Ein über das Sterben berühmter Menschen
Wie weiterleben, wenn der Tod naherückt? Der Publizist Hubert Gaisbauer hat ein Buch über das Sterben von Menschen der jüngeren Geschichte beschrieben, die ihn beeindruckt haben: ihre Schmerzen, Ängste, ihr Ringen, aber auch ihre Kraft, ausweglose Situationen zu meistern. Ein Buch, das dazu inspiriert, intensiver zu leben.
Um das Thema Tod und Sterben machen die meisten Menschen am liebsten einen großen Bogen Ganz anders der Publizist Hubert Gaisbauer. Im hohen Alter hat er erkundet, wie berühmte Menschen gestorben sind. In den Geschichten fand er selbst Trost. Denn viele Menschen vor uns haben „den Absprung“ aus diesem Leben geschafft, wie er den Schriftsteller Peter Rühmkorf zitiert.
Natürlich kann man nicht über das Sterben schreiben, ohne das Leben in den Blick zu nehmen. Denn das Sterben ist ein wichtiger Teil des Lebens. Daher portraitiert der Autor zwölf Menschen, unter ihnen die Malerin Paula Modersohn-Becker, den Regisseur Christoph Schlingensief, den Maler Alexej von Jawlensky, den Dichter Paul Celan, die Philosophin Simone Weil.
Dies sind Menschen der jüngeren Geschichte, die den Autor offenbar mit ihrer Kunst, Poesie, ihrem Denken und vor allem in ihrem Glauben über viele Jahre hinweg begleitet haben. Es wäre ihm sonst wohl kaum möglich gewesen, ihre Geschichten so stark zu verdichten. Auch merkt man anhand der Auswahl der Persönlichkeiten, die allesamt dem Christentum nahe stehen, den starken Bezug des Autors zum christichen Glauben.
Der Schwerpunkt in den Geschichten liegt in den tieferen Schichten des menschlichen Seins: ihrer inneren Suche, ihrem Ringen, ihren Ängste und Hoffnungen und ihrer Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Dabei wird nichts beschönigt und geglättet. Ja, die Kraft der Menschen zeigt sich gerade darin, wie sie schwierige, ja ausweglose Situationen gemeistert haben.
Wie weiterleben, wenn der Tod näherrückt?
Der Maler Jawlensky etwa, war 14 Jahre ans Bett gefesselt und konnte aufgrund der Lähmung zum Schluss nur noch Minibilder, die berühmten „kleinen Meditationen“ malen.
Die Philosophin Edith Stein war vom Judentum zum Katholizismus konvertiert und wurde später nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Sie schrieb schon in frühen Jahren: „Es gibt keinen andern Weg … als den durch Kreuz und Nacht, den Tod des ‚alten‘ Menschen.“
Der Regisseur Christoph Schlingensief starb mit fast 50 Jahren, er wollte unbedingt leben. Über seine letzten Tage ist besonders viel überliefert, weil ein Tagebuch über seine Krebserkrankung veröffentlicht wurde mit dem Titel: „So schön wie hier kann´s im Himmel gar nicht sein“.
Die Philosophin Simone Weil hatte so sehr Anteil am Leid der Welt genommen, dass sie sich in den vielen Aufgaben und Arbeiten völlig erschöpfte und letztlich zu Tode hungerte. Sie sah das Sterben als „Freiwerden von sich selbst“.
Es sind bewegende, zu Herzen gehende Geschichten, die aber nicht niederschmettern. Denn Gaisbauer gelingt es immer wieder, „Spuren des Lichts“ zu suchen, wie er es ausdrückt. Leider sind die christlichen Vorstellungen, die in vielen Zitaten der Portraitierten zum Ausdruck kommen, nicht für jeden nachvollziehbar.
Manche Erfahrung sind dennoch universell. Gerade in dunklen Zeiten der Angst, des Schmerzes, der Einsamkeit finden die Menschen rettende Anker, vor allem in ihrem Innern, sei es im Glauben, in der Menschlichkeit und Liebe, in der Kunst.
So sind es Geschichten, die zwar von Abschied handeln, aber trotzdem Mut machen. Und sie werfen die Frage auf, die Schlingensief beschäftigt hat: Wie weiterleben, wenn der Tod plötzlich nahe rückt?
Wer dieses Buch liest, weiß: Der Tod ist immer nahe. Aber wer sich die Endlichkeit des Lebens bewusst macht und mit Sterben und Tod konfrontiert, lebt intensiver, verändert seine Prioritäten und Werte, wächst über sich selbst hinaus.
Birgit Stratmann
Hubert Gaisbauer. Vor der Ewigkeit: Letzte Tage und Stunden berühmter Menschen. Biographische Nahaufnahmen aus Philosophie, Literatur, Kunst und Religion. Tyrolia 2025
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