Neu: Ethik Quiz – Testen Sie Ihr Wissen

Was Gefühle mit Politik zu tun haben

Prosoziale Emotionen stärken die Demokratie

Die Gefühle prägen unser Leben und unsere Entscheidungen. In Krisenzeiten fühlen sich Menschen verunsichert. Rechtspopulisten nutzen das aus und schüren Wut und Angst. Harald Welzer fragt: Wie können wir resilient werden und prosoziale Emotionen kultivieren, um die Demokratie zu schützen? 

Wenn Krisenzeiten zahllose Ängste wachrufen, schwindet die Macht der Sachargumente. Genau dann setzen sich autoritäre und populistische Ideologien durch, die Welzer als „Herrschaftsformen des Gefühls“ kennzeichnet.

Will man, um Freiheit und Demokratie zu verteidigen, dem etwas entgegensetzen, so gilt es zunächst die enorme Wirkkraft menschlicher Emotionen und Leidenschaften anzuerkennen. Darum geht es in diesem Buch.

„Das Haus der Gefühle“ ist unsere eigentliche Wohnstätte — auf allen Ebenen der menschlichen Existenz. Deshalb lautet das Gebot der Stunde, uns selbst als Gefühlswesen anzunehmen, um dieses Haus sehr genau zu erforschen.

Allein dann besteht die Chance, dass Resonanz und Freundschaft Einzug in eine politische Szenerie halten, die derzeit zunehmend von einer Retropolitik aus Wut und Misstrauen dominiert ist.

An den Anfang seiner Erkundung des Emotionalen setzt der bekannte Soziologe Harald Welzer ein Zeugnis persönlicher Erschütterung, ausgelöst durch den Tod einer engen Freundin. Im Rahmen der Trauerfeier bei strahlendem Sommerlicht ruft der Blick auf die Schönheit der Natur eine tiefe Einsicht in ihm wach — wie ein ‚Vermächtnis der Verstorbenen‘, heißt es:

„Viele, und ich gehöre dazu, suchen und verfolgen die Utopie eines gelingenden Lebens, eines geglückten Zusammenseins, einen Friedenschlusses mit sich selbst, den anderen und der Natur.“ Hierfür die Augen zu öffnen und den Weg zu bahnen, ist das Anliegen dieses vielschichtigen und lesenswerten Buches.

Nur ein stabiles Haus der Gefühle kann auch Wut und Angst integrieren.

Das Buch räumt dem Erfahrungsmoment der Gegenwärtigkeit höchsten Stellenwert ein. Die Augen für Präsentes zu öffnen, verlangt eine realistische Sicht auf uns selbst und andere/s. Dies bedeutet, die Realität des Gegebenen nicht durch Idealbilder zu verstellen — vor allem uns selbst nicht mit einem idealen Selbst zu verwechseln.

Das rundum befreite Subjekt, die perfekte Beziehung und Gemeinschaft, der Zwang zu permanenter Innovation und Optimierung – all dies sind Luftschlösser der Zukunft, die unsere Sensoren für das gegenwärtig Anstehende ruinieren können. Wir sind trainiert im „Abwesend-Sein“.

In Anlehnung an die Entwicklungspsychologie bietet Welzer aufschlussreiche Einblicke in die unaufhebbare Wechselwirkung zwischen Umwelt und Subjekt.

Eindrucksvoll dargestellt sieht er eine solche Korrelation im Werk der Psychologin Martha Muchow, die schon in den 1930er-Jahren dazu forschte. Muchow untersuchte, wie die Lebenswelt der Großstadt die Entwicklung eines Kindes in verschiedenen Altersstufen beeinflusst. Hier findet der ökopsychologische Ansatz, den Welzer selbst vertritt, eine frühe Vorläuferin.

Generell gilt: Das Haus der Gefühle mit stabiler Statik setzt Urvertrauen in die Welt voraus, ein Beheimatetsein, das in der Kindheitsphase gegründet wird. Es ist die Basis dafür, einen realistischen und zugleich zuversichtlichen Blick auf die Welt zu entfalten, so dass man wirklichkeitsbezogen nachdenken und angesichts gegenwärtiger Problemlagen veränderungsbereit agieren kann.

„Jede Veränderung unserer Außenwelt bedeutet auch immer eine Veränderung unserer Innenwelt, unserer psychischen Struktur.“ Verlieren wir den fühlbaren Kontakt zur Welt — etwa durch Effekte der Digitalisierung und Beschleunigung —, so stellen sich Entfremdungsdynamiken ein, oft begleitet von Affekten wie Wut und Angst.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Menschliches Denken ist durch und durch sozial.

In Anlehnung an Hartmut Rosa lotet Welzer, den Verlust lebendiger Resonanzbeziehungen aus. Symptome sind hier u.a.: die Manie der Schönheits-OPs, die rasante Zunahme psychischer Erkrankungen, der Aufstieg einer menschenfeindlichen Politik.

Als sozial verfasste Wesen werden wir durch die Vereinzelungstendenzen der modernen, individualisierten Gesellschaft immens herausgefordert, zumal auch die Ressource der Freundschaft schwindet. Auf dieses Verlustgeschehen reagieren rechte Strömungen mit problematischen Vergemeinschaftungsangeboten.

Welzer sieht den Menschen primär als Beziehungswesen, verwoben in spezifische Orte und Atmosphären. Geist-Körper-Wechselbeziehungen sind permanent aktiv. Mithin ist das Innenleben als dynamische Gesamtheit unserer ‚gesammelten Welterfahrungen‘ anzusehen, die emotionale Markierungen hinterlassen.

Zahllose Belege untermauern, dass das reine, emotionsfreie Ich eine Illusion ist. Welzer verweist hier auf wissenschaftliche Forschungen und historische Beispiele, bringt persönliche Erlebnisse, aber auch fiktive Geschichten ein, die unsere Imaginationskraft anregen.

Da auch das menschliche Denken „durch und durch sozial“ ist, gelangt es immer nur zu vorläufigen Ergebnissen. Es ist, wie Vorarbeiten vieler Expertinnen und Experten zeigen, abhängig von Umweltfaktoren und Körperbedingungen. In Bezug auf die Frage der Moral konstatiert Welzer: „Die Amoralität liegt nicht in der Person, sondern in den Verhältnissen.“

Das Haus der Gefühle braucht wärmende Emotionen.

Deshalb brauchen wir neue Wohnräume der Gesellschaft, neue Klassenzimmer der Zukunft – Begegnungsstätten, an denen wir neue Formen des Gemeinsinns erproben und Netzwerke aufbauen können.

Wir müssen „gute Orte schaffen, an denen es warm ist und an denen Resonanz erfahren werden kann.“ Erst wenn das Haus der Gefühle von prosozialen, welteröffnenden, wärmenden Emotionen erfüllt wird, die der weltverschließenden Macht der Angst entgegenwirken, lässt sich das zivilisatorische Projekt der freiheitlichen Ordnung und Demokratie fortsetzen.

Das Buch ist nah am Puls der Zeit, bietet Einblick in akute Problemlagen. Es durchbricht die Dualität von Denken und Fühlen und gewährt doch – im Zeichen des Vernünftigen und Guten — einen distanznehmenden Blick auf die menschliche Situation.

Eingängig, manchmal leger geschrieben fordert es uns ab, gewonnene Einsichten auf das eigene Leben anzuwenden. Das ist vielleicht die größte Herausforderung in Zeiten, die von Angst und Narzissmus geprägt sind.

Das heißt: Wir müssen eigene Unzulänglichkeiten und mögliche Irrtümer einräumen, während wir dennoch zuversichtlich an Überzeugungen arbeiten, zugleich empathisch und kooperativ agieren.

Harald Welzer. Das Haus der Gefühle — Warum Zukunft Herkunft braucht. S. Fischer Verlag 2025

Foto: Jo Magrean
Foto: Jo Magrean

Dr. Heidemarie Bennent-Vahle

ist Philosophin und Logotherapeutin, sie betreibt eine Philosophische Praxis in Henri-Chapelle/Belgien. Sie ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der IGPP (Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis), Mitherausgeberin des Jahrbuchs und Mitglied des BVPP (Berufsverband Philosophische Praxis). Autorin mehrerer Bücher, u.a. “Besonnenheit – eine politische Tugend” 2020 und “Weltverflochtenheit, Verletzlichkeit und Humor” 2022.

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