Wahrheit ist keine Privatsache

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Demokratie lebt vom Austausch

Wahrheit ist nicht subjektiv und keine Privatsache, sondern etwas, das im Dialog gemeinsam gefunden werden kann. Dabei ist die Kunst, Fragen zu stellen, wichtig, sagt die Philosophin Sarah Gebhardt. Denn fragen bedeutet, die eigene Begrenzheit zu sehen und den Dialog zu suchen. Das ist die Basis für die Demokratie.

»Frag nicht so viel.« Haben Sie diesen Satz als Kind gehört? Ich schon. »Sei nicht so neugierig.« In der Schule lernen wir, dass wir uns mit einer Frage blamieren können. Wenn wir hören: das ist eine dumme Frage, dann schämen wir uns.

Wir lernen außerdem, dass Fehler verboten sind und falsche Antworten bestraft werden. Daraus folgt, dass wir Angst haben vor falschen Fragen und falschen Antworten. Angst und Scham – das ist der Tod des Philosophierens.

Wenn wir Angst haben zu fragen, dann trauen wir uns auch nicht mehr zu hinterfragen – also kritisch zu denken. Aber ist nicht genau das eine wichtige Fähigkeit für Demokratinnen und Demokraten?

„Das ist meine Wahrheit, lass mich in Ruhe“

Heute hören wir oft: »Jeder hat doch seine eigene Wahrheit. Und du willst mir sagen, was wahr ist? Du Besserwisser. Du Moralist.« Wahrheit wäre dann Privatsache, jedem die seine – und was dann? Warum noch debattieren, sich auseinandersetzen, wenn es überhaupt keine gemeinsame Wahrheit gibt?

Oder umgekehrt: Wahrheit als etwas Absolutes, vorgegeben von einer Obrigkeit, von Gott. Hier muss niemand suchen, denn hier wird Wahrheit nicht gefunden, sondern ist bereits festgelegt. Wer trotzdem fragt, ist ein Abweichler oder ein Ketzer.

Wenn jeder seine eigene Wahrheit hat, dann gibt es keine Debatte. Dann ist alles subjektiv – jeglicher Irrtum ist ausgeschlossen. Und wer sich nie irren kann, muss nie fragen, nie zuhören, nie umdenken. »Das ist halt meine Wahrheit« heißt dann auch: Widersprich mir nicht, lass mich in Ruhe.

Im anderen Extrem kommt die Antwort von oben, von einer machtvollen Autorität. Die Wahrheit steht fest und darf nicht hinterfragt werden. Beide Wahrheitsbegriffe gehen nicht davon aus, dass der Mensch fähig ist zur Erkenntnis einer allgemeinen Wahrheit.

Es wirkt vor diesen Vorstellungen geradezu kühn, was die alten Griechen dem Menschen zugetraut haben: dass er auf Basis seiner Vernunft Erkenntnis finden kann – selbst, durch eigenes Denken und Fragen.

Demokratie und die gemeinsame Suche nach Wahrheit

Und diese philosophische Wahrheit ist keine Privatsache. Sie ist eine gemeinsame, eine politische: etwas, das für dich und für mich gilt, sonst wäre sie keine.

Politisch kommt von Polis, das griechische Wort für den Stadtstaat. Die Griechen hatten für den, der sich ins Private zurückzog und das Gemeinsame den anderen überließ, ein Wort: idiotes.

Wahrheit zu suchen, war für die Griechen keine Betätigung im stillen Kämmerlein. Im Gegenteil, sie findet im Dialog statt, ja auch in der Auseinandersetzung mit anderen: Ich lege meine Gründe vor, du legst deine vor, wir prüfen sie gemeinsam.

Ganz wichtig dabei ist, dass Wahrheit kein dogmatischer Begriff sein darf. Auch wenn ich völlig überzeugt bin, richtigzuliegen – ich kann die Wahrheit niemals bestimmen. Ich kann sie nur immer wieder zur Debatte stellen und versuchen, mein Gegenüber von meiner Erkenntnis zu überzeugen. Nicht mit Macht oder Gewalt, sondern mit Argumenten und Gründen.

Genau dafür gibt es die Demokratie. Sie ist nicht bloß ein Verfahren, um alle paar Jahre ein Kreuz auf dem Wahlzettel zu machen. Sie ist der Raum, in dem eine Gesellschaft gemeinsam nach dem Richtigen suchen kann – die einzige Staatsform, die auf diesem Zutrauen beruht: dass ihre Bürgerinnen und Bürger erkenntnisfähig sind.

In der Demokratie gilt das Mehrheitsprinzip. Dieses ist keine Wahrheitsmaschine – die Mehrheit kann irren. Aber es ist die Grundlage für die Übereinkunft, dass niemand Wahrheit mit Gewalt bestimmen darf.

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Unwissenheit als Einladung zum Denken begreifen

Eine Demokratie beruht darauf, dass die Menschen darin frei, ohne Angst und Scham, die Welt in Frage stellen können. Sie müsste bereits den Kindern eine Atmosphäre des Lernens ermöglichen, in der sie neugierig und offen alles fragen und hinterfragen dürfen, ohne sich vor einer Bestrafung fürchten zu müssen.

Das sokratische »Ich weiß, dass ich nicht weiß« ist weder Koketterie noch Resignation, sondern die eigentliche Bedingung für politische Freiheit. Es bedeutet nicht, dass wir keine Antworten finden können oder dürfen. Im Gegenteil: Eine Demokratie muss nach gemeinsamen Antworten suchen, sie muss verbindliche Grundlagen dafür erarbeiten, wie wir als Gesellschaft leben wollen.

Genau hier schließt sich der Kreis zu dem Kind, das wir einmal waren. Wenn wir in unserem Schulsystem lernen, uns für unsere Fragen zu schämen und Fehler zu fürchten, wird diese Scham im Erwachsenenleben zu einer politischen Altlast.

Es ist paradox: Eine Demokratie, die schon ihren Kindern das unbefangene Fragen abgewöhnt, entzieht sich selbst das Fundament, auf dem eine lebendige Debatte überhaupt entstehen kann.

Die Überwindung dieser Scham ist deshalb weit mehr als ein psychologisches Projekt für das eigene Wohlbefinden – sie ist ein politischer Akt.

Erst wenn wir wieder den Mut aufbringen, die eigene Unwissenheit nicht als Makel, sondern als Einladung zum gemeinsamen Denken zu begreifen, gewinnen wir die Mündigkeit zurück, unsere freie demokratische Gesellschaft selbst-bewusst zu gestalten.

Sarah Gebhardt ist Philosophin, personenkonzentrierte systemische Therapeutin (Arche Medica) und Dialogbegleiterin – mit der Leidenschaft, Menschen auf ihrem Weg zu mehr Klarheit und Selbsterkenntnis zu begleiten. Ihre Gedanken, Erkenntnisse und Fragen teilt als frühere Verlagsjournalistin u.a. auf Ethik heute.

Foto: privat
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Sarah Gebhardt

ist philosophische Praktikerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. In ihrer Praxis in Berlin begleitet sie Menschen im philosophischen Dialog zu mehr Klarheit und Selbsterkenntnis. Sie sieht im Gespräch die Basis für das demokratische Zusammenleben. www.sarah-gebhardt.de.

 

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