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Was ist eigentlich Gelassenheit?

Jeremy Bishop/ Unsplash

Der Weg der Antike zur seelischen Gesundheit

Gelassenheit steht in diesen unruhigen Zeiten hoch im Kurs. Sie ist nach der antiken Philosophie die Voraussetzung für ein gutes Leben. Ines Eckermann erklärt, was Gelassenheit bedeutet und mit welchen Methoden man in unsicheren Zeiten gelassen und innerlich ruhig bleiben kann.

In einer Umfrage von 2025 gaben rund 68 Prozent der Befragten an, dass Stressvermeidung oder Stressabbau einer ihrer wichtigsten guten Vorsätze für das neue Jahr sei, wobei dies der häufigste Vorsatz war. Andere Studien zeigen, dass die Mehrheit, bis zu 82 Prozent der Deutschen sich zumindest gelegentlich gestresst fühlt und sich viele nach Entspannung sehnen, wobei Aktivitäten wie Natur, Hobbys und soziale Kontakte am beliebtesten sind.

Gelassenheit scheint heute begehrter denn je. Wenn von Gelassenheit die Rede ist, schwingt oft ein Missverständnis mit. Gemeint ist dann eine Art milde Gleichgültigkeit, ein Sich-nicht-aufregen-Wollen oder sogar ein Rückzug aus Verantwortung.

In der antiken Philosophie bezeichnete Gelassenheit jedoch etwas anderes: eine aktive, psychisch sortierte Haltung gegenüber sich selbst und der Welt.

Innere Freiheit bringt Glück

In der Antike gab es für das, was wir heute landläufig als stoische Ruhe oder Gelassenheit bezeichnen, zwei Wörter: Apatheia und Ataraxia. Beides übersetzen wir heute mit Gelassenheit, aber nur eine davon ist wirklich stoisch.

Ataraxia bedeutet wörtlich die Abwesenheit von Erschütterung. Gemeint ist ein Zustand innerer Ruhe, der nicht aus äußeren Umständen resultiert, sondern aus einer stabilen inneren Ordnung. Gelegentlich wird sie auch als „heitere Gelassenheit“ bezeichnet, was eine sehr charmante und greifbare Interpretation eines komplexen Konzepts ist.

Ataraxia ist keine momentane Entspannung, sondern eine dauerhafte Freiheit von innerer Unruhe, von dem ständigen Hin- und Her-Gerissen-Sein durch Erwartungen, Ängste und Kränkungen. Für die Epikureer und Pythagoreer war das Erreichen der Ataraxia eine Voraussetzung für ein gutes Leben und wird in manchen Abhandlungen sogar mit Glück gleichgesetzt.

Emotionale Souveränität statt Gleichgültigkeit

Eng verbunden damit ist das Konzept der Apatheia. Auch dieser Begriff ist heute missverständlich besetzt. Apatheia bedeutet nicht Gefühllosigkeit und schon gar nicht emotionale Kälte. In der Antike beschrieb dieser Begriff vielmehr die Freiheit von leidenschaftlicher Affizierung: von Affekten, die das Urteil trüben und den Menschen fremdbestimmt handeln lassen.

Wer apathēs ist, empfindet weiterhin Freude, Trauer oder Mitgefühl – aber er wird nicht von ihnen beherrscht. Besonders bei den Stoikern steht Apatheia für emotionale Souveränität, jedoch nicht für emotionale Leere oder Apathie.

Beide Konzepte entstanden nicht im philosophischen Elfenbeinturm. Die hellenistische Philosophie entwickelte sich in einer Zeit massiver politischer Unsicherheit: der Zerfall der griechischen Polis, Machtverschiebungen nach Alexander dem Großen, Kriege, Vertreibung, soziale Instabilität.

Die klassischen Sicherheiten waren verschwunden. Philosophie reagierte darauf nicht mit Heilsversprechen, sondern mit einer nüchternen Frage: Wie kann ein Mensch unter unsicheren Bedingungen handlungsfähig und innerlich stabil bleiben?

Autoren wie Epiktet oder Seneca verstanden Gelassenheit deshalb ausdrücklich als Voraussetzung moralischen Handelns. Wer permanent innerlich aufgewühlt ist, so die stoische Diagnose, reagiert reflexhaft, sucht Schuldige, verliert Maß und Urteil.

Gelassenheit sollte genau das verhindern. Sie schafft Abstand zwischen Reiz und Reaktion und damit Raum für Verantwortung. Und auch heute noch können wir durch Gelassenheit die innere Kontrolle über unser eigenes Leben zurückerlangen – auch wenn im Äußeren Chaos herrscht.

Schritte hin zu mehr Gelassnheit

Die antiken Philosophen waren sich einig: Gelassenheit entsteht nicht durch bessere Umstände, sondern durch Übung im Urteil. Wer lernt, Reiz, Bewertung und Reaktion zu trennen, entzieht Affekten die Macht über das eigene Handeln.

Stoische Gelassenheit heißt, Verantwortung dort zu übernehmen, wo sie möglich ist, und Kontrolle dort aufzugeben, wo sie Illusion bleibt. In einer übererregten Gegenwart ist das keine Rückzugsgeste, sondern eine Voraussetzung für klares, ethisches Handeln. Das können wir auch in unserem heutigen Alltag praktizieren. Einige Anregungen:

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Die Einstellung ändern: Zuerst ist Gelassenheit Einstellungssache: Es kann schon helfen, wenn wir in manchen Stresssituationen einen Schritt zurücktreten und uns die andere Seite anschauen: Entweder können wir uns in unser nerviges Gegenüber versetzen und das vielleicht unfaire Verhalten etwas besser verstehen.

Oder wir können das Positive in einer vermeintlich schlechten Situation sehen: Du hast den Zug verpasst? Schön, so hast du Zeit, dir noch einen Kaffee zu besorgen und einen Moment ganz für dich zu genießen. Oder du hast die Praktikumsstelle für den Sommer nicht bekommen? Vielleicht kannst du dann jetzt die Chance nutzen, und ein paar Wochen als Surflehrer in Frankreich verbringen. Einzusehen, dass fast alles auch eine gute Seite hat, bringt Gelassenheit

Etwas aufschreiben: Ein Schritt, um den Stress abzuschreiben, ist, ihn aufzuschreiben und zu erforschen: Was stresst mich? Wie oft stresst es mich? Und warum?

Wer ie eigenen Stressoren identifiziert hat, kann sich für jeden der Punkte überlegen, was passieren müsste, damit es nicht mehr so oft nervt.

Akzeptanz: Das Leben ist nicht perfekt. Gelassenheit, über eine Zeit eingeübt, kann eine alltägliche Denkweise werden. Wir verabschieden uns von bekannten Stresstriggern, akzeptieren Fehler und lernen, gelassen mit dem Leben umzugehen. Denn dieses ist nicht perfekt, muss es nicht sein und müssen wir auch nicht sein.

Wenn die Gelassenheit im Alltag präsenter ist, kann es gerade in Ausnahmesituationen einfacher sein, nicht die Fassung zu verlieren. Kommt die Bahn zu spät und wir verpassen einen wichtigen Termin, hilft es nicht, genervt zu sein. Die Einsicht, dass unsere Laune die Situation selten ändert, schenkt mehr Akzeptanz.

Und auch eine bewusstere Wortwahl kann im Alltag zu mehr Gelassenheit verhelfen: „Mega-Probleme“ oder „Furchtbares Desaster“ mögen Beschreibungen sein, die wir in der Situation passend finden. Und doch sollten wir uns hier an den Leitsatz halten, dass Sprache Wirklichkeit schafft.

Wenn wir eine Situation weniger stark bewerten und lieber auf die Chancen schauen, verändert sich die Situation bald. Einfach durch einen gelasseneren Blick darauf.

Gerade in unsicheren Zeit kann uns die Rückbesinnung auf antike Werte und Konzepte dabei helfen, Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen. Mit einigen einfachen Tricks können wir auch heute noch eine heitere Gelassenheit entwickeln – die uns vielleicht sogar ein bisschen glücklicher macht.

Foto: privat
Foto: privat

Dr. Ines Eckermann

machte einen Doktor in Philosophie. Sie arbeitet als Journalistin, Illustratorin und Buchautorin. Als ausgebildete Yogalehrerin und Seelsorgerin gibt sie Entspannungs- und Yogakurse. www. satzzeichnerin.de

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