Eva Illouz und die Ökonomisierung von Beziehungen
Wie wir lieben, ist keine rein private Angelegenheit, sondern auch gesellschaftlich bedingt. Die Ökonomisierung macht auch vor Paar-Beziehung nicht halt und verändert die Liebe, das ist die These der Soziologin Eva Illouz, die darüber empirisch geforscht hat. Der Artikel stellt zentrale Gedanken im Werk der Autorin über die Liebe vor.
“Liebe ist wie das Licht eines erloschenen Sterns,” schreibt die Soziologin Eva Illouz. Das Bild klingt rätselhaft, erschließt sich aber schnell, wenn man ihre Werke liest: Romantische Liebe gibt es kaum mehr, so ihre These. Die Ökonomisierung hält Einzug in Beziehungen.
Seit den 1990er Jahren bildet das Thema ‚Liebe‘ den Fokus zahlreicher Veröffentlichungen von Eva Illouz, basierend auf empirischer Forschung. Schon ihre erste einschlägige Untersuchung zur kulturellen Praxis der Paar-Liebe führt vor, dass Romantik zunehmend zum käuflichen Produkt wird.
Ein Beispiel: Um dem grauen Arbeits- und Ehealltag zu entrinnen, können Paare sich auf Wellnessreisen oder beim Candle-Light-Dinner in außergewöhnliche Stimmungen versetzen.
Die Studie “Der Konsum der Romantik” zeigt, wie sich auf diese Weise eine Art ‚romantische Kompetenz‘ bildet, die – gleichermaßen abhängig vom Geldbeutel wie vom Bildungsstand – zum Privileg gehobener Schichten wird. Die Liebe wird nicht mehr als Zufluchtsort des Persönlichen fernab ökonomischer Zwänge gesehen.
Weiter zeigt die Soziologin, dass die Intimität der Liebenden – nicht zuletzt infolge der Emanzipation der Frau – strukturell von neuartigen Konflikten bedroht ist. Die romantische Norm, dass primär die Liebe Sinn stiftet, tritt zurück.
Die romantische Liebe von Schattenseiten befreien
Liebende müssen sich auch nicht mehr gegen eine repressive Gesellschaftsordnung behaupten, weil im Zuge von Freiheit, Gleichheit und Selbstverwirklichung das Liebesleben liberalisiert wurde. Das unerfüllbare Sehnen und Schmachten vormoderner Liebesmärtyrer wäre so nicht mehr denkbar.
Zentral ist in heute primär die Frage: Wird der Anspruch von Gleichheit und Toleranz in der Beziehung wirklich eingelöst? Es gibt mehr Vielfalt, zum Beispiel Patchwork-Familien, lose Beziehungen usw., viele Menschen hinterfragen die traditionelle Ehe und vorgegebene Geschlechterrollen.
Das Liebesleben wird zunehmend einer rationalen Gerechtigkeitsprüfung ausgesetzt, etwa durch das Abgleichen von Bedürfnissen und Ansprüchen und ein Aufrechnen von Fehlern.
Dies ist aber für sich genommen noch nicht problematisch: So unbequem häusliche Machtkämpfe, das Thematisieren von Fehlern sowie das Ringen um Gleichberechtigung auch erscheinen mögen, hier liegt durchaus die Chance für ein Heranreifen unserer Liebesfähigkeit.
Vordergründige Kühle und Rationalität können dem Entstehen tiefer und dauerhafter Bindungen zuträglicher sein als überwältigende Leidenschaft in schwärmerischer Überhöhung des begehrten Objektes.
Mit Nachdruck verweist Illouz auf die Notwendigkeit, das romantische Ideal von seinen verborgenen Schattenseiten zu befreien, so dass Liebesbeziehungen eine veränderte, zeitgemäße Gestalt annehmen können.
Wenn Gefühlsarbeit spontane Nähe verhindert
Ein weiterer wichtiger Punkt, der die Paarbeziehung heute beeinflusst, ist die Psychologisierung. Dazu schreibt Illouz im Buch „Die Errettung der modernen Seele“ und zeigt, wie die Psychologisierung und feministische Kritik ineinandergreifen.
Im Zeichen von Offenheit und Individualisierung, so die Soziologin, „hing der Erfolg einer Ehe nunmehr von persönlichen statt von moralischen Eigenschaften ab.“
Doch was zunächst als Zugewinn erscheint – eine Neubegegnung ‚freier‘ Subjekte – mündete in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr in Enttäuschung:
Die minutiös-psychologisierende Herangehensweise mit ständiger Selbstbeobachtung sowie dem Mittteilen und Sezieren von Gefühlen hat negative Effekte. So kann die unablässige ‚Gefühlsarbeit‘ in problematische Formen reflexiver Selbst-Überwachung kippen, was spontane Zuwendung und intuitive Nähe verhindert.
Männer kompensieren Machtverlust durch Bindungsverweigerung
Noch ein Aspekt belastet die Liebe: Die Emanzipation der Frau, die von Illouz begrüßt wird, führt unter den Bedingungen des modernen Kapitalismus vielfach dazu, dass Frauen im Beziehungsleben verwundbarer sind.
Denn mit der rechtlich-ökonomischen Unabhängigkeit der Frau wandeln sich die Beziehungsstrukturen, und das untergräbt die Wünsche nach Partnerschaft und Familiengründung.
Männer, denen traditionelle Domänen der Überlegenheit genommen werden, leben ihren Machtanspruch heute vielfach über Bindungsverweigerung und das Ausagieren sexueller Freiheiten aus.
Während die biologische Uhr der Frau tickt, hat der Mann weitaus größere Spielräume für seine Fortpflanzung. Folglich entstehen neue Muster weiblicher Unterlegenheit und männlicher Dominanz, zumal viele Frauen ihren emotionalen Selbstwert nach wie vor stark über Anerkennung durch einen Partner definieren.
Frauen erleben permanente Zurückweisungen als existenzielles Scheitern der eigenen Identität. Denn ohne feste Regeln der Partnerwahl steht unablässig der eigene fragile Selbstwert auf dem Prüfstand.
Die Antwort auf die anhaltende Verunsicherung ist oft: Noch mehr Selbstoptimierung, was aber nicht zu mehr Glück führt. Sex-Appeal wird zum zentralen Wertfaktor der eigenen Person.
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Liebesleid als Folge der Ökonomisierung
Eva Illouz’ Studien “Warum Liebe wehtut” und “Warum Liebe endet”, die sie 2011 und 2018 publizierte, belegen, wie sich dieses Negativbild weiter verstärkt. Die Autorin führt hier die These aus, dass das Liebesleid der Moderne in erster Linie das Ergebnis einer übermächtigen gesellschaftlichen Ökonomisierung ist, die alle Lebensbereiche erfasst.
Marktstrukturen, Angebot- und Nachfrage, Aufrechnen und Bilanzieren, vereinnahmen das Beziehungsleben. Auch wenn Menschen sich heute bereitwillig die Schwierigkeiten in Beziehungen selbst anlasten, so sind persönliches Versagen bzw. psychologische Probleme Einzelner eher als sekundäre Effekte anzusehen.
Die Ökonomisierung des Liebeslebens schreitet im Zuge der Digitalisierung weiter voran. Die Partnersuche über Dating-Apps funktioniert wie ein Warenhandel nach Effizienzgesichtspunkten.
Es besteht die Gefahr, dass der hypersexualisierte ‚Konsum-Kapitalismus‘ Menschen zu bloßen Objekten macht, die in rascher Abfolge nach äußerlichen Kriterien ‚bewertet‘, ‚verbraucht‘ und schließlich ‚ausgetauscht‘ werden. Die Soziologin liefert dafür viele Fallbeispiele.
Ein Überangebot potenzieller Partner behindert jede Festlegung.
Stets ist der Gedanke präsent, dass beim nächsten Swipe ‚was Besseres‘ kommt. Ja, die Freiheit, eine Beziehung nicht einzugehen, erscheint heute gleichsam als Statussymbol.
Wer emotional distanziert bleibt, behält die Kontrolle. Gefühle werden analysiert und optimiert. Dies zerstört auf Dauer die Fähigkeit, sich bedingungslos und beständig auf eine andere Person einzulassen.
Sogar die spontane Bekundung liebevoller Zuneigung wird manchmal mit Misstrauen beantwortet. So wird Liebe entzaubert, während zugleich ein sexueller Materialismus die Oberhand gewinnt.
Wenn man auf rasche Bedürfnisbefriedigung aus ist, einschließlich sexueller Bedürfnisse, werden ethische Standards, zum Beispiel Fürsorge und Verantwortung, weitgehend ausgeschaltet. Was bleibt, ist eine dünne Verfahrensethik, d.h. wenige Regeln und Standards, die erforderlich sind, um die Autonomie der Individuen zu gewährleisten.
Eine Perspektive: Ethos der Liebe
Das alles klingt wenig hoffnungsvoll. Doch laut Illouz ist es wichtig, sich der Logik des emotionalen Kapitalismus bewusst zu werden, um sich dem Optimierungsdruck zu widersetzen. Erst dann rücken wir dem Wesen der Liebe wieder näher, denn Liebe bedeutet, sich von reiner Selbstbezogenheit zu lösen und wirklich in Beziehung zu sein.
Unter dem Begriff „neues Ethos der Liebe“ zeigt Illouz einen Weg auf: Sie plädiert für stabile Bindungen, die auf wechselseitigem Respekt und Gleichberechtigung basieren. Denn nur so können sich die Liebenden aufgeschlossen und verletzlich zeigen, und daraus erwachsen starke Bande der Intimität.
Ihr neues Ethos zielt auch darauf, Liebesleid zu minimieren, etwa in der Trennung rücksichtsvoll zu verfahren und die Beziehung nicht abrupt abzubrechen wie beim „Ghosting“.
Liebe ist damit kein passives Gefühlsgeschehen, keine sinnliche Triebhaftigkeit. Sie ist – hier wäre an Max Scheler zu denken – eine „aktive Tat des Geistes“ mit einem besonderen Interesse an der Wirklichkeit des anderen Menschen. Für die Paarkonstellationen heißt dies: Liebe vollzieht sich als ein wechselseitiger Prozess der Selbstwerdung.
Dr. Heidemarie Bennent-Vahle
ist Philosophin und Logotherapeutin, sie betreibt eine Philosophische Praxis in Henri-Chapelle/Belgien. Sie ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der IGPP (Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis), Mitherausgeberin des Jahrbuchs und Mitglied des BVPP (Berufsverband Philosophische Praxis). Autorin mehrerer Bücher, u.a. “Besonnenheit – eine politische Tugend” 2020 und “Weltverflochtenheit, Verletzlichkeit und Humor” 2022.
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