Ethik. Frankfurt/M. 1980
  • Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst. Frankfurt/M. 2021
Foto: Ilka Heckenmüller
Foto: Ilka Heckenmüller

Dr. Ludger Pfeil

studierte Philosophie mit Promotion, diverse Lehraufträge an Universitäten. Er arbeitet seit 1996 als Philosophischer Praktiker mit Seminaren, Cafés, Workshops  sowie Einzelberatungen. Ludger Pfeil hat zur analytischen Ethik, zur Führungsethik und zur Philosophie im Alltag veröffentlicht. 2015 ist bei Rowohlt sein Buch „Du lebst, was Du denkst“ erschienen. www.philosophie-im-leben.de

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