Warum Neid nicht gleich Neid ist

Und was Politik damit zu tun hat

Viele Menschen kennen Neid auf andere, die es scheinbar leichter haben. Doch anders als etwa in Schweden wird in Deutschland so mancher Neid auch politisch erzeugt, etwa wenn Kinder je nach sozialer Schicht unterschiedlich gefördert werden. Mehr Gerechtigkeit bedeutet auch weniger Anlass zu Neid.

Manche Menschen erben ein kleines Vermögen, andere erhalten immer mal wieder eine Finanzspritze, wenn es darauf ankommt. Und wieder andere haben nie im Leben auch nur 1000 Euro Rücklage, wenn plötzlich ihre Waschmaschine streikt.

In solchen Situationen sind Gedanken an die eigene Unterlegenheit oder Überlegenheit leicht. Man könnte sich einerseits denken: Meine Familie verdient diesen Reichtum, schließlich sind wir seit Generationen sehr fleißig.

Oder man könnte sich andererseits überlegen: Wieso rackere ich mich jahrzehntelang ab und kann mir nicht einmal ein kleines, finanzielles Polster leisten – während die Freunde in jeder Notsituation von der Verwandtschaft aufgefangen werden?

In solchen Situationen kommt laut Soziologen oft die „sozialen Denkfalle“ zum Tragen, also der Gedanke, andere hätten es eben leichter. Gesellschaftliche Unterschiede werden in Deutschland oft mit ethischem Verhalten in Verbindung gebracht, zum Beispiel so:

Wer es nie zu etwas bringt im Leben, sei eben nur faul. Und wer sich immer erfolgreich durch alle Karrierefallen hindurch manövriere, habe eben eine Ellbogenmentalität.

Dabei wird etwas außer Acht gelassen, was man beim Blick etwa auf Schweden oder Dänemark sieht: hier wird Ungleichheit politisch viel weniger geduldet, während sie in Deutschland gefördert wird. Und das kann sich darauf auswirken, ob Neid aufkommt oder nicht.

Dänemark und Schweden fördern Gleichheit

In Dänemark beispielsweise erhalten lernschwache Kinder von den Lehrenden unauffällig leichtere und besser strukturierte Schule mit nach Hause. Da diese Bücher jedoch nur für die Hausübungen und nicht für den Unterricht gedacht sind, fällt den Kinder untereinander nicht auf, dass ein Kind als lernschwächer eingestuft wird.

Auch gibt es weniger Bewertungsmaßstäbe, da es in Dänemark erst zwischen der sechsten und der achten Schulklasse erstmals Noten gibt – und nur in vier Fächern. Und wenn Noten keine Rolle spielen, ist der Einfluss von Akademiker-Eltern auf die Lernergebnisse der Kinder geringer.

Im Nachbarland Schweden gibt es zwar eine Unterteilung in Grund-, Mittel- und Oberschulen, doch diese gilt für alle – und auch hier gehen die Kinder bis zur zehnten Stufe in dieselbe Schulklasse. Jedoch werden stärkere Schülerinnen und Schüler hier nicht besonders gefördert. Der Fokus liegt ähnlich wie in Dänemark eher auf lernschwachen Schülern.

Das sei etwas anders als in Deutschland: „Seit einiger Zeit ist ein Trend hin zu mehr Förderung auch von lernstarken Schülern zu verzeichnen. Im Allgemeinen lag der Schwerpunkt lange jedoch auf schwachen Schülern“, sagt beispielsweise Katharina K., die das Instagram-Profil schwedenmitkindern mit 22.000 Followern betreibt.

Was macht Minderprivilegiertheit mit Menschen?

Forschende der Soziologie haben längst herausgefunden, dass gesellschaftliche Privilegien den Weg in höhere Berufe in Deutschland erleichtern.

Dem emeritierten Eliteforscher Prof. Michael Hartmann zufolge haben es Arbeiterkinder auch heute noch erheblich schwerer als Kinder der Mittel- oder Bürgerschicht. Um aufzusteigen, müssten sie deutlich bessere Leistungen bringen als die Kinder aus höhergestellten Familien – bei gleicher charakterlicher Eignung.

Prof. Hartmann betont: „Es müssen sehr viele Zufälle zusammentreffen, damit ein Arbeiterkind aufsteigen kann: ein früher Ermutiger mit Vorbildcharakter, möglichst früh die bessere Schule, ein beruflicher Mentor im eigenen Umfeld und der Mut, auch beim Umgang mit Bessergestellten stets an sich zu glauben.”

Genau aus dem Grund spricht sich Prof. Hartmann im „Standard“ für eine „Arbeiterkind-Quote“ für Spitzenjobs aus. Er betont, dass es nicht nur egoistische Persönlichkeiten nach oben schaffen. In Elitefamilien gebe es dieselben Charaktertypen wie in der Normalschicht. Die Privilegierten unterscheidet bloß, dass sie nicht merken, wie oft im Leben sie auf der Gewinnerseite waren – und durch viele vorteilhafte Bedingungen zum Ziel kamen.

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Ungleichheitsforschung und Gruppendynamiken

Auch Professor Gerhard Reese hat den Effekt sozialer Ungleichheit auf gesellschaftliche Reaktionsmuster erforscht. Ihm zufolge ist in puncto Ungleichheit zunächst wichtig, diese erst einmal anzuerkennen. Dann kann man ihr durch kleine Schritte entgegenwirken, um sich selbstwirksamer zu fühlen.

Reese unterscheidet als Reaktion auf Ungleichheit zwei Arten von Neid, die beide häufig vorkommen – diese stellen zwei Perspektiven dar, die man wählen könne. Der gutartigen Neid gilt als psychischer Mechanismus, der gute Beziehungen zu „Aufsteigern“ pflegt und sich für sie freut. Als bösartiger Neid gilt, wenn man dem anderen schaden will, weil er es besser hat oder sich freut, wenn es dem anderen gleich schlecht geht.

Reese empfiehlt besonders Menschen mit realen Abstiegssorgen – nach einer Kündigung oder wenn das Geld für die Miete knapp wird – schützende Faktoren wie soziale Eingebundenheit und das Annehmen von Support aus dem Umfeld, selbst von Bessergestellten. Zumindest, wenn die Hilfsangebote der Privilegierten ehrlich und nicht arrogant gemeint seien.

Auch die Politik kann eine Menge tun, um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Dann würden viele Neiddebatten hinfällig. Aber auch der Einzelne kann einiges erwirken, um Ungerechtigkeit entgegenzuwirken: dem Schlechtergestellten im Arbeitsteam mehr Chancen geben, Arbeiterkinder nicht aus dem Freundeskreis der Kinder ausschließen, Nachhilfe als Ehrenamt anbieten oder einfach nur mit Wertschätzung auf Menschen reagieren, die aus sozial benachteiligten Schichten stammen.

Quellen:

1. Interview mit Prof. Michael Hartmann, Telefonat am 30. Januar 2026
2. E-Mail-Korrespondenz mit Prof. Gerhard Reese, Korrespondenz vom 26. Februar 2026
3. Interview mit Prof. Michael Hartmann bei Standard.at

Foto: privat
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Maria Köpf

arbeitet in der Redaktion von Ethik heute. Zuvor studierte sie Germanistik und Judaistik. Heute ist sie Wissenschaftsjournalistin, Webredakteurin und freie Journalistin u.a. für Spektrum Gehirn & Geist und Spiegel Online. www.mariakoepf.com

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