Was tun gegen Sexismus am Arbeitsplatz?

Foto: Italy Gariev/ Unsplash

Ethische Alltagsfrage

In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” greift der Philosoph Jay Garfield eine Frage zum Thema Sexismus am Arbeitsplatz auf: „Sexistische Bemerkungen, Berührungen ohne Zustimmung – was können Frauen am Arbeitsplatz tun, um Sexismus etwas entgegenzusetzen?“

 

Frage: Ich arbeite in einem mittelständischen Unternehmen in einem größeren Team. Mein neuer Chef ist kompetent und die fachliche Zusammenarbeit ist gut. Neulich bekam ich jedoch mit, wie er über eine Kollegin sprach; es war eindeutig sexistisch. Was soll ich tun, zumal einige Männer sich darüber lustig machten? Ich habe auch schon in der Kantine gesehen, wie Männer Kolleginnen ohne deren Zustimmung angefasst haben. Was können Frauen am Arbeitsplatz tun, um Sexismus etwas entgegenzusetzen?

Jay Garfield: Es ist bedrückend, dass wir uns mit diesen Fragen immer noch auseinander setzen müssen, selbst in demokratischen Gesellschaften, die für die Gleichberechtigung sind.

Entschlossenes und konsequentes Reagieren ist wichtig, aber man muss vorsichtig vorgehen. Es ist entscheidend, die Arbeitsgesetze und die Unternehmensrichtlinien und – praktiken zu beachten. Weiter ist darauf zu achten, dass man den betroffenen Personen keinen weiteren Schaden zufügt.

Klar ist: Sexismus sowie diskriminierendes Verhalten ist moralisch verwerflich, vielerorts illegal und widerspricht den erklärten Richtlinien der meisten Unternehmen.

Leider ist er auch weit verbreitet.

Daher ist es wichtig zu handeln, wenn man ihm begegnet, auch wenn das unangenehm ist. Das Ziel jeder Intervention sollte es sein, Abhilfe zu schaffen und nicht zu bestrafen. Eine bloße Bestrafung bewirkt wenig. Erst wenn man Kollegen und Arbeitgeber an hohen Standards misst und diese einfordert, kann man Veränderungen bewirken.

Es ist wichtig, das Thema in der Firma anzusprechen

Sie sollten zunächst klären, ob das, was Sie beobachtet haben, tatsächlich ein Verhalten ist, das an Ihrem Arbeitsplatz nicht toleriert wird. Andernfalls könnten Beschwerden über Belästigungen als willkürlich angesehen werden.

Zweitens kann es sinnvoll sein, vor dem Ergreifen von Maßnahmen mit dem Opfer zu sprechen. In dem Gespräch können Sie herausfinden, welche weiteren Erfahrungen die Betreffenden schon in dieser Richtung gemacht hat und ob sie einverstanden ist, das Thema in der Firma zur Sprache zu bringen.

Manchmal kann es Gründe geben, dass eine Betroffene die Sache nicht weiter verfolgen will. In diesem Fall könnten Sie sich überlegen, wie Sie das Thema eher allgemein mit der Geschäftsleitung besprechen und Vorschläge zur Verbesserung der Kultur am Arbeitsplatz machen.

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Die Kultur im Unternehmen verändern

Da Sie in einem mittelständischen Unternehmen arbeiten, nehme ich an, dass es dort eine Ombudsperson oder eine Beauftragte für sexuelle Belästigung gibt. Wenn das so ist, können Sie sich an diese Person wenden. Denn diese Vertrauenspersonen kennen die Regeln, können sie durchzusetzen und Mitarbeiter darauf aufmerksam machen.

Die Ombudspersonen können sowohl mit dem Opfer als auch mit dem Täter direkt sprechen. Das hebt die Sache auf eine institutionelle Ebene und erhöht die Bedeutung des Vorgangs. Dadurch ist es wahrscheinlicher, dass sich die Kultur im Unternehmen langfristig ändern kann.

Wenn es an Ihrem Arbeitsplatz keine solche Beauftragte gibt, wenden Sie sich an die Unternehmesführung. Schildern Sie, was Sie beobachtet haben, und erklären Sie, warum Sie dies für inakzeptabel halten.

Wirken Sie darauf hin, dass eine Ombudsperson eingesetzt wird, damit es einen institutionellen Mechanismus für den Umgang mit solchen Vorfällen gibt und diese nicht zu zwischenmenschlichen Problemen gemacht werden.

Seien Sie sich bitte bewusst, dass Sie sich durch das Melden von Belästigungen möglicherweise dem Risiko von Vergeltungsmaßnahmen aussetzen. Es hängt davon ab, wie die Kultur im Unternehmen ist und wie integer die Verantwortlichen sind, an die Sie sich wenden.

Überlegen Sie also auch, wie Sie sich selbst schützen. Wir müssen Sexismus bekämpfen, aber auf eine durchdachte Weise. Das Ziel sollte sein, die Probleme zu lösen und den Opfern keinen weiteren Schaden zuzufügen.

Jay Garfield, Foto: Spitz
Jay Garfield, Foto: Spitz

Prof. Dr. Jay L. Garfield

ist Autor der Kolumne “Ethische Alltagsfragen” bei Ethike heute. Professor für Philosophie am Smith College, in Northhampten in den USA. Zudem ist er Dozent für westliche Philosophie an der tibetischen Universität in Sarnath, Indien. Ein Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit ist die interkulturelle Philosophie. Er ist Autor zahlreicher Bücher wie “Losing Ourselves: Learning to Live without a self” (2022).

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