Ein Buch des Sozialarbeiters JJ Bola

Das Patriarchat verstehen und überkommene Vorstellungen von Männlichkeit überwinden, das ist das Anliegen des Sozialarbeiters JJ Bola. Er hat viele junge Männer begleitet und kennt männliche Muster, z.B. Gefühle zu unterdrücken. Erst wenn sich Jungen und Männer von Stereotypen befreien, sei Gleichberechtigung möglich.

Mit welchem Verständnis von Männlichkeit sollten wir die Jungs von heute heranwachsen lassen? Viele Rollen und Vorbilder für Männer sind überholt, etwa dass Männer stark sein sollen und keine Gefühle zeigen dürfen. Heranwachsende und junge männliche Erwachsene bewegen sich oft in einem Vakuum, wenn sie mit Gefühlen umgehen sollen. Sie haben es gelernt, stark sein zu müssen, bloß nicht zu weinen und Gefühle nicht zu artikulieren. Ihnen fehlt ganz einfach die emotionale Sprache, um ihre Gefühle auszudrücken.

Dass Männer auf diesem Weg in fatale Sackgassen geraten können, zeigen die Zahlen, die JJ Bola zu Beginn seines Buches „Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist“ aus Studien in Großbritannien zitiert: Männer sind in folgenden Bereichen prozentual überrepräsentiert Obdachlosigkeit (87 Prozent), verbüßte Haftstrafen (95 Prozent), Suizide (76 Prozent) und Alkoholismus (Männer sind dreimal so anfällig wie Frauen).

JJ Bola ist Aktivist und hat einige Jahre in England als Sozialarbeiter mit Jugendlichen mit psychischen Problemen gearbeitet. Nun hat er als Autor sein erstes Sachbuch veröffentlicht. Sein Ziel: „Ich hoffe, dass Jungen, Männer und die Gesellschaft die patriarchalischen und giftigen Erwartungen an Männlichkeit verlernen. Ich hoffe, dass Menschen frei leben können, auf ihre Weise und dass wir Hierarchien stürzen, die sich auf die Überlegenheit eines Geschlechts berufen.“

JJ Bola wurde in Kinshasa im Kongo geboren und kam in Alter von sechs Jahren mit seiner Familie nach London, wo er in einem Brennpunkt-Stadtteil aufwuchs. Er berichtet in „Sei kein Mann“ von seinen persönlichen Erfahrungen als Junge. In seinem Heranwachsen mischen sich kongolesische Herkunftskultur und die Erfahrungen mit der Kultur der neuen britischen Heimat: „Wie konnte es sein, dass es in einem Teil der Welt völlig normal war, wenn zwei Männer sich an den Händen hielten, während die Menschen in einem anderen Teil der Welt stehen blieben und starrten?“

Er sei ein ziemlich emotionaler Junge gewesen und verlieh seinen Gefühlen Ausdruck, unabhängig davon, ob es nun Traurigkeit oder Fröhlichsein waren. Er weinte, wenn er glücklich war, und weinte auch vor Wut. Doch das änderte sich radikal. Als er älter wurde, war er, wie er schreibt, niemanden mehr ehrlich gegenüber, was seine wahren Gefühle betraf, nicht einmal sich selbst gegenüber. Was blieb, waren innerer Ärger oder Zorn. Er legte sich damit einen Deckmantel aus Aggression und einem unbeherrschbarem Temperament um. Und so geht es vielen jungen Männern heute, an die sich der Autor mit seinem Buch wendet.

Das Patriarchat und die toxische Männlichkeit

Was bedeuten nun Auffassungen von Männlichkeit und die kulturellen Normen, in die sie eingebettet sind für das Heranwachsen der Jungs heute? JJ Bola fordert dazu auf, das Patriarchat zu verstehen, denn es ziehe sich wie ein roter Faden durch die Familie, das Bildungssystem und die Mainstream-Medien. Und das Patriarchat steht auch für toxische und fragile Männlichkeit, Dominanz und Aggressivität.

Das Patriarchat schreibe den Männern vor, wie sie in allen Aspekten ihres Lebens handeln, fühlen und sich verhalten sollten – von Geburt auf an. Oder sind die die stereotypen Farben – blau für Jungs und rosa für Mädchen – schon aus dem Alltag verschwunden?

Die Art und Weise, wie sich das Patriarchat im Alltag manifestiert, steht im Mittelpunkt des Buches. Dabei kann man konstatieren, dass die patriarchale Gesellschaft grundsätzlich Männer privilegiert und damit den Eindruck erweckt, dass Männer keine Probleme zu befürchten hätten, weil sie die Macht haben und stark sind.

Doch JJ Bola sieht darin ein Paradoxon: „Es ist eine Art zweischneidiges Schwert, ein giftiges Allheilmittel: Dasselbe System, das Männer in der Gesellschaft bevorzugt, ist am Ende auch das System, das sie einschränkt, ihr Wachstum hemmt und schließlich zu ihrer Zerstörung führt.“ Das hat er als Sozialarbeiter oft genug beobachtet.

JJ Bola nimmt uns im Verlaufe des Buches mit auf eine Reise durch die sozialen, kulturellen und politischen Kontexte, in denen überholte Männlichkeit existiert und neue Ausdrucksformen existieren könnten.

Männlichkeit versteht er dabei als populären Mythos und historisch-soziokulturelle Erzählung. Demgegenüber stellt er Einflüsse aus der Popkultur, der LGBTQ+-Community und Einsichten von Men of Colour und männlichen Geflüchteten, die ein diverses Bild von Männlichkeit vermitteln. Und darum geht es ihm: sich den eigenen Gefühlen zuzuwenden und gut damit umzugehen, sich um andere Qualitäten zu bemühen wie Liebe, Empathie, Warmherzigkeit.

„Sein kein Mann“ ist ein Appell an alle Männer, sich selbst und diejenigen, die wir zu den Männern von morgen heranwachsen lassen, von Stereotypen zu befreien und sich neu zu erfinden. Es geht um die Befreiung des Potentials, damit sich die Fülle männlicher Persönlichkeiten entfalten kann. Erst dann erscheint wirkliche Gleichberechtigung möglich.

Stefan Ringstorff

JJ Bola: Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist. hanserblau, München 2018. 158 Seiten