Beziehungsdynamiken verstehen
Autorin und Familientherapeutin Mona Kino beantwortet in ihrer Kolumne eine Frage zum Thema Beziehungen: “Warum klappt es im Urlaub oft nicht mit den Beziehungen?“
Frage: Warum klappt es in der schönsten Zeit des Jahres oft nicht mit den Beziehungen? Viele Paare haben Streit, manche trennen sich sogar nach dem Urlaub. Wie kann man sich besser auf die gemeinsame Zeit vorbereiten und was kann man tun, damit es nicht eskaliert? Oder muss man irgendwann einsehen, dass die Beziehung doch nicht klappt?
Mona Kino: Die Kinder sind aus dem Haus, endlich ein Urlaub mit der Liebsten am Meer. Doch die Stimmung ist frostig. Schweigen, Missverständnisse, verschiedene Vorstellungen: wandern oder doch lieber am Pool abhängen, Essen gehen oder Picknick machen? Verwunderlich ist das nicht, denn Urlaub macht sichtbar, was ist.
Die Wissenschaft beobachtet seit Jahren, dass Trennungen und Scheidungsanträge nach Ferienzeiten zunehmen. Eine Langzeituntersuchung der University of Washington fand über einen Zeitraum von 14 Jahren hinweg zwei deutliche Spitzen bei Scheidungsanträgen: im März und im August – also direkt nach den Winter- und Sommerferien.
Die Forschenden vermuten, dass viele Paare hoffen, die gemeinsame Urlaubszeit könne bestehende Probleme lösen und eine Trennung verhindern. Wenn diese Hoffnung enttäuscht wird, fällt die Entscheidung zur Trennung oft erst danach.
Der Urlaub zerstört Beziehungen also nicht. Er zeigt, welche Konflikte ungelöst sind. Im Alltag werden viele Konflikte von Routinen überdeckt. Arbeit, Termine, Verpflichtungen. Man funktioniert. Man organisiert. Man bespricht den Einkauf, den Zahnarzttermin oder die Steuererklärung.
In meiner Praxis und in meinem persönlichen Umfeld staune ich immer wieder darüber, wie wenig Zeit Paare im Alltag damit verbringen, sich wirklich zu begegnen.
Besonders häufig begegnet mir das bei Paaren in der Lebensmitte. Die Kinder sind erwachsen. Viele private und berufliche Ziele sind erreicht oder zumindest klarer geworden. Die große gemeinsame Aufgabe, herauszufinden welchen Beruf, welchen Wohnort und welche Familien man haben möchte, tritt langsam in den Hintergrund.
Und dann tauchen Fragen auf, die lange Zeit verborgen blieben: Wer sind wir eigentlich ohne all das, was uns beschäftigt hat? Wer bin ich? Wer bist du? Wer sind wir? Wer will ich sein? Wer wollen wir in Zukunft sein?
Frust und enttäuschte Erwartungen
Der Urlaub wirkt wie ein Vergrößerungsglas. Er vergrößert die Nähe, aber eben auch die Entfremdung. Viele Konflikte entstehen aus unausgesprochenen Erwartungen, nicht aus mangelnder Liebe.
Hinzu kommt die enorme Erwartung, die wir an diese wenigen Wochen im Jahr stellen. Der Urlaub soll romantisch sein, erholsam, verbindend und möglichst auch noch die Versäumnisse der vergangenen Monate, manchmal Jahre ausgleichen. Das ist eine große Last für einen Aufenthalt in Italien, Dänemark oder auf Mallorca.
Menschen gehen mit hohen Erwartungen in die Ferien. Sie erleben sie als Chance auf einen Neuanfang. Werden diese Erwartungen enttäuscht, kann der Frust umso größer sein.
Vielleicht wäre es hilfreicher, vor dem Urlaub nicht nur Koffer zu packen, sondern auch die Erwartungen zu Hause zu lassen und sich stattdessen auf den anderen einzulassen, ein Gespräch zu führen, das mehr in die Tiefe geht.
Übung: Das gemeinsame Gespräch
Eine kleine Übung kann helfen: das Zwiegespräch, die Dyade. Nehmen Sie sich eine halbe Stunde Zeit. Zuerst spricht die eine Person, während die andere nur zuhört. Dann wird gewechselt. Jeder eantwortet drei Fragen:
- Worauf freue ich mich in diesem Urlaub am meisten?
- Wovor habe ich Angst?
- Was wünsche ich mir von dir?
Die einzige Regel: Wenn eine spricht, hört der andere nur zu. Nicht antworten, nicht erklären, nicht verteidigen. Nur zuhören.
Wenn beide gesprochen haben, kann man sich noch einmal gemeinsam über das Gehörte, Erlebte austauschen.
Solche Zwiegespräche können Verbundenheit stiften. Man kann sie auch zu anderen Themen immer mal wieder führen, vielleicht sogar regelmäßig.
Interessiert mich der Mensch eigentlich noch?
Wenn es keine echte Annäherung gibt, bleibt die Frage: Muss man irgendwann akzeptieren, dass die Beziehung nicht mehr funktioniert? Vielleicht. Aber nicht jede Funkstille im Alltag oder jeder Streit im Urlaub ist ein Trennungsgrund. In meiner Arbeit erlebe ich etwas anderes als entscheidend: Nicht die Häufigkeit der Konflikte sind das Problem, sondern mangelnde Neugier.
Will ich noch verstehen, was in dem anderen vorgeht? Interessiert mich noch, wer dieser Mensch heute ist? Solange diese Neugier lebt, ist oft mehr Verbindung vorhanden, als ein schwieriger Urlaub vermuten lässt.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe. Nicht den Menschen wiederzufinden, den man vor zehn oder dreißig Jahren geheiratet hat. Sondern den Menschen kennenzulernen, der in diesen Jahren daraus geworden ist.
Und um das herauszufinden, fällt mir noch eine schönen Übung von Thich Nath Hanh ein, in seinen Buch: „Einfach lieben.“ Sie heißt „Schlafendes Kind“. Zusammengefasst geht es darum, die Person, mit der Sie zusammen sind, beim Schlafen zu beobachten. Ich schlage vor, 15 Minuten lang.
Wenn Ihnen dabei das Herz nicht weich wird, kann das ein Hinweis sein, genauer hinzusehen, vielleicht auch mit Begleitung.
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Mona Kino
ist Drehbuchautorin, Familientherapeutin und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Sie lebt in Berlin und begleitet deutschlandweit Eltern in ihren pädagogischen Fragen sowie Teams beim Teambuilding. 2020 ist ihr Buch „Zeit für Empathie- Fünf Wege Fünf Wege zu innerer Balance“ im Beltz-Verlag erschienen.
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